Es läuft gut für Indonesien. Der private Konsum steigt, die Investitionstätigkeit nimmt zu. Der Staat hat beschlossen, die Infrastruktur im Land deutlich auszubauen, was der Wirtschaft einen weiteren Schub geben dürfte. Für dieses Jahr erwartet die indonesische Regierung ein Wirtschaftswachstum von 6,6 Prozent. In Portugal sieht es weniger gut aus. Das Land hängt am Tropf von EU und Internationalem Währungsfonds. Und die EU-Kommission erwartet, dass die portugiesische Wirtschaft in diesem Jahr um 3,3 Prozent schrumpft.
Die Grenzen zwischen Schwellenland und Industriestaat scheinen angesichts solcher Gegenüberstellungen zu verwischen. Kaum verwunderlich also, dass immer mehr Vermögensverwalter erklären, ein Investment in Schwellenländer sei nicht mehr riskanter als ein Investment in entwickelte Märkte. Sogar Schwellenländer der zweiten Reihe, sogenannte Frontier-Markets, seien für Investoren mittlerweile ähnlich sicher wie Industriestaaten. Dazu zählen je nach Definition Länder wie Ghana, Bulgarien, Bangladesch oder Kroatien.
"Die Frontier-Markets sind in der Frühphase ihrer Entwicklung und dürften schneller wachsen als die Schwellen- und Industrieländer", sagt Allan Conway, Leiter des Bereichs Schwellenländeraktien beim britischen Investmenthaus Schroders. In den vergangenen fünf Jahren sei die Wirtschaft dort jährlich zwischen sieben und acht Prozent gewachsen, in den nächsten Jahren soll es ähnlich gut laufen. "Das ist deutlich höher als das globale Wachstum der Industrieländer", sagt Conway. Bestes Beispiel ist Ghana: Das Land ist trotz des Todes von Präsident John Atta Mills im vergangenen Monat politisch stabil, außerdem reich an Rohstoffen wie Öl und Gold. Für dieses Jahr erwartet die Afrikanische Entwicklungsbank für Ghana ein Wirtschaftswachstum von bis zu acht Prozent.
Tatsächlich konnten viele Schwellenländer selbst in der Finanzkrise 2008 und 2009 ein ordentliches Wirtschaftswachstum vorweisen, trotz gesunkener Exporte aufgrund der schwächeren Weltkonjunktur. Für Anleger bieten sich aufgrund des stabilen Wirtschaftswachstums einige Möglichkeiten. "Das nominale Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in Dollar korreliert durchaus mit der Aktienmarktentwicklung, bewertet in Dollar", sagt Reinhard Cluse, Schwellenländeranalyst der Schweizer UBS. Das lässt sich auch an Aktienindizes ablesen: Auf Drei-Jahres-Sicht konnte der MSCI Emerging Markets um 11,7 Prozent zulegen. Der MSCI Europe stieg um 8,2 Prozent.
Auch Anleiheinvestoren sind mit Schwellenländerpapieren derzeit gut bedient. Die Bilanzen vieler Staaten sind solide, ihre Verschuldung niedriger als die der Industriestaaten. Akute Zahlungsausfälle sind kaum zu befürchten. Auch die Unternehmen sind überwiegend gut aufgestellt. Trotzdem bekommen Anleger für Anleihen aus den Emerging Markets höhere Zinsen als für Anleihen aus entwickelten Märkten. Das macht die Papiere jetzt besonders attraktiv.
Die Argumentation der Vermögensverwalter greift trotzdem zu kurz. So hinkt der Index MSCI Frontier Markets mit einem jährlichen Plus von 3,2 Prozent dem Vergleichsindex aus Europa deutlich hinterher. Mehrere Faktoren überschatten die Anlagechancen, die sich aus dem Wirtschaftswachstum der Schwellenländer ergeben können. Der erste ist das vergleichsweise geringe Handelsvolumen in Emerging und Frontier-Markets. "Die Liquidität in diesen Märkten ist nicht besonders hoch", sagt UBS-Analyst Cluse. Die Kurse schwanken deshalb stark, und Investoren müssen mit hohen Kursabschlägen rechnen, wenn sie größere Positionen verkaufen. Das dürfte sich kaum über Nacht ändern. Zweitens hat der Hype um Schwellenländer für Investoren schon oft böse geendet. 2006 und 2007 etwa waren Schwellenländeranleihen mit vergleichsweise geringer Bonität ebenfalls sehr begehrt. "Als die Nachfrage nachließ, wurden die Anleger allerdings besonders hart abgestraft", sagt Cluse. Diese Risiken kann auch ein starkes Wirtschaftswachstum nicht wegfegen.
Wer die bessere Wirtschaftsleistung der Schwellenländer gegenüber vielen EU-Ländern ins Feld führt, geht ohnehin von einer ganz bestimmten Prämisse aus: dass die Euro-Krise kein lösbares Problem ist, sondern eine Zäsur, die das Wachstum in Europa nachhaltig behindert. In diesem Fall würden viele Schwellenländer wohl tatsächlich sofort und dauerhaft besser dastehen, mit einem geringeren Risiko als die entwickelten EU-Märkte. Das ist nach Ansicht von Experten aber ein unwahrscheinliches Szenario. "Auf kurze Sicht sind die Risiken in der Euro-Peripherie sehr hoch", sagt Cluse. "Das dürfte sich aber wieder ändern, wenn es eine Lösung für die Krise gibt."