Denis Kessler ist Vorstandsvorsitzender des französischen Rückversicherers Scor
Krisen laufen nach einem ähnlichen Schema ab wie eine tragische Oper, in der verschiedene Weltanschauungen aufeinanderprallen. Derzeit befinden wir uns in der ersten Szene des dritten Aktes. Nichts ist jemals endgültig entschieden - auch wenn die Kräfte des Schicksals unbezwinglich scheinen. Wer wird als Sieger hervorgehen, die Heterodoxen, die sich jenseits des ökonomischen Mainstreams bewegen, oder die Orthodoxen? Die Antwort auf diese Frage gibt uns das Jahr 2012.
Erster Akt: Jene, die glaubten, es handle sich um eine Konjunkturkrise, griffen auf die traditionellen Methoden der keynesianischen Wirtschaftspolitik zurück: den Konsum durch Erhöhung der Ausgaben im öffentlichen und sozialen Bereich ankurbeln, das Defizit dabei hübsch ins Kraut schießen lassen. Dem hätte man auch wie in der guten alten Zeit eine Geldabwertung beifügen können, um sich billig ein Extraplus in puncto Wettbewerbsfähigkeit zu verschaffen. Dank dieser Zaubermethode erlebt die Wirtschaft einen Aufschwung, die Arbeitslosigkeit geht zurück und die Steuereinnahmen stopfen das Defizit. Es grenzt an Magie! Aber siehe da, dieses alte makroökonomische Getriebe, das man im Trödelladen der Wirtschaftsgeschichte ausgegraben hat, läuft mittlerweile nicht mehr so geschmiert. Die staatlichen Ausgaben sind beträchtlich angestiegen, das Defizit schießt in die Höhe - und die Wirtschaft erlebt eine Double-Dip-Rezession. Anstatt des erhofften Aufschwungs wird eine Stagnation oder eine Rezession eintreten. What went wrong?
Zweiter Akt: Selbstverständlich war die Krise nicht konjunktureller, sondern struktureller Natur. Die Anwendung einer ungeeigneten Therapie, in einer geschlossenen Wirtschaft erdacht, hatte eine ganze Reihe anhaltender Nebenwirkungen: ein spektakuläres Außenhandelsdefizit - die Ankurbelung des Inlandsverbrauchs hatte einen starken Anstieg der Importe zur Folge -, eine untragbare Staatsverschuldung, einen Anstieg der Refinanzierungskosten, etc. Der Zufall wollte es, dass die Rating-Agenturen Zweifel an der Bonität der kreditnehmenden Staaten äußerten. Das wäre vorhersehbar gewesen, doch im festen Glauben an wirtschaftliche Alchimie wurde es ignoriert. Die Konsequenz: schnell, schnell!, die Staatsverschuldung muss eingedämmt und der Anstieg der Ausgaben gebremst werden! Die Abgaben werden erhöht, was die Wirtschaftstätigkeit bremst und den Defizitrückgang verlangsamt. Dies führt früher oder später zu einer Erhöhung der Zinssätze, wodurch die Kosten der Verschuldung ansteigen - und die Haushaltskonsolidierung gebremst wird. Was die Reduktion der Staats- und Sozialausgaben angeht, also hören Sie, doch nicht in Krisenzeiten! Die Anhebung von Abgaben aller Art bewirkt, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit weiter verschlechtert, was den anderen asthmatischen Motor des Wachstums ins Stocken geraten lässt: die Exporte. Wir haben vergessen, dass wir einer Währungszone angehören und dass der Wechselkurs fix ist. Mist!