FTD.de » Finanzen » Hatte Karl Marx doch recht?

Merken   Drucken   01.09.2011, 12:58 Schriftgröße: AAA

Angst vor der Krise: Hatte Karl Marx doch recht?

Kommentar In Zeiten der Krise werden die Werke des deutschen Kommunisten wieder populär. Selbst konservative Politiker und Ökonomen berufen sich auf ihn - leider aus den falschen Gründen. von Samuel Brittan
Regelmäßig wird der Merkantilismus von Krisen befallen, und praktisch jedes Mal heißt es dann: "Karl Marx hatte doch recht!" Vor wenigen Jahren wurde etwa der jetzige französische Präsident Nicolas Sarkozy gesehen, wie er demonstrativ eine Ausgabe des Buches "Das Kapital" umklammerte.
Der Ruf von Karl Marx ist nicht der allerbeste   Der Ruf von Karl Marx ist nicht der allerbeste
In den vergangenen Wochen haben Finanzgurus wie Nouriel Roubini - immerhin Berater des US-Finanzministeriums - und UBS-Ökonom George Magnus in ihren Artikeln Bezug auf den kommunistischen Vordenker genommen. Setzt die wirtschaftliche Erholung ein, verstummt die Berufung auf Marx wieder - bis die nächste Krise kommt.
Falsch an diesen Anrufungen des Deutschen ist, dass sie tatsächlich ziemlich wenig mit Karl Marx und seinem Werk zu tun haben. Ich erinnere mich an eine ansonsten hochintelligente Frau, die auf die Frage, warum sie Marxistin sei, antwortete: "Mich haben die Freunde meines Vaters gelangweilt."
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Dem Ruf von Karl Marx haben nicht nur Speichellecker zugesetzt, sondern auch Kritiker, die Marx mit der Diktatur Josef Stalins in der Sowjetunion in Verbindung bringen oder sogar dem chinesischen Regime von Mao Tse-tung. Natürlich ist es absurd, dem im Jahr 1883 gestorbenen Marx die Schuld für jene Verbrechen zu geben, die erst viele Jahrzehnte nach seinem Ableben begangen wurden. Der deutsche Ökonom selbst hat einmal gesagt: "Ich weiß nur dies: Ich bin kein Marxist."
Viele seriöse Analysten haben darüber geschrieben, was Marx meinte oder hätte meinen sollen. Dazu gehöre ich nicht. Als Hauptentschuldigung dafür, dass ich hier meine sehr selektive Meinung zu Gehör bringe, kann ich nur anführen, dass ich den Mann weder verteufle noch anbete.
Was mich ursprünglich an Marx fasziniert hat, war seine Unterteilung der Geschichte in Feudalismus, Kapitalismus, Sozialismus und Kommunismus. Mit Sozialismus meinte Marx so etwas wie eine extreme Form der früheren - und durch Tony Blair 1997 abgeschafften - Klausel IV in der Satzung der britischen Labour-Partei. Darin wurde die Verstaatlichung sämtlicher Produktionsmittel gefordert.
Aber Kommunismus hatte bei Weitem nicht die Bedeutung, die er später hatte. Es war vielmehr eine Utopie, in der ein kurzer Arbeitstag sämtliche Bedürfnisse der Gesellschaft befriedigt. Die Menschen waren frei, morgens zu jagen, nachmittags zu angeln und abends über Philosophie zu debattieren. Die Vision von einer derartigen Gesellschaft hielt einige Idealisten bei der marxistischen Stange, die sich ansonsten verabschiedet hätten.
Ich fand diese Vorstellung interessanter als die typische Einschätzung einiger englischer Historiker, nach der ihr Forschungsgebiet einfach ein Ereignis nach dem anderen war. Doch die marxistische Version birgt auch viele Probleme. Begann der Kapitalismus bereits im 15. Jahrhundert in den Teilrepubliken auf der Apenninenhalbinsel? Oder nahm er in vielen Teilen Europas seinen Anfang doch erst spät im 19. Jahrhundert im Zuge der industriellen Revolution?
Und was ist mit Russland, das seine kapitalistische Revolution noch nicht erlebt hatte, wo Marx aber dennoch über erstaunlich viele Anhänger verfügte? Diese Fragen beschäftigten ihn zu seinem Lebensende hin, als er darüber nachdachte, ob Russland direkt zum Sozialismus übergehen könnte.

Teil 2: Moralische Argumente gegen den Kapitalismus

  • FTD.de, 01.09.2011
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Kommentare
  • 02.09.2011 09:59:26 Uhr   John Doe: Kapitalkonzentration

    Sir Samuel Brittan a British columnist for the Financial Times and an author. At Cambridge he was taught by Peter Bauer and Milton Friedman. In March 1981, when 364 leading economists wrote a letter to The Times criticising Margaret Thatcher's economic policy, Brittan was one of the few commentators to openly defend the Conservative government's policy. Zur Einstimmung aus welcher ideologischen Ecke B. stammt.
    Es geht um die Frage, ob und welchen Einfluss die Zusammenballung von Kapital auf die Weltwirtschaft hat. Die Frage nach dem cui bono; der neolib Prämisse, dass einzig das egoistische Interesse zu zählen hat und diesem Interesse sich alles unter zu ordnen hat. Den Entrepreneurs wird dieses Interesse zu gestanden, den "Plünderern" nicht, da sie nicht Eigentümer sind. Es geht letztlich um Macht, Machtausübung, Wert von Menschen und deren Anteil am geschaffenen "Mehr"-wert. Die Forderung "Reformiert den Arbeitsmarkt" ist Ausdruck dieser Wertschätzung; "reformiert den Finanzmarkt" erzeugt den geballten Unmut von Sam.
    Wer kennt sie nicht die Listen von forbes, wer ist der Reichste in unserem Land, Bloomberg, wer ist die größte Firma in der Welt, das Treffen in Davos. Es werden immer Zahlen mit vielen Nullen mitgeliefert. Die ETH Zürich hat dazu ebenfalls Daten gesammelt. Die "Financial world dominated by a few deep pockets". Economic “superentity” controls more than one-third of global wealth (http://www.sciencenews.org/view/generic/id/333389/title/Financial_world_dominated_by_a_few_deep_pockets).
    Das, was Marx beschrieb, wird von Brandy Aven of Tepper School of Business at Carnegie Mellon, Pittsburgh so kommentiert: “This is empirical evidence of what’s been understood anecdotally for years." Die Analyse zeigt, daß in 2007, rund 147 companies mehr als 40 percent of the monetary value of all transnational corporations kontrollierten. Diese Firmen haben Chefs, es kontrollieren 147 Menschen die Welt! 600,508 economic actors connected through more than a million ownership ties (Weltbevölkerung 3 Mrd.!). Warren Buffet spricht von rund 240,000 Menschen, die in den USA über $1 Mio. verdienen. Packt man jetzt die ideeaffinen Staaten, wieder repräsentiert durch ideeaffine Menschen, dazu, dann ballt sich da eine ungeheure Macht zusammen. Die Studie zeigt, dass unter 30 million economic actors … eine Elite von 147 actors control a vast amount of global upstream and downstream financial transactions.
    Diese Verflechtungen haben Einfluss auf Stabilität und, ökon. gesehen, den Wettbewerb. Er ist ausgehebelt. Anders ausgedrückt: Wenn einer Syphillis hat, dann haben bald alle die Seuche. Was passierte 2008? Wem ist noch Lehman, AIG, BofA, Fannie Mae usw. geläufig? Wenn der Wettbewerb, der der Grundpfeiler der heutigen Wirtschaftsideologie ist, ausgehebelt ist, dann gibt es keine funktionierenden Märkte. Die Ideologie ist ihrer Basis beraubt!

  • 02.09.2011 03:11:11 Uhr   Fremdgeschämt: der mit Abstand schlechteste Artikel
  • 01.09.2011 19:14:16 Uhr   Thomas Mailer: Untergang des Kapitalismus
  • 01.09.2011 18:19:14 Uhr   Karl Murks: nichtssagender, überflüssiger Artikel
  • 01.09.2011 17:25:52 Uhr   Ben: Lustig...
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