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Merken   Drucken   04.12.2012, 09:00 Schriftgröße: AAA

Hochschulmanager des Jahres: Wilfried Müller - der Wunderheiler von der Weser

Einst rote Kaderschmiede, heute Eliteuniversität: Der sagenhafte Aufstieg der Uni Bremen ist eng verknüpft mit ihrem langjährigen Rektor Wilfried Müller. Für seine Leistungen zeichnet die FTD ihn als Hochschulmanager des Jahres aus.
© Bild: 2012 FTD/Toma Babovic
Einst rote Kaderschmiede, heute Eliteuniversität: Der sagenhafte Aufstieg der Uni Bremen ist eng verknüpft mit ihrem langjährigen Rektor Wilfried Müller. Für seine Leistungen zeichnet die FTD ihn als Hochschulmanager des Jahres aus.
von Bremen

Jetzt, wo alles vorbei ist, wo er 86 Mio. Euro eingesammelt hat, jetzt darf er sich auch einmal lustig machen über die Exzellenzinitiative, diesen Wettbewerb der Universitäten um Fördergeld von Bund und Ländern.

Wilfried Müller hat seine rote Krawatte und alle Zurückhaltung abgelegt. Der ehemalige Rektor der Uni Bremen hebt ein Schnapsglas und prostet seinem Professorenkumpel Stephan Leibfried zu: "Unglaublich, wie wir den Gutachtern unsere Struktur als flache Hierarchien verkauft haben. Dabei bringt dieses Kompetenzwischiwaschi doch nichts. Einer muss sagen, wo es langgeht!"

Der eine, der zehn Jahre lang gesagt hat, wo es langgeht, war Müller. Der 67-jährige Chemiker und Sozialwissenschaftler hat es geschafft, die Uni Bremen unter schwierigsten finanziellen Bedingungen an die akademische Spitze zu schieben. Ende September schied er aus dem Amt. Beim Festakt zur Einführung seines Nachfolgers glänzte er nun mit einer kabarettistischen Einlage. Und auch wenn er sich in dem Moment über den Exzellenzwettbewerb amüsierte - der Sieg hat seine Amtszeit gekrönt.

Jubel nach der Exzellenzentscheidung zugunsten der Uni Bremen   Jubel nach der Exzellenzentscheidung zugunsten der Uni Bremen

Im Sommer wurde die Uni Bremen zu einer von deutschlandweit nur elf Eliteuniversitäten gekürt. Das Motto ihres ausgezeichneten Zukunftskonzepts, "Ambitioniert und agil", steht programmatisch für die 1971 gegründete Universität. Für viele und auch für Müller gleicht dieser Erfolg einem "Wunder an der Weser". Dem zweiten nach dem legendären Europapokalsieg des Bundesligaklubs SV Werder im Jahr 1992. Das Wunder ist jedoch nicht plötzlich vom Himmel gefallen, sondern über viele Jahre hart erarbeitet worden - auch von Müller. Für seine herausragenden Leistungen zeichnen ihn die FTD und das CHE Centrum für Hochschulentwicklung der Bertelsmann Stiftung an diesem Dienstag als Hochschulmanager des Jahres 2012 aus.

Nach einem Wunder sah es an der Universität Bremen lange nicht aus. 1976 wechselte Müller von der Uni Hamburg auf eine Assistenzprofessur an die Weser. Die Bremer Uni war damals hochumstritten: Während die einen das besondere Lehrmodell lobten, sahen andere sie als rote Kaderschmiede. Müllers Mutter jedenfalls war enttäuscht. "Schade, jetzt kann ich nicht mehr mit dir angeben", habe sie ihm gesagt. Mit einem Sohn als Dozenten an einer linken Reformhochschule ließ sich in hanseatischen Kaufmannskreisen schlecht prahlen. Müller war das egal. Er war selbst ein "Linker", stand einer sozialistischen Gruppierung, dem Büro Frankfurt, nahe. "Das ist ja ein ganz Wilder", dachte Günther Diekhöner, Präsident des Bremer Industrie-Clubs, als er Müller vor 20 Jahren zum ersten Mal begegnete, "ein flippiger Typ, mit flatternder Mähne."

