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Merken   Drucken   23.02.2012, 13:57 Schriftgröße: AAA

Privatsektorbeteiligung: G20-Vorsitz geißelt Griechen-Haircut

Nach langem Ringen haben die Euro-Staatschefs beschlossen, dass private Investoren am Schuldenschnitt Griechenlands beteiligt werden sollen. Im FTD-Gespräch hält Mexikos Notenbankchef das für einen schweren Fehler.
© Bild: 2011 Bloomberg
Nach langem Ringen haben die Euro-Staatschefs beschlossen, dass private Investoren am Schuldenschnitt Griechenlands beteiligt werden sollen. Im FTD-Gespräch hält Mexikos Notenbankchef das für einen schweren Fehler. von Wolfgang Proissl  Mexiko-Stadt
Der mexikanische Notenbankchef Agustín Carstens hat den Beschluss der Euro-Staaten von 2011 kritisiert, privaten Investoren im Kampf gegen die Schuldenkrise Verluste aufzuzwingen. "Die Privatsektorbeteiligung war ein schwerer Fehler", sagte der Geldpolitiker, dessen Land 2012 die Präsidentschaft der 20 größten Industrie- und Schwellenländer (G20) innehat, im Gespräch mit der FTD. "Die Ankündigung der Privatsektorbeteiligung hat zu Ansteckungseffekten in anderen europäischen Ländern geführt." Ab Freitag treffen sich die G20-Finanzminister und -Notenbankchefs zu Beratungen in Mexiko Stadt.
Mexikos Notenbankchef Agustín Carstens   Mexikos Notenbankchef Agustín Carstens
Carstens' Kritik zielt indirekt auf Deutschland, da die Euro-Zone die Entscheidung maßgeblich auf Druck der Bundesregierung fällte. Bei einem Treffen in Deauville im Herbst 2010 hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy davon überzeugt, dass auch Privatanleger Verluste bei Staatsanleihen aus Krisenstaaten wie Griechenland tragen müssten. Im Juli 2011 konnten Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) trotz Widerstands der Europäischen Zentralbank (EZB) durchsetzen, dass sich die Euro-Zone diese Politik in der Krise zu eigen macht. Die Bundesregierung brauchte den Beschluss, um innenpolitischen Widerstand gegen die deutsche Beteiligung an milliardenschweren Rettungspaketen zu brechen.
Als direkte Folge der Entscheidung gelten Euro-Staatsanleihen in den Augen der Märkte heute nicht mehr als sichere Anlageklasse. Im August 2011 griffen die Marktzweifel, die sich bis dahin auf Griechenland, Irland und Portugal konzentriert hatten, auf die dritt- und viertgrößten Euro-Volkswirtschaften Italien und Spanien über. Notenbanker und viele Ökonomen sind sich einig, dass der Beschluss bisher der schwerste Fehler im Umgang mit der Euro-Krise war.
"Europa hat inzwischen verstanden, dass diese Politik nicht funktioniert", sagte Carstens. "Deshalb legt Europa heute größten Wert darauf, jedem zu versichern, dass Griechenland ein einmaliger Fall bleibt." Tatsächlich wird im Beschluss zur Beteiligung der Privatgläubiger an der Umschuldung Griechenlands von Montagnacht betont, das Ereignis sei einmalig. Umschuldungsklauseln, die es im Fall Griechenlands rückwirkend geben soll, sollen nach dem Willen der Euro-Zone Bestandteil von Staatsanleihen werden können, aber nur für künftige Fälle. "Ich glaube nicht, dass die Europäer die Privatsektorbeteiligung in anderen Ländern wiederholen wollen", sagte Carstens.
Abgesehen vom Dringen auf die Beteiligung des Privatsektors bewertet Carstens die Rolle Deutschlands in der Euro-Krise jedoch sehr positiv. "Es ist schwer, dauernd das Land zu sein, das andere Länder der Euro-Zone zu Disziplin und Konsolidierung aufruft", sagte Carstens. "Alles in allem verhält sich Deutschland in seiner Rolle als Anker der Euro-Zone sehr konstruktiv."
Der erfahrene Geld- und Wirtschaftspolitiker, der während der Finanzkrise in Mexiko in den 90er-Jahren Erfahrungen mit Krisenmanagement gesammelt hat, reagierte zurückhaltend auf das zweite Griechenland-Paket. "Ich will zunächst alle Zweifel hinten anstellen und die Einigung begrüßen", sagte Carstens. "Das Programm lässt keine Spielräume, deshalb muss die Umsetzung sehr streng sein." Der Gouverneur der Banco de México sagte, nur mit entschlossener Umsetzung könne Griechenland verlorenes Vertrauen der Märkte zurückgewinnen. Die Finanzkrise in Mexiko habe gezeigt, dass Besserung schnell einkehre, wenn wieder Vertrauen herrsche.
Der G20-Vorsitzende lobte die EZB-Entscheidung, den Euro-Banken unbegrenzt Liquidität zum Billigzins zur Verfügung zu stellen. Diese Geschäfte hätten den Euro-Staaten ein befristetes Zeitfenster geöffnet, um ihre Staatshaushalte zu konsolidieren und Finanzsysteme zu stärken. "Die Euro-Zone steht an einer Weggabelung", sagte Carstens. "Werden die richtigen Entscheidungen getroffen, kann man in eine Positivspirale kommen, werden Fehler gemacht, kann das in einem Teufelskreis enden."
Die G20-Beratungen haben die hohen Devisenreserven zum Thema, die Schwellenländer wie China und in geringerem Umfang auch Mexiko angehäuft haben. Carstens sperrt sich dagegen, hohe Devisenreserven pauschal zu verurteilen. Mexiko habe die Reserven aus Ölgewinnen angehäuft, um Finanzstabilität, Marktzugang und das Vertrauen in die nationale Währung zu bewahren. Hintergrund ist, dass Mexiko wegen Marktzweifeln auf eine flexible Kreditlinie des IWF zurückzugreifen musste.
"Wir wollen nicht die Entwicklung des Wechselkurses beeinflussen. Im laufenden Jahr hat der Peso dramatisch aufgewertet, wahrscheinlich mehr als alle Schwellenländerwährungen", so Carstens. "Es gibt aber Länder, die es zum Schlüsselelement ihres Entwicklungsprozesses gemacht haben, für eine Unterbewertung der eigenen Währung zu sorgen. Das hat mehr negative Auswirkungen auf den Rest der Welt." Besonders China wird von anderen G20-Ländern beschuldigt, eine solche Politik zu verfolgen.

Kieler Sprotte
Sehr flüssig Der Nachname von Mexikos Notenbankchef Agustín Carstens klingt nicht nur deutsch, er ist es auch. "Mein Urgroßvater kam aus Kiel", sagt der Ökonom, der schon Finanzminister und Vizechef des IWF war. "Ich habe noch Familie in Kiel und war schon dort." Ausgebildet wurde Carstens an der deutschen Schule in Mexiko-Stadt. "Ich verstehe Deutsch sehr gut, aber ich spreche es nicht flüssig", sagt Carstens - in sehr flüssigem Deutsch.
  • FTD.de, 23.02.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
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