FTD-Serie: Wissen, was die Märkte bewegt

Inflation oder Deflation, Rezession oder Depression? Setzen staatliche Hilfspakete an der richtigen Stelle an, wie wirken sie sich auf Devisen und Börsen aus? Sollte man auf Gold, Renten oder Aktien setzen? Welche Sektoren und Firmen sind vielversprechend, welche Fusionen überflüssig? "Das Kapital", die führende Kolumne für Finanzmarktthemen, gibt pointierte Antworten.

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  08.02.2010, 20:45    

Das Kapital: Immer dollar

Die Anleger flüchten aus dem Euro in den Dollar, weil Griechenland überschuldet ist, über seine Verhältnisse lebt, seine Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt hat und seine Statistiken fälscht. Doch könnte man dasselbe nicht auch als exakte Beschreibung der USA anführen?
Amerika werde seine Bonitätsbestnote nie verlieren, meint US-Finanzminister Timothy Geithner. Das glauben wir ihm aufs Wort, denn bei einer Herabstufung könnten sich die Jungs und Mädels von den Ratingagenturen vermutlich auf Lynchjustiz gefasst machen. Doch nicht nur deswegen mutet die Flucht der Anleger in den sicheren Hafen des Dollar putzig an. Zumal dann, wenn als Grund der Schlamassel in Griechenland genannt wird, das nicht mal für drei Prozent des BIPs im Euro-Raum steht. Griechenland ist überschuldet, lebt über seine Verhältnisse, hat seine Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt und fälscht seine Statistiken, heißt es. Dasselbe könnte man als exakte Beschreibung der USA anführen, mit dem Unterschied, dass in Amerika anders als in Griechenland auch der Privatsektor übel in der Kreide steht. Dass nicht nur Washington das Wasser bis zum Hals steht, sondern auch einigen Bundesstaaten wie Kalifornien, sei nur als Randnotiz erwähnt.
Weltreservewährungsemittent   Weltreservewährungsemittent
Wenn ein Land sich nicht mehr anders zu helfen weiß, als seine Zentralbank staatliche und private "Wert"papiere von fast 2000 Mrd. $ aufkaufen zu lassen, dann ist im Grunde alles über seine Finanzlage gesagt. Aber es ist noch schlimmer, als man denkt: Trotz eines Etatdefizits von einem guten Zehntel des BIPs liegt die reale inländische Endnachfrage in Amerika um 11,4 Prozent unter ihrem exponentiellen Trend seit Beginn der vierteljährlichen BIP-Erfassung 1947. Und trotz der schwachen Nachfrage beläuft sich die gesamtwirtschaftliche Nettoersparnis auf minus 2,5 Prozent des Bruttonationaleinkommens (Durchschnitt: 7,2 Prozent). Aus eigener Kraft könnte Amerika mithin nicht mal mehr seinen Kapitalstock erhalten. Dabei hätte es allen Grund, in seine Wettbewerbsfähigkeit zu investieren, wobei der Faktor Arbeit wohl noch wichtiger wäre als der Faktor Kapital. Denn wenn ein Land in dieser Lage immer noch ein Außenhandelsdefizit von drei Prozent des BIPs aufweist, stockt einem der Atem.
Aber Amerika hat doch großartige Technologiefirmen hervorgebracht, nicht wahr? Zweifellos. Nur produzieren die lieber in Asien als in Amerika, denn selbst bei den sogenannten "Advanced Technology Products" hat das Land zwischen Januar und November 2009 ein Handelsdefizit von 51 Mrd. $ verzeichnet. Natürlich hat Europa seine eigenen - wirtschaftlichen wie institutionellen - Schwächen, nicht nur in der Peripherie, wo Griechenland, Italien, Spanien, Portugal und Irland für ein gutes Drittel des BIPs in der Euro-Zone stehen. Für keines dieser Länder - fraglich, ob Italien in diese Liste gehört - ist eine einfache Lösung der Probleme in Sicht, wobei der Ausstieg aus dem Euro  oder die Einstellung des Schuldendienstes wohl zu den teuersten Varianten zählten. Im Gegensatz zu Amerika hat der Euro-Raum insgesamt jedoch Reserven, abzulesen etwa daran, dass die gesamtwirtschaftliche Bruttoersparnis um rund acht Prozentpunkte des BIPs höher ist als auf der anderen Seite des Atlantiks. Freilich hat Europa keine Zentralbank, die jedes Loch freimütig stopft. Doch falls das ein Argument für den Dollar sein soll, dann nur zu. Wir sind gespannt, wann die - angeblich hochproduktiven - US-Exporteure bei Geithner anklopfen, um lauthals zu jammern.
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