Mexikos Notenbankchef AgustÃn Carstens
Carstens' Kritik zielt indirekt auf Deutschland, da die Euro-Zone die Entscheidung maßgeblich auf Druck der Bundesregierung fällte. Bei einem Treffen in Deauville im Herbst 2010 hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy davon überzeugt, dass auch Privatanleger Verluste bei Staatsanleihen aus Krisenstaaten wie Griechenland tragen müssten. Im Juli 2011 konnten Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) trotz Widerstands der Europäischen Zentralbank (EZB) durchsetzen, dass sich die Euro-Zone diese Politik in der Krise zu eigen macht. Die Bundesregierung brauchte den Beschluss, um innenpolitischen Widerstand gegen die deutsche Beteiligung an milliardenschweren Rettungspaketen zu brechen.
Als direkte Folge der Entscheidung gelten Euro-Staatsanleihen in den Augen der Märkte heute nicht mehr als sichere Anlageklasse. Im August 2011 griffen die Marktzweifel, die sich bis dahin auf Griechenland, Irland und Portugal konzentriert hatten, auf die dritt- und viertgrößten Euro-Volkswirtschaften Italien und Spanien über. Notenbanker und viele Ökonomen sind sich einig, dass der Beschluss bisher der schwerste Fehler im Umgang mit der Euro-Krise war.
"Europa hat inzwischen verstanden, dass diese Politik nicht funktioniert", sagte Carstens. "Deshalb legt Europa heute größten Wert darauf, jedem zu versichern, dass Griechenland ein einmaliger Fall bleibt." Tatsächlich wird im Beschluss zur Beteiligung der Privatgläubiger an der Umschuldung Griechenlands von Montagnacht betont, das Ereignis sei einmalig. Umschuldungsklauseln, die es im Fall Griechenlands rückwirkend geben soll, sollen nach dem Willen der Euro-Zone Bestandteil von Staatsanleihen werden können, aber nur für künftige Fälle. "Ich glaube nicht, dass die Europäer die Privatsektorbeteiligung in anderen Ländern wiederholen wollen", sagte Carstens.
Abgesehen vom Dringen auf die Beteiligung des Privatsektors bewertet Carstens die Rolle Deutschlands in der Euro-Krise jedoch sehr positiv. "Es ist schwer, dauernd das Land zu sein, das andere Länder der Euro-Zone zu Disziplin und Konsolidierung aufruft", sagte Carstens. "Alles in allem verhält sich Deutschland in seiner Rolle als Anker der Euro-Zone sehr konstruktiv."
Der erfahrene Geld- und Wirtschaftspolitiker, der während der Finanzkrise in Mexiko in den 90er-Jahren Erfahrungen mit Krisenmanagement gesammelt hat, reagierte zurückhaltend auf das zweite Griechenland-Paket. "Ich will zunächst alle Zweifel hinten anstellen und die Einigung begrüßen", sagte Carstens. "Das Programm lässt keine Spielräume, deshalb muss die Umsetzung sehr streng sein." Der Gouverneur der Banco de México sagte, nur mit entschlossener Umsetzung könne Griechenland verlorenes Vertrauen der Märkte zurückgewinnen. Die Finanzkrise in Mexiko habe gezeigt, dass Besserung schnell einkehre, wenn wieder Vertrauen herrsche.