Doch die Verhältnisse an der Uni damals überstiegen selbst Müllers Toleranz. "Ich war entsetzt, als ich hierherkam", sagt er rückblickend, "erschrocken über die Härte der Auseinandersetzung, die vielen Konflikte." In manchen Fächern wurde mehr politische Agitation gelehrt als wissenschaftlich gearbeitet. In der Zeit, erinnert sich Müller, war es als Angehöriger der Uni schwer, eine Wohnung in Bremen zu finden. Die Vermieter fürchteten Chaos in ihren Räumen.

Anfang der 80er-Jahre, gerade mal zehn Jahre nach ihrer Gründung, stand die Universität bereits vor ihren Trümmern. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) weigerte sich, die Uni in ihren Kreis förderungswürdiger Hochschulen aufzunehmen. Die Forschung in Bremen hätte "Jugend-forscht-Niveau", soll der damalige DFG-Präsident gesagt haben, und das sei noch wohlmeinend ausgedrückt. In dieser Phase griff die Bremer Wissenschaftsbehörde ein und setzte einen neuen Rektor durch. Der Naturwissenschaftler Jürgen Timm sollte die Reformuni reformieren. Mit Timm begann der Aufstieg der Uni Bremen. Es brauchte allerdings 30 Jahre, bis das akademische Schmuddelkind im Exzellenzolymp angekommen war.

Vieles von dem, was Timm in seiner 20-jährigen Amtszeit angestoßen hat, wurde ab 2002 von Müller konsequent fortgeführt und ausgebaut. Es wurden neue Fachbereiche wie Produktionstechnik und Geowissenschaften aufgebaut, gute Forscher gefördert. Die Unileitung setzte auf Interdisziplinarität und forschendes Lernen. Am radikalsten aber haben sich die Managementstrukturen verändert - und das Verhältnis zu Leistung. Vor einigen Jahren hat Müller Personalberater von Kienbaum an die Uni geholt, um die Berufungsverfahren zu professionalisieren. Seitdem werden neue Professoren durch ein Assessment-Center geschickt. Das kommt nicht bei allen gut an, hat aber zu einer besseren Personalauswahl geführt.

Das Bremer Landeshochschulgesetz billigt dem Rektor eine vergleichsweise machtvolle Position zu, ebenso wie dem Kanzler. "Ich habe die Macht nie als Belastung empfunden", sagt Müller, "sondern als Chance zur Gestaltung." Der Rektor hat ein Veto, Müller hat es aber nie genutzt. "Es ist wichtiger, Leute zu überzeugen als zu überstimmen", sagt er. Der hoch gewachsene Mann mit dem weißen Wuschelkopf gilt als kommunikationsstark und konsensorientiert. "Er kann sehr gut Leute einbinden und mitnehmen", sagt der Konrektor für Forschung, Rolf Drechsler. Wenn es darum ging, für die Uni etwas rauszuholen, hat er sich immer nach vorn gedrängelt. Die Drittmitteleinnahmen stiegen in Müllers Amtszeit stark an; zuletzt nahm die Uni 91 Mio. Euro private Fördergelder ein, das entspricht fast einem Drittel ihrer Gesamteinnahmen.

Früher als andere Universitäten verabschiedete man sich in Bremen von der Idee, eine Hochschule könne in allen Fächern gleich gut sein. Die Uni konzentrierte sich auf sechs Wissenschaftsschwerpunkte, in denen sie besonders erfolgreich ist. Einer dieser Schwerpunkte ist die Meeresforschung. Das Zentrum für Marine Umweltwissenschaften ist eine der weltweit führenden Einrichtungen zur Erkundung der Ozeane. Es wird als Exzellenzcluster mit 39 Mio. Euro gefördert. Der moderne Holz-Glas-Bau hebt sich auf dem Campus nicht nur optisch von den umstehenden 70er-Jahre-Betonkästen ab. Im Innern, in der großen Werkhalle, stehen Unterwasserroboter, die am Meeresboden Proben aufsammeln können. Gerold Wefer, langjähriger Direktor des Zentrums, hat den Aufstieg der Uni Bremen mitgestaltet. Ab 1987 hat er den geowissenschaftlichen Fachbereich aufgebaut. "Müller war immer offen für neue Modelle, er wollte eine moderne Uni mit modernen Entscheidungsstrukturen", sagt Wefer, "und er hatte den Mut, vieles auszuprobieren, er ist immer sehr beharrlich seinen Weg gegangen."

Auch bei Konflikten, und die gab es auch in Müllers Amtszeit reichlich. Als etwa im Zuge von Sparmaßnahmen zwei Fächer gestrichen werden mussten, stürmten Studierende jede Senatssitzung. Der Rektor reagierte stets souverän und gelassen. Auch wenn es ihm schwerfiel. 2007 erlebte er "ein fürchterliches Jahr". Das Land strich der Uni faktisch acht Prozent der Haushaltsmittel. Mehrere Professuren konnten nicht wieder besetzt, zwei Fächer mussten geschlossen werden. Damit habe sich Müller sehr schwergetan, sagt Konrektor Drechsler, "da hat er richtig mitgelitten." Zugleich war seine Frau in dieser Zeit an Krebs erkrankt. Sie starb Anfang 2008. "Ich habe in dieser Zeit eine große Unterstützung erfahren", sagt Müller. Da war er wieder, der alte Spirit von Bremen.

Das starke Miteinander hat die Uni in diesem Jahr auch zu ihrem Sieg in der Exzellenzinitiative geführt. "Alle Leistungsträger, alle Forscher wollten das", sagt Müller. "Wir haben am Ende gewonnen, weil wir alle an einem Strang gezogen haben." Für den Altrektor ist das späte Genugtuung: "Wir wollten der Welt zeigen, dass wir gut sind - jetzt ist es endlich aus mit der roten Kaderschmiede!"

Mittlerweile sind die Bremer richtig stolz auf ihre Uni. Wenn man heute in der Stadt eine Wohnung finden will, ist es hilfreich, an der Uni angestellt zu sein. "Die Universität ist ein absoluter Leuchtturm", sagt Diekhöner, "für die Bremer Wirtschaft ist die Uni ein ganz wichtiger Standortfaktor." In dem armen Stadtstaat ist die Wissenschaft einer der größten Arbeitgeber. Nicht nur an der Uni, vor allem drumherum, im Technologiepark, haben sich über 400 Firmen und Forschungsinstitute mit über 6000 Beschäftigten angesiedelt. Auch Diekhöners Firma Denkfabrik ist dort. "Wir brauchen die Nähe zur Uni." Und Müller sucht auch die Nähe zur Wirtschaft. Seit fünf Jahren ist er Mitglied im Industrie-Club.

Es ist Müllers Verdienst, dass sich Wissenschaft und Wirtschaft nähergekommen sind. Er, der sich immer noch politisch links verortet, hat keinerlei Berührungsängste mit der Industrie. "Man muss diese Beziehungen pflegen - ohne seine Seele zu verkaufen", sagt er. Vor 30 Jahren hätte man gegen diese kapitalistische Annäherung protestiert, heute profitiert die Hochschule sehr von der Wirtschaft. Sie finanziert Stiftungsprofessuren und Stipendien. Müller hat bereits 1,5 Mio. Euro von Firmen wie Daimler, Airbus und der Sparkasse eingeworben, um Forschungsprojekte der Exzellenzinitiative dauerhaft fortführen zu können.

Als Pensionär startet er noch einmal neu durch. Er berät andere Hochschulen bei der Profilierung, demnächst wird er Hochschulleiter coachen. Er hat sich, nach 40 Jahren, seinen Bart abrasiert, "um jünger auszusehen", sagt er und lacht. Und Müller hat auch privat ein neues Glück gefunden, seine zweite Frau kommt ebenfalls aus der Uni. So wird er der Hochschule noch länger verbunden bleiben.

  • Aus der FTD vom 04.12.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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