Es ist einer der spektakulärsten Betrugsprozesse Deutschlands. Der Fondsmanager Helmut Kiener soll Anleger um 345 Mio. Euro geprellt haben. Das Verfahren legt die Psyche eines mutmaßlichen Betrügers offen - und deckt die Schwächen des Finanzsystems auf.
von Jens BrambuschWürzburg
Schillernd ist nur noch sein Anzug. Lila schimmert der Stoff in Trachtenoptik, umwabert den abgemagerten Körper. Blass die Haut, die Haare grauer als zuvor. Aber die Augen über dem Musketierbärtchen wirken immer noch freundlich. Als Helmut Kiener den Sitzungssaal im Würzburger Landgericht betritt, hat er wieder die Bühne, die er oft suchte. Damals, als er als gefeierter Hedge-Fonds-Manager auf Benefizgalas Popsongs trällerte. Damals, bevor er als "Mini-Madoff" Schlagzeilen machte. Bevor alle Welt ihn für einen Abzocker hielt.
Statt Applaus gibt es diesmal Blitzlichter. Und Fragen. Kiener schaut zu seinen Anwälten und sagt: "Ich soll nichts sagen." Und schweigt. Bis er "Betrüger" genannt wird. Dann kann er nicht anders. "Das ist eine Vorverurteilung, von Betrug zu sprechen, das sollte man nicht machen", mahnt er mit ruhiger Stimme. Sein Anwalt greift beschwichtigend nach seinem Arm. "Mein Mandant macht keine Angaben, schon gar nicht gegenüber der Presse."
Millionenbetrüger Helmut Kiener am ersten Prozesstag vor Gericht
Am Mittwoch hat einer der spektakulärsten Wirtschaftsprozesse in Deutschland begonnen. Helmut Kiener soll Anleger um 345 Mio. Euro geprellt haben. Die Anklage spricht von gewerbsmäßigem Betrug in besonders schweren Fällen, von Urkundenfälschung und Steuerhinterziehung in Höhe von 5,1 Mio. Euro. Dem ebenfalls angeklagten Claus Z. wird Beihilfe vorgeworfen. Er soll für Kiener Depot- und Kontodaten frisiert haben.
Unter den Opfern sind neben 5000 Privatanlegern auch Großbanken wie BNP Paribas und Barclays Capital. Der Prozess gegen den 51-Jährigen gibt nicht nur Einblicke in das Wirken eines mutmaßlichen Betrügers, er offenbart auch die Schwächen eines Finanzsystems, in dem die Gier nach maximaler Rendite solche Exzesse erst möglich macht.
Gleich zu Beginn des Prozesses müssen betroffene Anleger den Sitzungssaal auf Anordnung des Gerichts verlassen. Sie könnten später noch als Zeugen gehört werden. Stefan Steiner ist einer von ihnen. Der Wirtschaftsingenieur hatte 10.000 Euro in Kiener Fonds investiert - und alles verloren. "Natürlich will ich mein Geld zurück", sagt er. Auch wenn er nicht glaubt, dass da noch etwas zu holen ist. Warum er in Kiener-Produkte investierte? "Es ging mir in erster Linie um Sicherheit", sagt er und lächelt. Freunde von ihm hatten gute Erfahrungen gemacht. Sie waren rechtzeitig ausgestiegen. Bevor aus dem Schneeballsystem eine Lawine wurde.
Laut der Anklage funktionierte Kieners Modell in etwa so: Mit fabulösen Renditen lockte er Kunden in seine Fonds K1 Global und K1 Invest, den Vertrieb organisierten freie Vertreter gegen Provision. Monatlich wurden die Anleger über die Wertsteigerung ihrer Anlagen informiert - auf Basis von gefälschten Depot- und Kontoauszügen. In welche Werte die Fonds das Geld investierten, darüber schwieg Kiener. Die Begründung: Geschäftsgeheimnis.
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