FTD.de » Unternehmen » Versicherungen » AOK wirft Apotheken Rezeptbetrug vor

Merken   Drucken   20.08.2011, 12:16 Schriftgröße: AAA

Krankenkassen: AOK wirft Apotheken Rezeptbetrug vor

In mehr als 30.000 Fällen sollen Apotheken Rezepte mit Medikamenten abgerechnet haben, die sie gar nicht abgegeben haben. Apothekerverbände weisen die Schuld zurück: Sie sehen die Schuld bei der AOK und den Pharmaherstellern.
© Bild: 2011 Alexander Stein/JOKER
In mehr als 30.000 Fällen sollen Apotheken Rezepte mit Medikamenten abgerechnet haben, die sie gar nicht abgegeben haben. Apothekerverbände weisen die Schuld zurück: Sie sehen die Schuld bei der AOK und den Pharmaherstellern.
Deutsche Apotheken haben nach Darstellung der AOK bundesweit im großen Stil Rezepte falsch abgerechnet. Insgesamt dürften mehrere Tausend Apotheken Medikamente zulasten der Allgemeinen Ortskrankenkassen abgerechnet haben, die gar nicht auf dem Markt gewesen seien, teilte der AOK-Bundesverband am Freitag in Berlin mit. Was an die Patienten stattdessen abgegeben worden sei, könne anhand der Rezepte nicht nachvollzogen werden. "Die AOK prüft derzeit die Vorfälle und wird entsprechend die zuständigen Staatsanwaltschaften einschalten", fügte der Sprecher hinzu.
Nach Angaben der AOK wurden allein im Juni mehr als 30.000 Fälle bekannt, in denen Rezepte mit einem derzeit nicht auf dem Markt befindlichen anderen Medikament bedruckt und abgerechnet wurden. Eine akute Gesundheitsgefahr für Patienten bestehe aber nicht, wenn es sich bei den tatsächlich abgegebenen Medikamenten um wirkstoffgleiche Präparate handele. Das Präparat müsse aber insbesondere aus Gründen der Arzneimittelsicherheit zwingend auf dem Rezept vermerkt werden.
Bei den bekanntgewordenen Fällen handelt es sich der AOK zufolge möglicherweise "um die Spitze eines Eisberges". Derart falsch abgerechnete Arzneimittel fielen im Normalfall nicht auf. Der Stein sei ins Rollen gekommen, weil in einem Fall das aufgedruckte Medikament nachweislich noch nie am Markt verfügbar gewesen sei, der Hersteller aber trotzdem Rechnungen für den gesetzlich festgelegten Großhandelsrabatt erhalten habe.
Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) wies die Kritik zurück. Der AOK-Bundesverband verunsichere "wider besseren Wissens" die Öffentlichkeit und versuche, eigene Fehler zu kaschieren. Eigentliches Problem seien die Rabattverträge der AOK mit Pharmaherstellern, erklärte die ABDA. Einige Hersteller, die einen Zuschlag von der AOK erhalten hätten, seien noch immer nicht lieferfähig. "Das heißt faktisch: Die Apotheke ist verpflichtet, ein Medikament abzugeben, das nicht existiert." Trotzdem hätten die Apotheken zigtausende AOK-Patienten in dieser Lage versorgen müssen. "Das haben die Apotheken getan und haben wirkstoffgleiche Arzneimittel gesucht, abgegeben und damit den Patienten versorgt."
Laut AOK kann in mindestens 30.000 Fällen nicht mehr über die Rezepte zurückverfolgt werden, welcher Patient welches konkrete Medikament erhalten habe. Komme es etwa zu einem Rückruf des Medikaments - beispielsweise bei einer gefährlichen Verunreinigung oder Falschdosierung - sei eine direkte Information der Patienten nicht möglich. Bei den falsch bedruckten Rezepten gehe es deshalb in erster Linie nicht um Abrechnungsbetrug, "sondern vor allem um einen relevanten Verstoß gegen die Arzneimittelsicherheit", fügte der Sprecher hinzu. Es gebe keine Konstellation, in der eine Apotheke ein anderes Medikament abrechnen dürfe als abgegeben.
Der Chef des Deutschen Apotheker Verbandes (DAV), Fritz Becker, nannte es grotesk, wenn die AOK Rabattverträge mit Herstellern abschließe, die nicht eine einzige Packung liefern könnten "und am Ende die Apotheken für die Folgen verantwortlich gemacht werden". Fehlerhafte Dokumentationen müssten korrigiert und klargestellt werden. Dies sei jedoch zwischen AOK und DAV und durch Mitteilungen an die Apothekerverbände längst geklärt.
Die Pharmaindustrie zeigte sich besorgt, dass sie wegen der möglichen Falschabrechnungen zu viele Abschläge gezahlt haben könnte. Es müsse ein Weg gefunden werden, dass diese nur dann geltend gemacht würden, wenn die jeweilige Arznei auch abgegeben worden sei, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie Henning Fahrenkamp.
  • Reuters, 20.08.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
FTD-Versicherungsmonitor
FTD-Versicherungsmonitor

