Gauck hatte dem Autor 2010 Mut attestiert, ihn aber auch zugleich kritisiert. Es sei notwendig, "genauer zu differenzieren und nicht mit einem einzigen biologischen Schlüssel alles erklären zu wollen". Dass Sarrazin Zuspitzungen und populistische Übertreibungen verwendet, fand er jedoch nicht kritikwürdig.
Böse Zungen könnten behaupten, dass Sarrazins lobende Worte eine Replik auf die differenzierte Betrachtungsweise Gaucks in der damaligen Integrationsdebatte sind. "Ich habe Achtung vor dem Mann und Respekt vor seiner Lebensleistung. Und Gauck ist des wohlgesetzten Wortes mächtig, eine Fähigkeit, die in seiner zukünftigen Position nicht ganz unwichtig ist", sagt Sarrazin.
In der breiten Unterstützerfront zeigen sich jedenfalls erste Risse. Vor allem die Grünen entdecken plötzlich, dass Gauck mit Sicherheit keiner der Ihren ist. "Klar, er ist kein Grüner", sagt Fraktionschef Jürgen Trittin "Spiegel Online". Einen "wertegeleiteten Konservativen" sieht er in Gauck und rät ihm auf seine Kritiker zuzugehen.
Die melden sich in der Grünen Bundestagsfraktion schon zu Wort. Der Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele etwa stört sich an Gaucks Äußerungen zu Sarrazin. "Wenn Gauck sich nicht von Sarrazins fremdenfeindlichen Thesen klar distanziert, ist er nicht der richtige Bundespräsident für die ganze Bevölkerung", sagt der Grünen-Politiker aus dem multikulturellen Berliner Bezirk Kreuzberg dem "Tagesspiegel". In dem Interview aus dem Jahr 2010 hat sich Gauck aber gar nicht zu den Thesen Sarrazins bekannt. Er forderte lediglich eine offene Debatte über die Integrationsprobleme.