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Merken   Drucken   19.07.2012, 13:32 Schriftgröße: AAA

Neuer Chef in Berlin: DIW-Forscher blasen zum Angriff

Das DIW will in der Politikberatung künftig eine Führungsrolle einnehmen. Die Chancen dafür stehen gut.
von Berlin

Das Ziel ist klar formuliert: Nach Jahren der Abstinenz will das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) unter seinem neuen Präsidenten im kommenden Jahr wieder an der prestigeträchtigen Gemeinschaftsdiagnose teilnehmen.

Marcel Fratzscher soll das größte deutsche Konjunkturinstitut zurück in die Spitzengruppe der Politikberater in Deutschland führen. Und die Chancen dafür stehen gut, glauben Beobachter. "Das DIW dürfte bei der nächsten Entscheidung zur Gemeinschaftsdiagnose 2013 wieder gesetzt sein", sagte ein renommierter deutscher Ökonom, der heute selbst an dem halbjährlich erscheinenden Wirtschaftsbericht für die Bundesregierung mitwirkt.

Mit der Entscheidung für Fratzscher, der heute noch eine wichtige Abteilung bei der Europäischen Zentralbank leitet, will das DIW endgültig einen Schlussstrich unter die jahrelangen Querelen am Institut ziehen. Nach dem Rücktritt des umstrittenen Chefs Klaus Zimmermann arbeitet man in der Mohrenstraße in Berlin-Mitte bereits seit Anfang 2011 an einer Neuaufstellung.

Früher galt das DIW einmal als Speerspitze in Sachen Konjunkturforschung und Politikberatung. Nun soll es der erst 41-jährige Fratzscher richten. Bei der EZB ist er zum Euro-Krisenkenner gereift, publiziert wie kaum ein zweiter deutscher Volkswirt. Genau das hat in Berlin bislang gefehlt, sagt einer, der früher selbst eine große deutsche Forschungseinrichtung leitete: "Das einzige in der Hauptstadt ansässige Wirtschaftsinstitut hat jetzt einen Makroökonomen, der die Krise versteht."

Auch die deutsche Wissenschaftsgemeinschaft ist begeistert. "Das DIW Berlin ist auf einem sehr guten Weg", sagte Karl Ulrich Mayer, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, nach Bekanntwerden der Entscheidung. Das Institut verbinde wissenschaftliche Stärke mit der für die Beratung so wichtigen Unabhängigkeit. Als Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft wird das DIW großzügig sowohl vom Bund als auch vom Land Berlin mitfinanziert (siehe Grafik). Die Aussage Mayers gilt als sicheres Indiz dafür, dass auch die seit diesem Frühjahr andauernde Evaluierung des Instituts gut verläuft. Ende November soll dazu die endgültige Bewertung veröffentlicht werden.

Viel Zeit bleibt den Berliner Forschern nicht mehr: Voraussichtlich im Herbst wird die Gemeinschaftsdiagnose neu ausgeschrieben, die nicht nur viel öffentliche Aufmerksamkeit einbringt, sondern zudem gut bezahlt wird. Bevor das DIW den Auftrag 2007 verlor, erhielt das Institut dafür jährlich rund 200.000 Euro. Ein herber Ausfall, der nicht einfach wegzustecken sei, konstatierte der frühere Institutsleiter Zimmermann im Sommer 2007.

Heute nehmen vier Konsortien aus je zwei Parteien an dem Konjunkturgutachten teil, das von der Bundesregierung zweimal jährlich in Auftrag gegeben wird; einem Institut kommt dabei jeweils die führende Rolle zu. Bereits jetzt steht das DIW dafür in Verhandlungen mit möglichen Partnern. Mit einer Einrichtung seien die Gespräche bereits fortgeschritten, heißt es. Bis spätestens zum Jahresende muss die endgültige Bewerbung stehen. Einiges spricht dafür, dass die Berliner trotz langjähriger Abstinenz gleich voll angreifen und sich als Seniorpartner eines Konsortiums positionieren wollen.

Nach Vorgabe des Wirtschaftsministeriums muss die entsprechende Forschungseinrichtung dafür in der Lage sein, einen Konjunkturbericht komplett eigenständig anzufertigen. Genau daran scheint man beim DIW derzeit unter Hochdruck zu arbeiten: Anfang August soll ein neuer Forscher kommen, um die mittelfristige Prognose zu verbessern. Die ist wichtig für die ebenfalls geforderte Kalkulation der Steuereinnahmen von Bund, Ländern und Gemeinden. Mit Kristina van Deuverden wechselte erst zu Jahresbeginn eine ausgewiesene Finanzexpertin ans DIW.

Zuvor arbeitete sie viele Jahre am IW Halle, das im Gegensatz zu den Berlinern bei der Gemeinschaftsdiagnose mitmischt. Seit einer schwachen Evaluierung durch die Experten der Leibniz-Gemeinschaft 2011 sind die Hallenser jedoch führungslos und kämpfen um ihre Mitarbeiter. Auch in der wirtschaftspolitischen Debatte taucht das Institut weniger als früher auf. Das könnte dem DIW im Rennen um einen der Plätze bei der Gemeinschaftsdiagnose zusätzlich helfen, glaubt so mancher Beobachter.

Spätestens im April 2013 dürfte nach zwei Bewerbungsphasen die endgültige Entscheidung fallen, wer den Zuschlag erhält. Bei der letzten Ausschreibung war für das DIW nach Runde zwei Schluss.

  • Aus der FTD vom 19.07.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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