Der FTD-Versicherungsmonitor hat alle wichtigen Namen und Nachrichten auf dem Radar und bündelt die wichtigsten Informationen aus verschiedenen Quellen. So erhalten Sie einen exzellenten Überblick über die Assekuranz, analytisch kommentiert von FTD-Versicherungskorrespondent Herbert Fromme.

Jetzt kostenlos abonnieren
Tweets von FTD.de Unternehmens-News

Weitere Tweets von FTD.de

  16.05. Wissenstest Sind Sie Flughafenkenner?

Die verschobene Eröffnung des Berliner Großflughafens BER schlägt Wellen. Die internationalen Flughäfen sind nicht nur dynamische Orte, sondern auch Großunternehmen. Kennen Sie sich gut mit Airports aus?

Zunächst eine Frage zum weltgrößten Flughafen. Derjenige mit dem größten Passagieraufkommen ist …

Wissenstest: Sind Sie Flughafenkenner?

Alle Tests

Tools für Unternehmer
 
Gründung Finanzierung Steuern Firmenwert Vorlagen
Verträge und Vorlagen Sie benötigen Dokumente und nützliche Arbeitshilfen für Ihren Geschäftsalltag? Wählen Sie aus fast 5.000 rechtssicheren und aktuellen Verträgen, Vorlagen, Checklisten, Rechentabellen oder Ratgebern. mehr

Newsletter:   Eilmeldungen Unternehmen

Autobauer unterschreibt milliardenschwere Übernahme? Mit uns wissen Sie es, bevor die Tinte trocken ist.

Beispiel   |   Datenschutz
  • Ackermann-Nachfolger: Anshu Jain - Wider die Deutschtümelei

    Eine Bilanz vor dem Amtsantritt? Verbietet sich. Eigentlich. Nicht so bei Anshu Jain. Denn Josef Ackermanns Nachfolger hat schon vor dem Start bei der Deutschen Bank viel verändert. mehr

  •  
  • blättern
  Bilderserie Deutsche Bank Ackermanns Meilensteine

Bilderserie

  31.05. Wirtschaft Spendierhosen bei VW sitzen enger
Wirtschaft: Spendierhosen bei VW sitzen enger (00:01:36)

Der Tarifabschluss für die Angestellten des Automobilkonzerns entspricht weitgehend dem Flächenvertrag in der Metall- und Elektrobranche. Laut IG-Metall ist er aber "einen Schnaps besser". mehr

FTD-Blogs
Weitere FTD-Blogs

alle FTD-Blogs

 



markets
  DAX 6264,38  [-16.42 -0,26%
  Dow Jones 12393,45  [-26.41 -0,21%
  Nasdaq Composite 2827,34  [-10.02 -0,35%
  Euro Stoxx 50 2118,94  [2.76 +0,13%
VERSICHERUNGEN

mehr Versicherungen

INDUSTRIE

mehr Industrie

FINANZDIENSTLEISTER

mehr Finanzdienstleister

HANDEL+DIENSTLEISTER

mehr Handel+Dienstleister

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote