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Merken   Drucken   27.01.2012, 00:00 Schriftgröße: AAA

Versicherungskolumne: Tragische Oper in drei Akten

Kommentar Der Aufkauf von staatlichen Schuldtiteln durch die europäische Zentralbank ist ein neuer Höhepunkt im Schauspiel der Finanzkrise. Er stellt nicht nur ein beträchtliches Risiko für die Bonität der Bank dar, sondern birgt auch Inflationsgefahren. von Denis Kessler 
Denis Kessler ist Vorstandsvorsitzender des französischen Rückversicherers Scor
Krisen laufen nach einem ähnlichen Schema ab wie eine tragische Oper, in der verschiedene Weltanschauungen aufeinanderprallen. Derzeit befinden wir uns in der ersten Szene des dritten Aktes. Nichts ist jemals endgültig entschieden - auch wenn die Kräfte des Schicksals unbezwinglich scheinen. Wer wird als Sieger hervorgehen, die Heterodoxen, die sich jenseits des ökonomischen Mainstreams bewegen, oder die Orthodoxen? Die Antwort auf diese Frage gibt uns das Jahr 2012.
Erster Akt: Jene, die glaubten, es handle sich um eine Konjunkturkrise, griffen auf die traditionellen Methoden der keynesianischen Wirtschaftspolitik zurück: den Konsum durch Erhöhung der Ausgaben im öffentlichen und sozialen Bereich ankurbeln, das Defizit dabei hübsch ins Kraut schießen lassen. Dem hätte man auch wie in der guten alten Zeit eine Geldabwertung beifügen können, um sich billig ein Extraplus in puncto Wettbewerbsfähigkeit zu verschaffen. Dank dieser Zaubermethode erlebt die Wirtschaft einen Aufschwung, die Arbeitslosigkeit geht zurück und die Steuereinnahmen stopfen das Defizit. Es grenzt an Magie! Aber siehe da, dieses alte makroökonomische Getriebe, das man im Trödelladen der Wirtschaftsgeschichte ausgegraben hat, läuft mittlerweile nicht mehr so geschmiert. Die staatlichen Ausgaben sind beträchtlich angestiegen, das Defizit schießt in die Höhe - und die Wirtschaft erlebt eine Double-Dip-Rezession. Anstatt des erhofften Aufschwungs wird eine Stagnation oder eine Rezession eintreten. What went wrong?
Zweiter Akt: Selbstverständlich war die Krise nicht konjunktureller, sondern struktureller Natur. Die Anwendung einer ungeeigneten Therapie, in einer geschlossenen Wirtschaft erdacht, hatte eine ganze Reihe anhaltender Nebenwirkungen: ein spektakuläres Außenhandelsdefizit - die Ankurbelung des Inlandsverbrauchs hatte einen starken Anstieg der Importe zur Folge -, eine untragbare Staatsverschuldung, einen Anstieg der Refinanzierungskosten, etc. Der Zufall wollte es, dass die Rating-Agenturen Zweifel an der Bonität der kreditnehmenden Staaten äußerten. Das wäre vorhersehbar gewesen, doch im festen Glauben an wirtschaftliche Alchimie wurde es ignoriert. Die Konsequenz: schnell, schnell!, die Staatsverschuldung muss eingedämmt und der Anstieg der Ausgaben gebremst werden! Die Abgaben werden erhöht, was die Wirtschaftstätigkeit bremst und den Defizitrückgang verlangsamt. Dies führt früher oder später zu einer Erhöhung der Zinssätze, wodurch die Kosten der Verschuldung ansteigen - und die Haushaltskonsolidierung gebremst wird. Was die Reduktion der Staats- und Sozialausgaben angeht, also hören Sie, doch nicht in Krisenzeiten! Die Anhebung von Abgaben aller Art bewirkt, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit weiter verschlechtert, was den anderen asthmatischen Motor des Wachstums ins Stocken geraten lässt: die Exporte. Wir haben vergessen, dass wir einer Währungszone angehören und dass der Wechselkurs fix ist. Mist!
Dritter Akt: Ach du liebe Güte, plötzlich fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Die massive Staatsverschuldung, die in all den Jahren angehäuft wurde, muss monetisiert werden. Wenn die Zentralbank alle staatlichen Schuldpapiere aufkauft, um sie in ihre Bilanz aufzunehmen, haben wir kein Defizitproblem mehr, denn deren Refinanzierung ist zu einem günstigen Preis sichergestellt. Und man umgeht die Märkte, die angesichts der sinkenden Kreditwürdigkeit Risikoprämien fordern. Elementar, mein lieber Watson! So könnten wir immer schön reihum das Geld ausgeben, ohne uns mühsam eine Strukturreform erarbeiten zu müssen. Genau diejenigen, die noch gestern der Krise mittels Defizit Abhilfe schaffen wollten und vorgestern die Arbeitszeitreduzierung als Abhilfe für die Arbeitslosigkeit heraufbeschworen, fordern heute lauthals die Monetarisierung der Schulden. Wenn man die Geldpolitik als "nicht orthodox" bezeichnet, klingt es jedenfalls besser als "heterodoxe Politik".
Die Staatsschulden, deren Qualität immer weiter sinkt, in die Bilanz der Emissionsbehörde aufzunehmen, kann ein beträchtliches Risiko für deren Bonität darstellen, ihre Bilanz wird umfangreicher und ihr eigener Koeffizient verschlechtert sich. Früher oder später besteht darin selbstverständlich ein Inflationsrisiko. Die Kehrseite einer Vermehrung von Geld besteht in einer Vermehrung von Staatsschuldtiteln, was letztendlich zu einer Inflation führen wird. Fakt ist nämlich: Die heterodoxe Geldpolitik verfolgt hinsichtlich der Inflation implizit eine Politik des "benign neglect", der wohlwollenden Gleichgültigkeit. Entwerten wir alle Außenstände, zahlen wir sie in umlaufgesichertem Geld zurück, strafen wir den Deponenten und den Anleger. Anstatt die Defizite sowie die öffentlichen und sozialen Ausgaben zu reduzieren, anstatt Spartätigkeit und Investitionen zu fördern, um eine auf Langfristigkeit ausgerichtete Lösung zu finden und die Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen, lassen wir doch einfach die heimtückische, unsichtbare Inflationssteuer, die blind zuschlägt, das ihrige tun. Praktizieren wir - so wie Keynes es wollte - die "Euthanasie der Rentner", jener naiven Leute, die dem Staat vertrauten und dumm genug waren, seine Wertpapiere zu zeichnen. So könnte die letzte Szene des dritten Aktes aussehen.
Und hier sind sie wieder, die alten französischen Dämonen... Deutschland will von ihnen partout nichts wissen, entsprechende historische Erfahrungen verpflichten. Leider ist die Debatte zwischen Heterodoxen und Orthodoxen, zwischen Laxen und Rigorosen noch nicht entschieden. Glücklicherweise sieht der Vertrag von Maastricht die Unabhängigkeit der europäischen Zentralbank vor: Für die "Prinzen" von heute ist es wesentlich schwieriger geworden, Geld abzuzwacken.
  • FTD.de, 27.01.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
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