Im Skandal um den Londoner Libor-Zins hat der Vizechef der britischen Notenbank, Paul Tucker, kategorisch abgestritten, bereits seit Längerem von den Manipulationen des Vergleichszinses gewusst zu haben. "Uns waren keine Vorwürfe wegen unsauberen Verhaltens bekannt", sagte Tucker am Montag vor dem Finanzausschuss des britischen Parlaments.
Auch als die Bank Barclays ihn am Höhepunkt der Kreditkrise im Oktober 2008 darauf hingewiesen habe, dass andere Geldhäuser niedrigere Libor-Werte nennen, habe das bei ihm "keine Alarmglocken ausgelöst". Inhalt des umstrittenen Gesprächs mit Barclays sei vielmehr gewesen sicherzustellen, dass sich das Institut nicht selbst in eine Situation manövriert, in der es sich nicht mehr refinanzieren kann.
Damit bleibt weiter offen, wie viel die Bank wirklich über die Machenschaften diverser Banken wusste. Rund 20 Institute stehen unter Verdacht, bei der Nennung ihrer Refinanzierungszinsen - aus ihnen wird der Libor berechnet - im eigenen Interesse geschummelt zu haben. Neben der EU-Kommission und nationalen Regulierern in Europa ermitteln auch Aufsichtsbehörden in den USA und Japan in dem Fall. Barclays hat als erste Bank die illegalen Manipulationen zugegeben und eine Rekordstrafe von 450 Mio. Dollar akzeptiert. Im Zuge dessen waren Vorwürfe aufgekommen, die britische Notenbank habe bereits früh von der Praxis gewusst.
Vor dem Finanzausschuss hatte auch der inzwischen zurückgetretene frühere Chef von Barclays, Bob Diamond, vergangene Woche ausgesagt. Diamond veröffentlichte damals eine Notiz zu einem Gespräch zwischen ihm und Tucker vom Oktober 2008. Daraus entstand der Eindruck, Tucker habe auf Anweisung damaliger Regierungsvertreter Barclays de facto die Erlaubnis erteilt, die Libor-Nennungen künstlich niedriger ausfallen zu lassen, um an den Märkten nicht für noch mehr Nervosität zu sorgen. Dies wäre ein eklatantes Versagen der Notenbank gewesen, die ab 2013 auch die Oberaufsicht über die britischen Banken übernehmen soll. Tucker widersprach am Montag und sagte, ihn hätten keine höheren Regierungsstellen aufgefordert, Barclays zu solchen Falschnennungen zu bringen.
Der täglich ermittelte Vergleichszins Libor wird unter anderem genutzt, um die Konditionen für komplexe Finanzprodukte oder auch Großkredite festzulegen. Der im Zentrum des Skandals stehende Dollar-Libor ist gleichzeitig die Messlatte etwa für Kreditkartenzinsen in den USA oder auch Hypothekenfinanzierungen für Kleinkunden. Der Libor dient als Referenz für Kredite und Wertpapiere im Nominalwert von 360.000 Mrd. Dollar. Wegen des Skandals drohen den betroffenen Banken Massenklagen von Kunden, die zu Entschädigungszahlungen in Milliardenhöhe führen könnten.
Für den 54-jährigen Tucker ist der Skandal vermutlich karriereentscheidend. Der Vize von Notenbankchef Mervyn King arbeitet seit 30 Jahren bei der Bank of England und gilt als mächtige Nummer zwei in der Hierarchie. King räumt im kommenden Sommer turnusgemäß seinen Posten für einen Nachfolger. Bisher galt Tucker als aussichtsreichster interner Kandidat der Notenbank. Seine Berufung dürfte jedoch stark gefährdet sein, sollte sich der Verdacht seiner Mitwisserschaft bei den Libor-Manipulationen erhärten. Die Bank dürfte dann laut Kennern der Institution auf einen externen Kandidaten zurückgreifen.