Kurz vor Beginn der Hauptversammlung des Munich Re -Konzerns am Donnerstagmorgen in München durchquert Clemens Vedder den Saal, bleibt am Rand der ersten Sitzreihe kurz stehen und mustert das Podium. Dann geht er vorbei an den Vorständen und Aufsichtsräten der Munich Re, die dort etwas erhöht sitzen. Von Vedder, leicht untersetzt und im dunkelblauen Anzug, scheint kaum jemand Notiz zu nehmen. Nur Aufsichtsratschef Hans-Jürgen Schinzler nickt in seine Richtung.
Die meisten kennen wohl nur Vedders Namen, nicht sein Gesicht. Der 64-jährige Geschäftsmann, gewelltes graues Haar, stechender Blick, hält sich meist im Hintergrund - und ist doch gefürchtet in den DAX-Vorstandsetagen. Vor zehn Jahren hielt er mit Co-Investoren monatelang die Commerzbank -Führung in Schach. Im Munich-Re-Vorstand ist er dafür bekannt, dass er in den Streit zwischen Ex-Vertretern mit dem Konzern Munich Re und deren Erstversicherungstocher Ergo involviert ist. Vedder agiert dabei als Mediator, sagt er.
"Ich bin Aktionär, Fondsverwalter und ab und zu auch Rentner", hebt er gegen Ende dieses Vormittags vor den 3500 Aktionären in der Münchner Messe an, es ist einer seiner seltenen Auftritte. Vedder fragt nach den Kosten des Skandals um die Erstversicherungstochter Ergo, nach möglichen Schäden bei den Mitbewerbern, nach Strafanzeigen, die die Munich Re gegen ihn und zwei Anwälte gestellt hat. Er verlangt die Ablösung von Ergo-Chef Torsten Oletzky, eine Forderung, der sich auch andere Sprecher anschließen. "Überlegen Sie sich, ob dieser Vorstand der Ergo zu Ihnen passt." Und er behält sich vor, "später noch weitere 150 Fragen zu stellen".
Der Streit, in dem Vedder agiert und der in Presseberichten über eine Sexreise von Vertretern nach Budapest gipfelte, ist unappetitlich. Es geht um frühere Mitglieder der Vertriebsorganisation HMI, die inzwischen Ergo Pro heißt. Einige Vertreter verlangen eine Abfindung von Ergo. In anderen Fällen hat Ergo die Vertreter verklagt, die nach Ansicht des Konzerns Konkurrenzausschlussklauseln nach ihrem Ausscheiden nicht beachtet haben.
Ob Vedder als Mediator prozentual an allen Summen beteiligt ist, die diese Vertreter in dem Streit erhalten könnten, ist unklar. Eine Mediatorenvereinbarung zwischen Munich Re und Vedder gibt es nach Angaben eines Konzernsprechers jedenfalls nicht. Auf Basis einer Strafanzeige der Ergo gegen Vedder und zwei Anwälte hat die Staatsanwaltschaft Düsseldorf Ermittlungen aufgenommen.
Mit der Ankündigung, 150 Fragen zu stellen, lässt es Vedder zwar bewenden. Dafür tritt ein Aktionärsvertreter nach dem anderen ans Mikrofon, viele davon sind als klagefreudig bekannt. Sie bombardieren Vorstandschef Nikolaus von Bomhard und Chefkontrolleur Schinzler mit Detailfragen: "Ist es richtig, dass Oletzky die Bunga-Bunga-Rechnungen der Münchener Rück präsentiert und die auch bezahlt hat?", wettert Karl-Walter Freitag und fragt in Richtung Oletzky: "Wann verschwindet dieser Herr?" Sunny Schneider will wissen, ob es stimme, dass die Damen in Budapest vorgetestet worden seien. Freitag erregt sich über eine Antwort Schinzlers, die Vorgänge seien alt und im Detail kein Thema. "Wenn das Ihre Antwortpolitik ist, dann kriegen Sie in vier Wochen eine Anfechtungsklage von mir."
Von Bomhard trägt Antwort um Antwort vor, freundlich und geduldig. Der Sexausflug nach Budapest sei eine einmalige Sache gewesen, sagt er, und die falsch berechneten Kosten bei Riester-Kunden ein "ganz unglücklicher Fehler". Dennoch sei ihm nie der Gedanke gekommen, sich von der Ergo zu trennen. Oletzky habe die Krise richtig gemanagt, "den Stier bei den Hörnern gepackt". 4 Mio. Euro externe Beraterkosten habe die Bewältigung des Skandals die Ergo gekostet. Die internen Kosten - dafür, dass etwa die Revision den Fall untersucht hat und Mitarbeiter bei Kunden intensiv nachfragten - seien ähnlich hoch. Den Aktionärsrednern reicht das nicht. "Sie vertuschen weiter", schreit Freitag. Da wird auch der sonst so zurückhaltende Schinzler laut: "Das ist keine Zirkusveranstaltung hier!"
Am Nachmittag, Vedder hat die Versammlung längst verlassen, wird im Saal noch immer heftig diskutiert. Vedder dagegen streitet hinter den Kulissen weiter - dort, wo er es am liebsten tut.