Der hoch verschuldete Staat steht mit rund 340 Mrd. Euro in der Kreide. Größter Gläubiger ist laut einer Analyse die EZB, aber auch der deutsche Steuerzahler hat Papiere im Feuer. Ein Überblick. von Frank Bremser
und Barbara SchäderFrankfurt
Am nächsten Griechenland-Rettungspaket sollen auch private Gläubiger beteiligt werden - allerdings nur auf freiwilliger Basis und mit Zustimmung der Europäischen Zentralbank (EZB). Darauf einigten sich am Freitag Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der französische Präsident Nicolas Sarkozy. Eine Studie der Barclays Bank räumt einer kollektiven Selbstverpflichtung der Gläubiger Chancen ein. Es sei durchaus realistisch, dass dadurch ein Zahlungsaufschub für einen Betrag in Höhe von rund 25 Mrd. Euro erzielt werden könnte, schreibt der Analyst Laurent Fransolet.
Den größten Anreiz mitzumachen hätten Gläubiger in Griechenland selbst, weil für sie die Folgen eines Zahlungsausfalls der eigenen Regierung besonders schwerwiegend wären. Die griechischen Banken halten der Studie zufolge 48 Mrd. Euro der insgesamt 285 Mrd. Euro an ausstehenden Hellas-Bonds. Damit liegen sie allerdings noch knapp hinter der EZB.
Die EZB versucht mit Staatsanleihe-Käufen zu beruhigen
Die Europäische Zentralbank (EZB) kauft seit Mai 2010 Staatsanleihen hoch verschuldeter Länder. Insgesamt hat sie derzeit Papiere im Wert von 75 Mrd. Euro in ihrer Bilanz. Offizielle Angaben über den Anteil griechischer Staatsanleihen an diesem Portfolio gibt es nicht, Schätzungen zufolge beläuft er sich aber auf rund 50 Mrd. Euro.
Die EZB kauft die Staatsanleihen nicht direkt bei den Regierungen der betroffenen Länder, sondern auf dem sogenannten Sekundärmarkt. Sie nimmt die Papiere also Anlegern ab, die den Peripherie-Staaten Geld geliehen haben und diese Forderungen loswerden möchten. Ziel dieser Stützungskäufe war eigentlich, die Anleger zu beruhigen. Denn der Kursverfall bei Staatsanleihen verstärkte die Panik auf den Märkten und trieb gleichzeitig die Zinsen in die Höhe, die die Krisenländer zahlen mussten, um an frisches Geld zu kommen.
Diese Entwicklung hat EZB-Chef Jean-Claude Trichet aber nicht stoppen können. Seit Ende März hat die Zentralbank keine Staatsanleihen mehr gekauft. Das Programm ist heftig umstritten. Schärfster Kritiker ist der frühere Bundesbankchef Axel Weber - nicht ohne Grund: Als Anteilseignerin der EZB musste die deutsche Notenbank im Dezember eine Kapitalerhöhung mittragen, mit der sich Trichets Haus gegen die mit den Anleihekäufen verbundenen Risiken absichert.
Die National Bank traut der eigenen Regierung nicht
Die Banken in Griechenland haben ihrer Regierung laut Barclays insgesamt rund 48 Mrd. Euro geliehen. Allein das größte Geldhaus National Bank of Greece hält griechische Staatsanleihen im Wert von mehr als 13 Mrd. Euro in seinen Büchern. Allerdings bemüht sich das Institut offenbar, die Papiere loszuwerden: Medienberichten zufolge wurden die Bestände im vergangenen Quartal bereits um 4,5 Mrd. Euro reduziert.
Laut einer Analyse der Bank of America-Merrill Lynch zu den vier größten griechischen Banken sind deren Forderungen an den griechischen Staat deutlich höher als das Eigenkapital. Sollten die Institute gezwungen sein, wegen eines Zahlungsausfalls einen Großteil ihrer Staatsanleihen abzuschreiben, "wäre das griechische Bankensystem erheblich unterkapitalisiert", warnten die Analysten.
