Streisand-Effekt sagt der kundige Webnutzer, wenn eine Information unterdrückt werden soll, aber dadurch genau das Gegenteil erreicht wird. Zurück geht der Ausdruck auf den erfolglosen Versuch der Namensgeberin Barbara Streisand gegen eine Luftaufnahme ihres Hauses vorzugehen. Nach der Klage verbreitete sich das bis dahin unbekannte Foto rasant im Netz. Genau diesem Phänomen fiel die Essener Verkehrs AG (Evag) zum Opfer – wobei man nicht so recht weiß, ob Opfer das richtige Wort ist.
Statt Beileid scheint es angebrachter, Glückwünsche zu überbringen. Denn innerhalb kürzester Zeit hat es der lokale Verkehrsbetrieb zu bundesweiter Bekanntheit gebracht. Wer am Mittwoch bei Twitter unterwegs war, kam daran nicht vorbei: #evag.
Auslöser war ein Tweet des Social-Media-Mitarbeiters Thorsten (*t). Am Dienstagabend twitterte er: "@VRRdeFanpage Bitte keine hashtag-Nennungen mit der EVAG bitte. Letzte Warnung. *t". Tatsächlich ist der Account, an den sich die Warnung richtet nämlich keine Fanseite, sondern eine Satire, die sich über den Nahverkehr im Ruhrgebiet lustig macht. Davon hatte die Evag genug. Schließlich würden auch Fahrgäste beleidigt.
Hashtags sind Schlagworte, die durch eine Raute kenntlich gemacht werden, um damit auf bestimmte Themen hinzuweisen. Sie zu verbieten bedeutet für die Funktionsweise von Twitter etwas dasselbe wie ein Link-Verbot im Internet. So dauerte es nicht lange bis sich die Twitterwelt gegen das Unternehmen verschworen hatte. Die Reaktion lässt sich am besten mit dem Tweet des Nutzers Emic zusammenfassen: "Ich bin ja eher wie ein Kind. Wenn ich was nicht darf mach ich es erst recht. Letzte Warnung #evag".
Stundenlang stand der "verbotene" Hashtag auf Platz eins der deutschen Twitter-Trends. Böse Kommentare mit dem Kürzel #evag versehen, schossen im Sekundentakt durch die Timeline. Einige fühlten sich an die Steinigungsszene aus Monty Pythons "Das Leben des Brian" erinnert. "Niemand hat jemand zu steinigen bevor ich nicht pfeife! Selbst wenn - und ich sage nur WENN - jemand #EVAG sagt!", twitterte einer. "Sind #evag die, deren Namen man nicht aussprechen darf? Wie #Jehova? Dieses Stück Fisch wäre gerade gut genug für #evag", schrieb ein anderer.
"Bitte Vorsicht beim Hashtag #evag. Eva G. möchte nicht erwähnt werden und spricht deshalb Verwarnungen aus", kommentierte Rechtsanwalt Udo Vetter bei Twitter. Gegenüber FTD.de erläuterte der Betreiber des Law Blog, dass es keineswegs möglich sei, einen Hashtag zu verbieten, selbst wenn der Name Evag markenrechtlich geschützt wäre. "Wir bewegen uns hier ganz klar im Bereich der Meinungsfreiheit. Wo kämen wir denn da hin, wenn ein Hashtag nur noch positiv verwendet werden dürfte", sagt Vetter.
Ein juristisches Vorgehen habe man bei der Essener Verkehrs AG aber ohnehin nie erwogen, sagte Konzernsprecher Nils Hoffman. Alles sei ein großes Missverständnis. "Wir haben das gut gemeint, aber schlecht gemacht. Jetzt gucken wir, staunen und lernen", sagt Hoffmann. Ein PR-Gag sei das ganz aber nicht gewesen. "Viele unterstellen uns Guerilla-Marketing, aber wir haben das nicht intendiert. Allerdings kann man jetzt natürlich auf Ideen kommen, womit wir uns demnächst besonders doof anstellen." Negative Konsequenzen soll der missglückte Tweet für den berühmtesten Evag-Mitarbeiter Thorsten nicht haben. Vielmehr müsse man über eine Gehaltserhöhung nachdenken. Klar, denn schließlich hat sein Tweet ganz ohne teure Kampagne ordentlich (Strei)Sand aufgewirbelt.