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Merken   Drucken   16.09.2009, 08:30 Schriftgröße: AAA

Agenda: Berliner Wohnmacht

Dossier Tausende Deutsche investierten ihr Geld in den 80er-Jahren in Berliner Sozialwohnungen. Sie bauten auf großzügige Förderungen des Senats - und verloren alles. Jetzt hoffen die Anleger, dass die Justiz die Hauptstadt in die Pflicht nimmt. von Jens Brambusch 
Thomas Kern (Name von Redaktion geändert) erwartet ihn täglich. Den Brief, der den pensionierten Kinderarzt aus einem Münchner Vorort in die Privatinsolvenz treibt. Die nächste Zahlungsaufforderung von der Bank wird er nicht begleichen können. "Der Offenbarungseid steht an", sagt der 66-Jährige verbittert. Alles hat er verloren. "Meine Lebensplanung ist dahin." Reisen wollten er und seine Frau, den Lebensabend genießen. Dafür hatte er vorgesorgt. Doch ausgerechnet seine Altersvorsorge treibt ihn jetzt in den Ruin.
Anfang der 90er-Jahre ist Kern in den Berliner Sozialen Wohnungsbau eingestiegen. Über 700.000 DM steckte er in vier geschlossene Immobilienfonds. "Das Geld ist weg", sagt Kern. Und nicht nur das. Was als sichere Anlage gepriesen wurde, hat jetzt alle seine Ersparnisse aufgefressen. "250 000 Euro musste ich in den beiden letzten Jahren bereits in die Immobilien nachschießen", sagt Kern. "Für nur einen Fonds." Die nächste Zahlungsaufforderung hat er bereits vorliegen: 252.000 Euro. Zwei Fonds stehen noch aus. Seine Aktien musste er verkaufen, auch der Erlös aus dem Verkauf seiner Praxis ist aufgezehrt. Alles floss in die Berliner Bauten.
Ein Mann schaut aus dem Fenster eines Plattenbau in Berlin Prenzlau   Ein Mann schaut aus dem Fenster eines Plattenbau in Berlin Prenzlau
Die Immobilienfonds, die Kern gezeichnet hat, sind Gesellschaften bürgerlichen Rechts. Das heißt, Kern haftet mit seinem persönlichen Vermögen. Eine Chance auszusteigen gibt es nicht. Keiner kauft die Immobilien. So wie dem Arzt geht es zurzeit vielen Investoren. Ausgerechnet der Soziale Wohnungsbau in Berlin bringt die etwa 10.000 Zeichner von geschlossenen Immobilienfonds um ihre Altersvorsorge - und macht viele von ihnen selbst zu Sozialfällen. Weil das Land Berlin einkalkulierte Fördergelder verweigert.
Der soziale Wohnungsbau in Berlin ist ein Sonderfall. Die klamme Stadt hatte seit den Nachkriegsjahren immer Schwierigkeiten, der gesetzlichen Verpflichtung nachzukommen, akzeptablen Wohnraum für sozial schwache Bürger zu stellen. Also entwarf der Senat 1972 ein spezielles Wohnungsbauprogramm. Mit Steuervorteilen und großzügigen Förderungen lockte Berlin Investoren. Anleger wie Kern beteiligten sich über geschlossene Immobilienfonds. Steuer- und Anlageberater rieten zu dem Modell. Nicht wegen der Rendite, die lag nur bei zwei Prozent, sondern wegen der Sicherheit, für die das Land Berlin und auch der Bund standen. "Besonders linke Klientel fühlte sich von den Fonds angesprochen. Sie investierten schließlich in den sozialen Wohnungsbau. Taten damit etwas Gutes", sagt Anwalt Florian Loddenkemper, der mehrere Fondsgesellschaften vertritt. Im Schnitt seien die Investoren mit etwa 100.000 DM eingestiegen. Die Rendite sollte später einmal die Rente aufbessern.

Teil 2: Die Anleger sollen die Zeche zahlen

  • Aus der FTD vom 16.09.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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