Nigeria ist für Carlos von Hardenberg in mehrfacher Hinsicht ein aufregendes Land: "Ich bin dort in diesem Jahr schon zweimal mit dem Aufzug stecken geblieben - an einem Tag!" Aus Anlegersicht aufregend findet der Fondsmanager von Franklin Templeton Investments den Ölreichtum und die junge, leistungswillige Bevölkerung. Die gibt es nicht nur in Nigeria: Sogenannte Frontier Markets - auf Deutsch Grenzmärkte - wie Kasachstan, Ghana oder die Mongolei locken mit hohen Wachstumsraten, stehen aber noch am Anfang ihrer Entwicklung.
Wer in solchen Ländern nach Investmentchancen sucht, sollte ein gutes Nervenkostüm und Abenteuerlust mitbringen. Diese exotischen Märkte bieten ein großes Plus - Abkoppelung. Denn die Grenzmärkte korrelieren kaum mit den etablierten Volkswirtschaften oder den entwickelten Schwellenländern wie Brasilien, Russland, Indien und China. Wenn der Wachstumsmotor in China stottert oder die Schuldenkrise Europa in die Knie zwingt, bremst dies die dynamische Entwicklung dieser Länder kaum. Denn die Frontier Markets sind fast nicht mit anderen Volkswirtschaften verflochten - ihr Fokus liegt auf den jeweiligen Heimatmärkten.
Das zeigt sich auch an den Aktienmärkten: "Die Korrelationen der Frontier-Märkte mit den Indizes MSCI World und S&P GSCI sind in der Regel gering", erläutert Allan Conway, Leiter Schwellenländeraktien bei Schroders. Auch die Wechselbeziehungen innerhalb der Märkte seien unter den Entwicklungsländern niedrig, so der Experte. Der Diversifikationsvorteil, den die klassischen Schwellenländer noch in den 90er-Jahren boten, ist im Zuge der fortschreitenden Globalisierung geschrumpft. Indien und China leiden inzwischen kräftig unter der Flaute auf den wichtigen Absatzmärkten in Europa und den USA.
Bei den Investoren führen die Grenzmärkte weitgehend ein Schattendasein. "In Frontier Markets werden nur bis zu fünf Prozent der Aktien von internationalen Investoren gehalten", sagt von Hardenberg, der mit Mark Mobius den Templeton Frontier Markets Fund betreut. Auch dies sorge für geringere Volatilität, was Vorteile bringe. "Die Nervosität globaler Märkte kann nicht so schnell auf Frontier Markets überspringen. In Ländern der Emerging Markets gibt es dagegen 30 bis 70 Prozent ausländischer Investoren." Und die haben sich infolge der Finanzkrise aus den jungen Schwellenmärkten zurückgezogen.
Die Zurückhaltung der Anleger gegenüber den Grenzmärkten könnte bald nachlassen: Setzen sich Wirtschaftswachstum und politische Reformen fort, haben diese Länder das Zeug dazu, zu den spannendsten Schwellenländern von morgen aufzusteigen. "Grenzmärkte bieten heute ganz ähnliche Investmentthemen und Gelegenheiten wie vor zehn Jahren die Emerging Markets", meint Andrea Nardon, Fondsmanager des Sarasin Emerging Sar - New Frontiers. