James Dilworth ist Europa-Chef von Allianz Global Investors
Wenig scheint sicher bei der Rente, außer dass ihre Zukunft eines der entscheidenden Themen des Bundestagswahlkampfs 2013 sein wird - gut so! Es ist eines der großen Verdienste von Arbeits- und Sozialministerin von der Leyen, dass sie mit ihrem Vorschlag zur Zuschussrente eines der - im wahrsten Sinne des Wortes - langlebigsten Themen auf die Agenda gesetzt hat. Denn die demografischen Parameter aus der Zeit, als die dynamische Rente eingeführt wurde, gelten schon lange nicht mehr. Seinerzeit sorgten sieben Arbeitnehmer für das Renteneinkommen eines Rentners, bis 2050 wird sich das Verhältnis nach Schätzung der Uno auf zwei zu eins verschlechtern.
Man kann sich leicht ausmalen, dass zwei freie Vertragsparteien heutzutage den damals geschlossenen Generationenvertrag so nicht mehr schließen würden. Gerade weil der Konsens nicht greifbar ist und das Thema so langfristige Auswirkungen hat, ist die Politik gefragt, um die berechtigten Partikularinteressen unter dem Nenner des Gemeinwohls zu vereinen. Schließlich muss ein Rentensystem auch nachhaltig finanzierbar sein. Und hier schneidet Deutschland im internationalen Vergleich nach einer Analyse von Allianz Global Investors trotz Exporterfolgen und Jobwunder nur durchschnittlich ab, zwar weit vor dem Schlusslicht Griechenland, aber auch mit deutlichem Abstand zum Spitzenreiter Australien.
Sicher haben die Reformen des letzten Jahrzehnts zu einer Senkung des Leistungsniveaus bei der gesetzlichen Rente geführt und die kapitalgedeckte private und betriebliche Vorsorge gestärkt, nichtsdestotrotz war die Heraufsetzung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre notwendig. Zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts wurde mit dem Altersvermögensgesetz der demografische Faktor in der Rentenformel der gesetzlichen Rentenversicherung eingeführt und damit der Startpunkt für die Absenkung des Rentenniveaus gesetzt, um die Rentenbeiträge stabil zu halten. Die Riesterrente sollte die daraus resultierende Versorgungslücke decken, wird aber von weniger als 40 Prozent der Anspruchsberechtigten genutzt. Gleichzeitig wurden der Anspruch auf eine betriebliche Altersvorsorge (BAV) durch Entgeltumwandlung und die sofortige Unverfallbarkeit der geleisteten Beiträge gesetzlich festgeschrieben.
Betriebliche Altersvorsorge durch Entgeltumwandlung liegt mit einem Verbreitungsgrad von ungefähr zehn bis 15 Prozent der Anspruchsberechtigten noch deutlich unter dem Machbaren. Insgesamt stellt die betriebliche Altersversorgung in Deutschland mit rund sechs Prozent der gesamten Alterseinkünfte noch eine zu geringe Größe dar, um von einer echten zweiten "Säule" der Altersvorsorge sprechen zu können.
Für eine größere Durchdringung der BAV in Deutschland bräuchte es noch nicht einmal die Politik. Denn mit dem bestehenden Anspruch auf eine über das Bruttogehalt des Arbeitnehmers finanzierte BAV durch Entgeltumwandlung gibt es bereits gute Voraussetzungen. Ein Großteil dieses Potenzials für die Zukunftssicherung bleibt aber noch ungenutzt. Beispielsweise können sogenannte Opting-out-Modelle in der arbeitnehmerfinanzierten Altersversorgung durch Entgeltumwandlung einen zusätzlichen Beitrag zur Lösung des Problems leisten: Diese Modelle kehren die übliche Praxis um, nach der ein Arbeitnehmer selbst aktiv werden muss, wenn er aus seinem Bruttoeinkommen eine Betriebsrente ansparen möchte: Beim Opting-out wandeln alle Mitarbeiter eines Betriebes automatisch Bruttoentgelt in betriebliche Altersversorgungsansprüche um. Wer nicht mitmachen möchte, muss aktiv widersprechen. Die Verhaltensökonomie lehrt, dass dieser Perspektivenwechsel allein schon für eine deutlich höhere Beteiligungsquote sorgt.
Die letzten Reformen bei der kapitalgedeckten Altersvorsorge in Australien und Großbritannien haben in diesem Sinne die Entscheidungsfindung der Erwerbstätigen drastisch vereinfacht und das Rentensystem wesentlich effizienter gemacht. Auch hierzulande mangelt es nicht an Akzeptanz für ein Opting-Out in der Bevölkerung. Gerade die mittelständisch geprägten Unternehmen könnten damit klare Akzente bei der Rekrutierung und Bindung von Fachkräften setzen. Denn das Wachsen der Vorsorgelücke korrespondiert mit einem Fachkräftemangel auf Seiten der Erwerbsbevölkerung.
Eine höhere Beteiligungsquote ist ein Faktor, um die Altersvorsorge zu verbessern, adäquate Erträge am Kapitalmarkt sind mindestens ebenso wichtig. In Zeiten finanzieller Repression mit niedrigen Zinsen auf Staatsanleihen, die nach Abzug der Inflation negative Rendite erwarten lassen, ist Letzteres eine echte Herausforderung. Versorgungsträger müssen über neue Wege in der Kapitalanlage nachdenken, um ihre Zusagen und Garantien auf dem bisherigen Niveau halten zu können. Das intensive Management von Kapitalmarktrisiken und die internationale Mobilität des Kapitals, die Wachstumsgewinne aus anderen Teilen der Welt zur Finanzierung deutscher Renten nutzbar machen, sind notwendige Transmissionsriemen für eine erfolgreiche kapitalgedeckte Zukunftssicherung. Deshalb ist Finanzmarktregulierung nicht losgelöst von anderen Themen und mit Augenmaß zu betrachten.
Fazit: Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Dass die Rente eines der Wahlkampfthemen der Bundestagswahl sein wird, stimmt optimistisch, genauso, dass die Spitzenkandidaten der beiden Volksparteien beim Thema Rente die Gestaltungshoheit im Hinblick auf eine nachhaltige Rentenlösung bei der jungen Generation sehen. Denn die akute Sorge um die eigene Altersvorsorge der unmittelbar vor dem Ruhestand stehenden Bürger ist kein guter Ratgeber - und sie kennt, wie eine Studie von Allianz Life während des US-Präsidentschaftswahlkampfs zeigt, keine Parteien mehr.
Mein Vorkommentator hat es richtig erfasst. Der Beitrag ist vom Europa CEO der Allianz verfasst.
Dies als Anmerkung um das objektive Bild zu komplettieren