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Merken   Drucken   21.02.2012, 17:28 Schriftgröße: AAA

Integrationsthesen: Gaucks Sarrazin-Problem

Vor zwei Jahren hat der designierte Präsident den umstrittenen Ex-Bundesbanker nicht in Bausch und Bogen verdammt. Jetzt wird er auch noch von Sarrazin gelobt. Dabei hat Gauck nie dessen umstrittene Thesen geteilt.
© Bild: 2012 DPA/Bildfunk/Jens Büttner
Vor zwei Jahren hat der designierte Präsident den umstrittenen Ex-Bundesbanker nicht in Bausch und Bogen verdammt. Jetzt wird er auch noch von Sarrazin gelobt. Dabei hat Gauck nie dessen umstrittene Thesen geteilt. von Kai Beller  Berlin
Joachim Gauck und Thilo Sarrazin gelten als unbequeme Geister. Der frühere Bürgerrechtler und der Ex-Bundesbanker scheren sich nicht um politische Korrektheit. Nur wird der designierte Bundespräsident für seine Äußerungen gefeiert, während der Sozialdemokrat wegen seiner umstrittenen Thesen zur Integrationspolitik geächtet ist. Wenn der eine den anderen lobt, ist das immer ein Problem für den Hochgelobten.
Thilo Sarrazin 2010 bei der Vorstellung seines Buches   Thilo Sarrazin 2010 bei der Vorstellung seines Buches
"Ich hätte mir schon im Jahr 2010 Gauck als Bundespräsidenten gewünscht und bin sehr froh, dass es jetzt so kommen wird", wird Sarrazin von der Deutschen Presse-Agentur zitiert. Eigentlich eine Äußerung, die in diesen Tagen dutzendfach zu hören ist. Nur stammt sie dieses Mal eben von Sarrazin, der sich mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" ins Abseits manövriert hatte. Der frühere Berliner Finanzsenator übt darin scharfe Kritik an der deutschen Integrationspolitik und stellt einen Zusammenhang zwischen Herkunft und Integrationsbereitschaft her. Besonders schlecht schneiden laut Sarrazin Zuwanderer aus muslimischen Kulturen ab. Vor allem diese These löste einen Sturm der Entrüstung aus.
Mit der Einigung auf Gauck zeigt Merkel ...

 

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Gauck hatte dem Autor 2010 Mut attestiert, ihn aber auch zugleich kritisiert. Es sei notwendig, "genauer zu differenzieren und nicht mit einem einzigen biologischen Schlüssel alles erklären zu wollen". Dass Sarrazin Zuspitzungen und populistische Übertreibungen verwendet, fand er jedoch nicht kritikwürdig.
Böse Zungen könnten behaupten, dass Sarrazins lobende Worte eine Replik auf die differenzierte Betrachtungsweise Gaucks in der damaligen Integrationsdebatte sind. "Ich habe Achtung vor dem Mann und Respekt vor seiner Lebensleistung. Und Gauck ist des wohlgesetzten Wortes mächtig, eine Fähigkeit, die in seiner zukünftigen Position nicht ganz unwichtig ist", sagt Sarrazin.
In der breiten Unterstützerfront zeigen sich jedenfalls erste Risse. Vor allem die Grünen entdecken plötzlich, dass Gauck mit Sicherheit keiner der Ihren ist. "Klar, er ist kein Grüner", sagt Fraktionschef Jürgen Trittin "Spiegel Online". Einen "wertegeleiteten Konservativen" sieht er in Gauck und rät ihm auf seine Kritiker zuzugehen.
Die melden sich in der Grünen Bundestagsfraktion schon zu Wort. Der Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele etwa stört sich an Gaucks Äußerungen zu Sarrazin. "Wenn Gauck sich nicht von Sarrazins fremdenfeindlichen Thesen klar distanziert, ist er nicht der richtige Bundespräsident für die ganze Bevölkerung", sagt der Grünen-Politiker aus dem multikulturellen Berliner Bezirk Kreuzberg dem "Tagesspiegel". In dem Interview aus dem Jahr 2010 hat sich Gauck aber gar nicht zu den Thesen Sarrazins bekannt. Er forderte lediglich eine offene Debatte über die Integrationsprobleme.
Gaucks Kritiker von den Grünen mögen da nicht differenzieren. Der integrationspolitische Sprecher, Memet Kilic, will sich bei der Abstimmung enthalten. Vor anderthalb Jahren sei er bei der Vorstellung Gaucks in der Grünen-Fraktion den Tränen nahe gewesen, sagt er dem "Tagesspiegel". "Durch seine Äußerungen zu Sarrazin fühle ich mich nun umso mehr vor den Kopf gestoßen."
  • FTD.de, 21.02.2012
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