Kopf des Tages:Die Integrationsbeauftragten der Linken
Vorurteile abbauen, Zusammenarbeit fördern: Klaus Ernst und Gesine Lötzsch sollen als neue Doppelspitze die Linke befrieden. Dabei lösen sie in der Partei alles andere als Begeisterungsstürme aus.
von Maike Rademaker
Am Abend vor der Wahl ist Klaus Ernst bester Laune, trinkt Bier und lacht. Aufgeregt? Keine Spur, versichert der 55-jährige Parteivize der Linken. Das letzte Mal, dass er wegen einer Wahl aufgeregt gewesen sei, war 2004, als er für den IG-Metall-Vorstand kandidierte. Damals fiel er durch.
Bei der Wahl am Wochenende ist alles gut gegangen. Zusammen mit der Ostberlinerin Gesine Lötzsch wird Ernst nun die Linkspartei anführen - ein Traumpaar, wie Fraktionschef Gregor Gysi sagt. Doch in Wirklichkeit sind Ernst und Lötzsch keine Wunschkandidaten, sondern eine Notlösung. Ihre Aufstellung verdanken sie einer Nacht-und-Nebel-Aktion im Januar, nachdem Oskar Lafontaine seinen Abschied verkündet hatte.
Die Doppelspitze der Linken: Gesine Lötzsch und Klaus Ernst
Dabei bringt das Duo einige Qualifikationen mit. Der gebürtige Münchner Klaus Ernst, Diplom-Volkswirt, hat die SPD nach 30 Jahren wütend verlassen und die WASG gegründet, den Westflügel der Linken. Wenig später half er, die WASG mit der PDS zu fusionieren. Dabei ackerte er sich zum Parteivize hoch. Ernst ist damit ein Klassiker des Westflügels, Gewerkschafter und Lafontaine-Freund.
Die 48-jährige Lötzsch wiederum ist eine veritable Vertreterin des Ostflügels: Die Lehrerin trat 1984 in die SED ein, saß im Berliner Senat und vertrat von 2002 bis 2005 mit unerschütterlicher Sturheit ihre Partei im Bundestag: ohne Fraktionsstatus, neben ihr nur Mitstreiterin Petra Pau. Ihren Bezirk Berlin-Lichtenberg hat sie bereits dreimal im Direktmandat geholt. Mittlerweile ist sie stellvertretende Vorsitzende der Fraktion und gilt als versierte Haushaltspolitikerin.
Als die personifizierten Gegensätze ihrer Partei sollen Ernst und Lötzsch den erbitterten Flügel- und Personalstreit beenden und das Vakuum füllen, das mit Lafontaines Abgang droht. Sie müssen die Landes- und Kreisverbände in Ost und West befrieden und Wunden heilen, die in den vergangenen Jahren entstanden sind. Ernst soll den Osten davon überzeugen, dass vom zahlenmäßig immer noch kleineren Westflügel keine Dominanzansprüche drohen. Dabei muss er erklären, warum manche Westlinke, frustriert von den Kompromissen der SPD, radikaler auftreten als manche Ostlinke, die den Sozialismus in seiner Konsequenz zu gut kennengelernt haben. Gesine Lötzsch wiederum soll dem Westflügel vermitteln, dass nicht jeder Ostlinke eine Stasi-Vergangenheit hat und nicht jeder Kompromiss wieder schnurstracks in die SPD führt.
Ihre diplomatische Mission treten sie aber nicht getrennt, sondern als Team an. In den vergangenen Wochen haben beide zahlreiche Kreisverbände besucht. "Die Aufgabe, die Partei zusammenzuführen, erfüllen wir zusammen", sagt Ernst. Man solle die Unterschiede zwischen Ost und West ernst nehmen, so Lötzsch. "Aber wir sollten das auch nicht überbewerten - es gibt schließlich auch Nord und Süd und andere Unterschiede."
Wohin sie die Partei bei all dem neuen Verständnis füreinander führen wollen, in den regierungsfeindlichen Radikalismus oder zur entzauberten Kompromisspartei, ist offen. "Das Wahlprogramm umsetzen" lautet Lötzschs schlichte Devise. So hat die theoretisch gute Personallösung einen Haken: Von der notwendigen Strahlkraft und visionären Ideen sind beide weit entfernt. Ernst ist zwar rhetorisch erfahren, ihm lastet aber wegen des ein oder anderen frauenfeindlichen Spruchs der Ruf eines Machos an. Bei der Wahl zum Parteivize erhielt er 2008 nur 59,2 Prozent der Stimmen. Zudem soll er wesentlich am Sturz des Bundesgeschäftsführers Dietmar Bartsch beteiligt gewesen sein, was ihm viele im Osten nachtragen. Das Problem hat Lötzsch zwar nicht, doch ihre Auftritte sind trocken, ihr fehlt rhetorisches Talent. Gemeinsam ist den beiden noch ein anderes Problem - ihr Vorgänger Oskar Lafontaine, an dem sie künftig gemessen werden.
Zunächst aber hat die Partei das Signal vom Januar verstanden und reichlich Vorschusslorbeeren gewährt: Das Wahlergebnis auf dem Parteitag fiel mit 92,8 Prozent für Lötzsch und 74,9 Prozent für Ernst besser aus als erwartet.
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