Ein weltweit agierender Industriekonzern übernimmt einen Mittelständler, um in eine neue Marktnische vorzustoßen. Für Andritz sind solche Coups längst Routine: Mehr als 60 Firmen hat die österreichische Firma mit Sitz in Graz in den vergangenen zwei Jahrzehnten zugekauft, zuletzt den Pressenhersteller Schuler. Der passt genau ins Beuteschema von Andritz , schließlich ist Schuler Marktführer in einer Nische.
"Schuler entspricht allen Eckpfeilern unserer Akquisitionsstrategie", sagt Vorstandschef Wolfgang Leitner. Knapp 600 Mio. Euro wird Andritz für Schuler bezahlen. Und so das Spektrum in der Konzernsparte Metall erweitern. Die liefert bisher Anlagen für die Erzeugung und Veredelung von Edelstahl - ein zuletzt stagnierendes Geschäft "mit moderater Projektaktivität", wie Leitner einräumt. Gerald Walek, Analyst bei der Ersten Bank, findet den Kaufpreis angemessen: "Wenn man die Betrachtung auf das sehr gute Geschäftsjahr 2011 beschränkt, hat Andritz für Schuler wegen der starken Ausrichtung auf die zyklische Automobilindustrie einen gerechtfertigten Discount gezahlt."
Was schätzen die Investoren an Andritz besonders? Für Dominik von Podewils, Analyst bei der Privatbank Berenberg, ist es das auf strukturelle Trends ausgerichtete Produktportfolio der fünf Konzernsparten, das Ganze kombiniert mit einer starken Bilanz und einer weit über dem Branchendurchschnitt liegenden Dividendenrendite. Apropos Bilanz: "Bei Andritz ist es quasi Religion, der hohen Verzinsung auf das eingesetzte Kapital höchste Priorität einzuräumen", sagt Walek. "Erst dadurch ist Andritz in der Lage, hohe Dividendenausschüttungen von bis zu 60 Prozent mit dynamischen zweistelligen Wachstumsraten zu kombinieren."
Dieses dynamische Wachstum rechtfertigt in den Augen der Investoren die auf den ersten Blick stramme Bewertung. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) für 2013 liegt bei zwölf und damit höher als das von Konkurrenten wie Siemens oder Alstom .
Eine Schwachstelle des Geschäftsmodells ist die Abhängigkeit von Großprojekten. Das gilt vor allem für die Schlüsselsparte Hydro, deren Anteil am operativen Gewinn bis zu 50 Prozent ausmacht. Branchenexperten äußern sich jedoch lobend, weil es Andritz bisher stets gelungen sei, mit effizientem Projektmanagement und Rückstellungen in der Bilanz möglichen Einnahmeausfällen zu begegnen.
Großaufträge in der Hydro-Sparte kommen am ehesten aus Schwellenländern. Das Umsatzpotenzial in Europa und Amerika besteht darin, dass zwei Drittel der Kraftwerke älter als 40 Jahre sind. Hier kommt Andritz als Zulieferer von Turbinenersatzteilen ins Spiel. "Anders als Wettbewerber wie Alstom bietet Andritz auch Matrixturbinen für kleinere Wasserkraftwerke", sagt Walek. Dazu kommen neue Technologien: Eine Turbine für Gezeitenströmungen steht kurz vor der kommerziellen Nutzung.
Langfristig will Andritz mehr als 50 Prozent der Erlöse mit erneuerbaren Energien erzielen. Das gefällt Börsianern: Mit 27 Prozent Kursplus seit Jahresanfang hat die Aktie den Wiener Leitindex ATX abgehängt. Heiß gelaufen ist sie aber noch nicht.
Stefan Riedel schreibt als freier Autor für die G+J Wirtschaftsmedien.