Auf die Euro-Staaten kommen noch größere Belastungen zu
Die Staaten der Währungsunion haben über das vor einem Jahr beschlossene Rettungspaket für Griechenland bislang 38 Mrd. Euro an Griechenland verliehen. Zwar beläuft sich ihr Anteil an dem insgesamt 110 Mrd. Euro schweren Hilfsprogramm auf 80 Mrd. Euro, die Auszahlung der Kredite ist aber über drei Jahre gestreckt. Der deutsche Anteil beläuft sich auf gut 22 Mrd. Euro, davon wurden bislang rund 8 Mrd. Euro ausgezahlt.
Allerdings ist jetzt schon klar, dass die 110 Mrd. Euro nicht ausreichen werden. Anders als ursprünglich geplant wird Griechenland nämlich nicht in der Lage sein, ab 2012 wieder größere Summen an den Finanzmärkten aufzunehmen. Das Misstrauen der Anleger gegenüber Athen ist einfach zu groß.
Die EU und der Internationale Währungsfonds (IWF) verhandeln deshalb über ein zweites Rettungspaket. Die Finanzierungslücke beläuft sich bis Ende 2014 auf bis zu 120 Mrd. Euro. Davon sollen 30 Mrd. Euro durch die Privatisierung griechischen Staatseigentums aufgebracht werden. Weitere 30 Mrd. Euro will die Bundesregierung durch die Beteiligung privater Gläubiger hereinholen, um die Lasten für die Steuerzahler zu mildern. Wie das funktionieren soll, ist aber noch unklar.
Öffentliche Einrichtungen in Griechenland sitzen nach Schätzung von Barclays auf rund 30 Mrd. Euro an griechischen Staatsanleihen. Ein Großteil davon sei von den gesetzlichen Renten- und Sozialkassen gekauft worden, sagte der Autor der Studie, Laurent Fransolet, FTD.de. Sollten sie mit dieser vermeintlich sicheren Anlage Verluste machen, wäre das ein harter Schlag.
Die sozialen Systeme ächzen schon jetzt unter erheblichen Belastungen. Erst kürzlich wurde bekannt, dass Sozialbetrüger die Rentenkasse jährlich um rund 16 Mio. Euro erleichtern. Es habe sich herausgestellt, dass mindestens 4500 vermeintliche Empfänger längst verstorben seien, sagte Arbeitsministerin Louka Katseli der Tageszeitung "Ta Nea".
Rund 25 Mrd. Euro an griechischen Staatsanleihen liegen nach Schätzung von Barclays in den Händen öffentlicher Institutionen außerhalb Europas. Analyst Laurent Fransolet beruft sich dabei unter anderem auf Zahlen des Internationalen Währungsfonds (IWF). Diese seien nicht näher aufgeschlüsselt, die größten Investoren dürften nach seiner Einschätzung aber asiatische Staatsfonds sein.
BNP alleine ist mit 5 Mrd. Euro involviert. Das hohe Exposure der Institute ist einer der Gründe, warum der französische Präsident Nicolas Sarkozy eine Beteiligung privater Gläubiger am nächsten Griechen-Rettungspaket nur auf freiwilliger Basis zulassen will.
Frankreich ist auch über seine Notenbank involviert
Die Notenbanken der Euro-Zone, etwa die Bank of Greece oder die Banque de France, halten ebenfalls in großem Volumen griechische Anleihen. Nach Schätzungen von Barclays beläuft sich die Summe insgesamt auf 13,1 Mrd. Euro. Die nationalen Währungshüter schauen deshalb mit besonders kritischem Auge auf die Situation in dem Ägäisstaat. Denn sollte es zu einem Ausfall der Anleihen kommen, müssten auch sie dies bilanzwirksam zur Kenntnis nehmen. Der Wertberichtigungsbedarf dürfte aber bei so mancher Bank das Eigenkapital übersteigen - weswegen nicht nur Privatbanken sondern auch Notenbanken rekapitalisiert werden müssten.
