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Merken   Drucken   12.08.2011, 13:24 Schriftgröße: AAA

Angst vor Spekulanten: Die Welt braucht mehr Leerverkäufer

Kommentar Bei Aktien jubeln alle über steigende Preise. Dabei ist das auch nur Inflation. Bei platzenden Blasen sogar eine sehr gefährliche. Über die verquere Logik von Leerverkaufsverboten. von Joachim Dreykluft 
Händler an der Euronext in Paris   Händler an der Euronext in Paris
Die Welt könnte so einfach sein: Steigende Preise sind gute Preise, fallende Preise sind schlechte Preise. Von diesem simplen Bild scheinen die Marktaufseher in Frankreich, Italien, Spanien, Belgien und Griechenland auszugehen. Denn damit begründen sie implizit ihre Leerverkaufsverbote für bestimmte Aktien, zumeist Papiere von Banken und Versicherern.
Seltsam nur, dass den großen Krisen an den Finanzmärkten, die auch die Wirtschaft jeweils hart getroffen haben, nicht massiv fallende Kurse vorausgegangen waren, sondern massiv steigende. Wenn sie geplatzt sind, wird über "Blasen" gerne lamentiert.
Wenn es aber zur Beruhigung eines vermeintlichen Volkszorns opportun erscheint, sind es fallende Kurse und die bösen Spekulanten, die durch diese sagenumwobenen Leerverkäufe den Weltuntergang herbeiführen. Dazu kommt manchmal noch das sehr emotionale Argument, hier ginge es um eine Art Leichenfledderei, wohingegen massive steigende Kurse, also Blasen, von Euphorie begleitet sind, also einem positiven Gefühl. Der Aktienmarkt ist einer der wenigen Märkte überhaupt, bei dem Hyperinflation positiv betrachtet wird: "Die Stimmung auf dem Parkett ist gut", heißt es dann, wenn alles teurer wird.
Auch Äpfel lassen sich leer verkaufen   Auch Äpfel lassen sich leer verkaufen
Ein kleiner Ausflug auf den Wochenmarkt: Wenn die Preise für Äpfel fallen, weil es ein Ungleichgewicht im Verhältnis von Angebot und Nachfrage gibt, schreien die Apfelbauern natürlich auf, da ihre Einnahmen zurückgehen. Die Existenz des gesamten Marktes könnte sogar auf dem Spiel stehen, könnte man argumentieren, weil er die Apfelhändler braucht, die schließlich von ihren Erlösen leben müssen. Aber was würde wohl der Apfelkäufer sagen, wenn die Wochenmarktaufsicht es verbietet, um niedrigere Preise zu feilschen und nur das Feilschen um höhere Preise gestattet?
Das Bild des Wochenmarkts ist nur minimal schief. Denn dort gibt es zwar in der Regel niemanden, der Äpfel verkauft, die er gar nicht hat. Zumindest meistens. Möglich wäre es schon, dass ein Händler seinem Kunden einen Preis anbietet, ihn dann bittet, in einer halben Stunde wiederzukommen, um inzwischen die Äpfel noch günstiger beim Standnachbarn einzukaufen und die Differenz einzustreichen. Zugunsten des Kunden übrigens. Nicht nur bei Äpfeln, auch etwa beim Öl finden wir solche Preisentwicklungen positiv.
Leerverkäufer sind ...?

 

Leerverkäufer sind ...?

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Anders dagegen bei (Bank-)Aktien. Hier heißt es: Der böse Spekulant! Der üble Leerverkäufer! Aber warum? Denn der Händler geht hier in Gewinnerzielungsabsicht das Risiko ein, dass der Preis auch wieder steigen könnte.
Am Markt für viele europäische Bankaktien ist der Handel nun staatlicherweise eingeschränkt und soll in nur eine Richtung gelenkt werden. "Destruktive Spekulation" nennt am Freitag ein Sprecher nicht des französischen, sondern des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble die Leerverkäufe.
Als die Kurse der Banken 2009 durch die Decke gingen, als die Kurse von Technologieunternehmen am Neuen Markt scheinbar unaufhaltsam stiegen, schrie kein Politiker auf. Dabei sind die immer häufigeren Kursblasen das wahre Problem. Leerverkäufer dagegen sind mutige Menschen, die solche Blasen erkennen und mit enormem Verlustrisiko dagegen anspekulieren.
Unterdessen tut sich die nächste Kursblase auf. Am Markt für US-Staatsanleihen gehen die Preise gerade so an die Decke, dass die Renditen selbst für 30-jährige Laufzeiten auf Inflationsniveau gesunken sind. Platzt diese Blase, hat die Weltwirtschaft durch sehr schnell steigende Zinsen, die von Notenbanken nicht mehr zu beeinflussen sind, ein riesiges Problem. Diesem Markt täte eine größere Zahl mutiger Leerverkäufer sehr gut. Hoffentlich lassen die Staaten sie in Ruhe.
  • FTD.de, 12.08.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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