Als Folge des Skandals um Zinsmanipulationenbringen Währungshüter eine Abschaffung des Referenzsatzes Libor ins Spiel. "Wenn der Libor nicht reformiert werden kann, gibt es verschiedene Alternativen", sagte der kanadische Notenbankchef Mark Carney, der dem einflussreichen Finanzstabilitätsrat vorsitzt. Es sei denkbar, dass die Ermittlung des Zinssatzes strukturelle Mängel aufweise, die nicht beseitigt werden könnten. Der Interbankensatz Libor steht im Zentrum des Skandals.
Der Präsident der Bank von England, Mervyn King, machte in einem Brief an Notenbankkollegen deutlich, dass "radikale Reformen des Libor-Systems" nötig seien, um das Vertrauen wiederherzustellen. Die obersten Finanzregulierer wollen bei einem Treffen am 9. September in Basel über Änderungen beraten, heißt es aus Zentralbankkreisen.
Weltweit wird gegen mehr als ein Dutzend Großbanken ermittelt, weil sie in der Finanzkrise ab 2007 den Libor manipuliert haben sollen. Der Zinssatz wird einmal täglich in London ermittelt und basiert auf den Angaben der Institute zu ihren Refinanzierungskosten. Er dient als Basis für Finanztransaktionen im Volumen von mehr als 500.000 Mrd. Dollar - von Hypotheken über Kreditkarten bis hin zu Derivaten. Mit falschen Angaben konnten die Banken ihre wahren Refinanzierungskosten verschleiern und Handelsgewinne einstreichen. Die Großbank Barclays hat bislang als einziges Geldhaus ein Fehlverhalten von Händlern eingeräumt.
Hauptkritikpunkt am Libor ist die Tatsache, dass er auf den Angaben der Banken und nicht auf tatsächlichen Markttransaktionen beruht. "Es ist schon sinnvoll, den Satz stärker marktbasiert zu ermitteln", sagte Carney. Wie schon US-Notenbankchef Ben Bernanke erwähnte er andere Indizes wie den für Übernacht-Swaps, die zum Referenzsatz ausgebaut werden könnten. "Wir könnten am Ende auch dazu kommen, dass wir für verschiedene Länder verschiedene Leitsätze haben", betonte Carney. "Wir sind aber noch in einem frühen Stadium der Überlegungen." Experten haben große Zweifel, dass der Libor trotz des Glaubwürdigkeitsverlusts kurzfristig abgeschafft werden kann, da zu viele Transaktionen daran hängen.
In der Euro-Zone ist der Euribor vielerorts der zentralere Referenzsatz. Doch auch hier soll es Manipulationen gegeben haben. Derzeit drängt die Europäische Zentralbank (EZB) die Organisatoren des Satzes zu tief greifenden Veränderungen, um das Vertrauen zu stärken, erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters.
Bei der Reform gehe es in erster Linie - wie beim Libor - um die Frage, wie der Zins künftig ermittelt werden solle, sagten mehrere mit den Gesprächen vertraute Personen. Die EZB will offenbar erreichen, dass beim Euribor die tatsächlich anfallenden Zinsen mitgeteilt werden. Sollte es keinen Markt und damit auch keinen echten Zins geben - wie es derzeit wegen der Krisenstimmung immer wieder passiert -, soll nach den Vorstellungen der EZB auch keine Rate ausgewiesen werden.