Das Megaprojekt sollte allen Beteiligten nützen: Politikern, Bahn und Bürgern. Zwar hat Stuttgart 21 kaum noch Anhänger. Aber keiner traut sich, den Bau zu stoppen.
von Leo KlimmHamburg,
Heimo FischerStuttgart
und Jens TartlerBerlin
Dass einer wie Günther Stillhammer mitmacht, zeigt den Ernst der Lage. Stillhammer ist Rentner. Jahrzehntelang hat er in der Verwaltung einer Privatbank gearbeitet. Seit 50 Jahren ist er mit seiner Frau Rosemarie verheiratet. Ein Musterschwabe, fleißig und bescheiden. Und jetzt zieht er an diesem Spätsommerabend mit 20.000 anderen Demonstranten durch die Stuttgarter Innenstadt. Er trägt einen Zylinder auf dem Kopf, eine Fliege um den Hals und ein T-Shirt, auf dem steht: "Stuttgart wünscht eine andere Politik und andere Politiker." Reiztrikot, so nennt er das Kostüm.
Entwurf für das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21
"Früher wäre es mir nie eingefallen, auf eine Demonstration zu gehen", erklärt der 70-Jährige. Der Bahnhof hat alles geändert. "Ich will kein Milliardengrab", sagt er mit der Bestimmtheit eines Mannes, der schon oft im Fernsehen gesehen hat, wie Demonstranten reden. Und dann schiebt er einen Satz nach, der beschreibt, worum es ihm und seinen Mitstreitern eigentlich geht: "Die Politiker hören nicht mehr auf die Menschen im Land."
Stuttgart 21, der ambitionierte Plan, den Hauptbahnhof der Landeshauptstadt unter die Erde zu verlegen und die Gleisstränge großräumig neu zu ordnen, ist zu einer Projektionsfläche der Politikverdrossenen geworden. Anderswo ist die Wut nicht ohne Weiteres zu begreifen. Viele Milliarden pumpen Bahn, Bund und Land in das Vorhaben. Geld, das die Menschen aus der Gegend geschenkt bekommen - und das sie einfach nicht wollen. Eine Erklärung findet sich auf Hunderten Zetteln und Plakaten, die Demonstranten am Bauzaun befestigt haben. "Wir fühlen uns so hilflos" steht auf einem Papier. "Die machen eh, was sie wollen" auf einem anderen.
Am Mittwoch wurde dieser Spruch für viele Stuttgarter zur bitteren Wahrheit. Gegen Mittag begann ein Bagger, den Nordflügel des alten Kopfbahnhofs abzutragen. Jener Teil, der in den vergangenen Wochen zum Sinnbild des Widerstands geworden ist. Immer wieder bohrte der Bagger seine Greifzange ins Mauerwerk. Das Loch wuchs jede Minute. Genauso wie die Menge der Demonstranten. Ausrichten konnten sie nichts. Polizisten sperrten die Kreuzung vor dem Bahnhof, an dem zwei Hauptverkehrsadern der Stuttgarter Innenstadt aufeinandertreffen. Die Folge war ein riesiger Stau. Selbst wer sich nicht für den Bahnhof interessiert, weiß nun, dass etwas passiert ist.
Was vor Jahren wie das übliche Scharmützel um ein etwas zu groß geratenes Infrastrukturprojekt startete, hat sich zu einem Gefangenendilemma grotesken Ausmaßes entwickelt. Bahn, Bund, Land - niemand ist mehr so recht von dem Jahrhundertprojekt überzeugt, und doch will keiner davon lassen. Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus sagt, er wolle das Prestigeprojekt - "aber nicht um jeden Preis". Bahn-Chef Rüdiger Grube gibt den entschlossenen Manager, erfüllt in Wahrheit jedoch eine Aufgabe, die ihm keine Herzenssache ist. Und Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer schweigt am liebsten zu dem Thema. So gewaltig die Kosten für das Projekt sind - im persönlichen Kalkül der Beteiligten gibt es bei einem Ausstieg mehr zu verlieren als zu gewinnen.
Einer der wenigen, die noch mit Leidenschaft für das Projekt kämpfen, ist Wolfgang Drexler. Der SPD-Politiker wurde vor einem Jahr zum Sprecher des "Bahnprojekts Stuttgart-Ulm" ernannt. Ein Ehrenamt. Mit seiner zupackenden, aber besonnenen Art sollte er den Schulterschluss zwischen Union und SPD demonstrieren und die Gegner mit dem Mammutprojekt versöhnen. Inzwischen hat der 64-Jährige schon mehrere Morddrohungen erhalten.
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