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Merken   Drucken   17.11.2012, 15:33 Schriftgröße: AAA

Kunstwährung: Das Bitcoin-Virus

Kommentar Terroristen unterstützen oder Drogen kaufen oder das Zeug vielleicht doch nur horten? Mit den privat herausgegebenen Bitcoins hat der Traum von der zentralbankfreien Währung neuen Auftrieb bekommen. Ein Essay
In der auf 2718 Metern Höhe gelegenen Rojacherhütte kann mit ...   In der auf 2718 Metern Höhe gelegenen Rojacherhütte kann mit Bitcoins bezahlt werden

Als kürzlich Bundesbankpräsident Jens Weidmann von der mikronesischen Inselgruppe Yap erzählte, wuchs mein Vermögen etwa um den Gegenwert einer Papaya. Das war wahrscheinlich Zufall. Trotzdem haben diese beiden Ereignisse für mich sehr viel miteinander zu tun, auch wenn der Nachweis der Korreliertheit sehr schwerfallen wird. Was war geschehen? In seinem Eröffnungsvortrag auf dem Bargeldsymposium der Bundesbank erinnerte Weidmann daran, dass selbst heute noch Bargeld ganz unterschiedlich geschöpft wird - auf den Yap-Inseln würde zum Beispiel Steingeld verwendet, in Gegenden Papua-Neuguineas Muscheln. "Es gibt dort sogar eine Muschelbank, die das Muschelgeld in harte Landeswährung wechselt", erklärte der Bundesbankchef. Gerade diese exotischen Beispiele machten deutlich, dass Geld letztlich eine gesellschaftliche Konvention darstelle. Ach so.

So weit, so unspektakulär. Wenn es da nicht einen Umstand gäbe, der der folkloristischen Einlassung des Bundesbankchefs für mich mehr Gewicht verleiht: Seit einiger Zeit trage ich auch so etwas wie Muschel- oder Steingeld mit mir herum - auf meinem Handy. Keine Euro , sondern sogenannte Bitcoins, elektronische Münzen, die irgendwann in den vergangenen drei Jahren auf irgendwelchen Computern irgendwo auf der Welt entstanden sind. Privat und dezentral geschöpft, ohne Zutun von irgendwelchen Notenbankern. Und nun liegt das Zeug als Datei gespeichert in meinem elektronischen Portemonnaie mit der griffigen Adresse 1BkwELDBrytAfaVMEBs96fUMx6kqsvGWL6. Nur falls sich das irgendjemand aufschreiben möchte.

Im Moment reichen meine Bitcoins aus, um einmal gepflegt essen zu gehen. Das FBI, das Bundeskriminalamt, der Bundesverband Digitale Wirtschaft, die BaFin, selbst die lieben Kollegen, alle vermuten, ich würde damit wohl eher Drogen kaufen, Terroristen unterstützen, Waffen erwerben, Kinderpornos bezahlen, Schwarzgeld waschen oder Steuern hinterziehen wollen. Das kann man natürlich nicht ausschließen, aber für den Anfang würden es auch ein Bier und ein Cheeseburger tun.

Das Ganze klingt wie eine neue Folge aus dem bisher nur Verschwörungstheoretikern vertrauten Epos "Krieg der Währungen", diesmal die Doppelepisode "Eine neue Hoffnung" und "Das Imperium schlägt zurück". Drehbuch: Friedrich August von Hayek ("Entnationalisierung des Geldes") und andere. In diesem Krieg hält sich mein Bedrohungspotenzial für die herrschende Geldordnung mit 4,965 elektronischen Einheiten einer völlig politikfreien Kunstwährung sehr in Grenzen. Doch das Zeug, das da in meinem Handy ruht, könnte eine längere Lebensdauer haben als der Euro. Denn es hat Eigenschaften, die es - fast - unkaputtbar machen. Es ist eher ein Virus als eine Währung, und das ist jetzt freigesetzt. Ich bin infiziert, ein bisschen jedenfalls.

Für die Apokalypse trainieren

Was bisher geschah: Seit Jahren schon kämpft eine kleine, wechselnde, aber wachsende Schar von Rebellen gegen die Allmacht des staatlichen Geldmonopols. Bisher mit, sagen wir es vorsichtig, mäßigem Erfolg. Die privaten Konkurrenzwährungen, heißen sie nun Chiemgauer oder Liberty Dollar, erschöpfen sich entweder als regionale Beschäftigungstherapien oder werden gleich komplett per Gerichtsbeschluss aus dem Weg geräumt. Gleichzeitig haben die Fürsprecher der privaten Geldkonkurrenz, Euro-Rebell Frank Schäffler (FDP) zum Beispiel oder US-Tea-Party-Ikone Ron Paul, in der öffentlichen Wahrnehmung eher Freakstatus. Wie überhaupt das ganze Thema alternativer Währungen gelegentlich im Verdacht steht, vor allem von Menschen beackert zu werden, die auch Lebensmittelkonserven bunkern und für die Apokalypse trainieren. Trotzdem: Als reine Spinnerei lassen sich die Privatwährungsambitionen nicht mehr abtun.

Was das Ganze langsam zu einem Gegenstand ernsthafter geldpolitischer Überlegungen macht: Ich bin nicht der Einzige, der mit solchem von keiner Zentralbank der Welt kontrollierten Geld herumspielt. Manche nehmen diese Bitcoins (und andere Privatwährungen) so gar richtig ernst, so ernst, dass sie ganze Geschäftsmodelle darauf aufbauen - von der Point-of-Sale-Infrastruktur bis zur eigenen Bitcoin-Kreditkarte.

Denn mit Bitcoins haben die Währungsrebellen seit 2009 eine Waffe, die weitaus gefährlicher ist als alles, was bisher als Geldalternativen zirkulierte: Es gibt keinen zentralen Emittenten dieser Währung, niemanden der "verantwortlich" ist - und den man staatlicherseits in die Pflicht nehmen (oder festsetzen) könnte. Nur einen offenen Computerquellcode, programmiert von einem Unbekannten, gepflegt von ein paar Freiwilligen. Die Bitcoins selbst aber fließen in einem Netzwerk von Tausenden von Rechnern. Wer seine Computerinfrastruktur zur Verfügung stellt, bekommt gelegentlich ein paar der elektronischen Münzen automatisch durch das Netzwerk zugeteilt. Wer das nicht will, erwirbt Bitcoins wie jede andere Fremdwährung: durch Umtausch, auf Handelsplattformen oder durch Verkauf von Produkten und Dienstleistungen. Die elektronischen Münzen sind nach heutigem Stand fälschungssicher, anonym, und jeder Nutzer weiß, dass ihre Zahl schließlich maximal bis knapp unter 21 Millionen Stück (bis zum Jahr 2140) anwachsen wird. Zahlungen - auch über Kontinente hinweg - kosten nichts und sind fast so einfach und schnell wie Copy-and-paste. Selbst die häufigen Meldungen über Bitcoin-Diebstähle und -Marktmanipulationen und die Warnungen, dass Bitcoins vor allem für illegale Transaktionen verwendet würden, haben der Währung nicht dauerhaft geschadet. Denn - was Kritiker meist übersehen - Diebstahl, Betrug und illegale Geschäfte sind kein Alleinstellungsmerkmal von privat emittierten Währungen. Sicher ist aber auch: Bitcoins (oder jede andere Privatwährung) werden immer nur so legal sein können, wie es die Rechtsordnung zulässt.