Die griechische Notenbank ist zudem über Altkredite im Volumen von 6 Mrd. Euro involviert. Doch neben dem rein finanziellen Aspekt des Engagements lastet ein weiteres Problem auf der Bank of Greece: Die Lage im Finanzsektor des Landes ist extrem angespannt und kritisch. Die Troika, also die Griechenbeobachter von IWF, Europäischer Zentralbank und EU, hat erst kürzlich gesagt, dass die griechische Zentralbank zusätzliche Kapitalspritzen benötigt, um sich gegen Verschlechterungen der Rahmenbedingungen zu wappnen.
Der IWF finanziert gemeinsam mit der Euro-Gruppe das laufende Hilfsprogramm für Griechenland. Seit Mai vergangenen Jahres hat der Fonds den Griechen Notkredite in Höhe von 15 Mrd. Euro überwiesen. Insgesamt beläuft sich sein Anteil am 110 Mrd. Euro schweren Rettungspaket auf 30 Mrd. Euro.
Auch an einem zweiten Rettungspaket würde sich der IWF voraussichtlich beteiligen. Bedingung für weitere Kredite ist aber, dass die Griechen die Sparauflagen des Fonds erfüllen und dass die Aussicht besteht, dass sich das Land auf absehbare Zeit wieder selbst refinanzieren kann.
Die Commerzbank hält fast 3 Mrd. Euro an Hellas-Bonds
Deutsche Finanzinstitute haben ebenfalls Milliardenforderungen an Hellas. In den vergangenen Monaten haben sie ihre Bestände an griechischen Staatsanleihen allerdings kräftig abgebaut - obwohl sie noch vor einem Jahr Solidarität mit Athen zugesagt hatten.
Größter Einzelgläubiger ist die Commerzbank, hauptsächlich über ihre Tochter Eurohypo mit 2,9 Mrd. Euro. Ebenfalls Anleihen im Feuer haben Deutsche Bank, LBBW, Allianz, DZ Bank, und Munich Re. Laut Zahlen der Bundesbank beliefen sich die Forderungen aller deutschen Geschäftsbanken an den griechischen Staat Ende März auf rund 10 Mrd. Euro. Die Anlagen deutscher Versicherungen in griechischen Staatsanleihen belaufen sich laut einem Papier aus dem Bundesfinanzministerium auf insgesamt 2,8 Mrd. Euro.
Die staatliche FMS Wertmanagement beziffert ihr Griechenland-Risiko in ihrem Geschäftsbericht auf 9,1 Mrd. Euro. Die Zahl bezieht sich auf Ende 2010, enthalten sind darin 7,4 Mrd. Euro an Staatsanleihen. Bei den übrigen 1,7 Mrd. Euro handelt es sich um Kredite unter anderem für Infrastrukturprojekte, für die der griechische Staat garantiert. Die FMS ist die Bad Bank der Hypo Real Estate und ihrer Tochergesellschaft Depfa.
Die Griechenland-Anleihen und -Kredite sind Teil eines 173 Mrd. Euro schweren Portfolios aus Risikopositionen und Geschäftsbereichen der HRE, die im Herbst 2010 in die FMS Wertmanagement ausgealgert wurden. Alle Bestandteile dieses Portfolios sollen bis zum Jahr 2020 möglichst ohne Verluste wieder an den Kapitalmarkt gebracht werden. Dazu kamen auch die an die HRE gewährten Liquiditätsgarantien in Höhe von 124 Mrd. Euro. Letztere sind inzwischen durch eigene Emissionen vollständig abgelöst.
Ein gutes Geschäft ist die FMS für den Staat bislang trotzdem nicht: In ihrem ersten Jahr machte sie einen Verlust von 3 Mrd. Euro, was den Großteil des Eigenkapitals von 3,8 Mrd. aufzehrte: Sollten nun weitere Verluste anfallen, gleicht diese der Bankenrettungsfonds Soffin aus - und damit der Steuerzahler.
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