Mehr Wettschein als Hedge

Die Europäische Zentralbank (EZB) findet das Ganze trotzdem so interessant, dass sie diesem Phänomen jetzt eine Studie gewidmet hat ("Virtual Currency Schemes", Oktober 2012). Bedroht fühlen sich die Währungshüter zwar noch nicht, doch die Risiken müsse man wohl jetzt regelmäßiger unter die Lupe nehmen. Das Wachstum der Kunstwährungen werde sich aus verschiedenen Gründen fortsetzen - mehr Internetnutzung, mehr E-Commerce, mehr Bedarf an anonymen Bezahlmöglichkeiten, Wunsch nach niedrigeren Transaktionskosten und schnellerer Begleichung von Verbindlichkeiten.

Einen Grund, der auch nicht unwesentlich zum fortgesetzten Interesse an den Zentralbankgeld-Alternativen beiträgt, unterschlagen die EZB-Forscher aber: Manch einem wird inzwischen schwindelig bei der großen Gelddrucksause, die die Notenbanken zur Rettung der Welt veranstalten. Da war doch noch was mit der Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes, zumindest theoretisch, sagen sich die Skeptiker - und suchen Alternativen zum Fiatgeld der Notenbanken.

Gold  ist dabei - weil nicht beliebig vermehrbar - eine Standardantwort, aber eine, die nicht so richtig in eine Zeit passt, in der man mit wenigen Computerklicks auf der ganzen Welt Produkte kaufen kann. Denn wie sendet man ohne zentrale Vermittlungs-, Clearing- oder Hinterlegungsstelle und mit möglichst niedrigen Transaktionskosten, sagen wir mal, 0,083 Gramm Gold für einen E-Book-Download an einen Verkäufer in den USA? Mit der Peer-to-Peer-Währung Bitcoin ist das alles kein Problem mehr.

Doch woher, bitte schön, bekommt das private Nichts auf meinem Handy seinen Wert? So fragt nur, wer allein auf Zentralbankmagie oder - alternativ - das angeblich ewig gültige Gold vertrauen mag. In Wirklichkeit gilt und galt schon immer: "Money is what money does." Und je mehr Menschen mit dem Nichts auf meinem Handy etwas anfangen können, umso mehr ähnelt es Geld.

Das mit der Einsetzbarkeit als Zahlungsmittel ist denn auch die größte Hürde für die Bitcoins. Anders als für die eher illegalen Aktivitäten ist es noch etwas schwierig, Anwendungsmöglichkeiten für die Privatwährung zu finden. Die Zahl der Restaurants zum Beispiel, in denen mit Bitcoins bezahlt werden kann, ist in Deutschland noch relativ übersichtlich: eins. Und wer gar eine Übernachtung mit Bitcoins bezahlen will, muss nach Kleve-Keeken fahren oder zur Rojacherhütte am Hohen Sonnblick in Österreich aufsteigen, der wahrscheinlich höchstgelegenen Akzeptanzstelle für Bitcoins.

Während es in der Echtwelt aber noch an Akzeptanzstellen mangelt, kann ich immerhin im Internet für das Kunstgeld inzwischen bei einigen ausgesuchten Händlern Wein, Käse, Schwarztee, Babywäsche oder handgemachte Naturseife bekommen. Doch ich horte lieber meine wenigen Bitcoins - mehr als Wettschein auf ein Experiment mit ungewissem Ausgang denn als Hedge gegen den monetären Weltuntergang. Das Zeug auf meinem Handy wird wahrscheinlich schlicht noch wertvoller, wenn noch mehr Notenbanker von mikronesischem Steingeld erzählen.

03:38:42 Kursinformationen und Charts
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  • Aus der FTD vom 18.11.2012
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Kommentare
  • 12.12.2012 20:43:24 Uhr   Kritiker: Tea Party

    Tea-Party-Ikone Ron Paul" ??!? Herrje!!
    Ansonsten macht der Artikel wirklich den Eindruck, dass sich der Author ernsthaft mit der Thematik beschäftigt hat. Aber bitte!! Aber bitte! Schreib doch gleich "FPÖ-Ikone Frank Stronach!"
    Wenn man so was liest zweifelt man dann doch irgendwie!

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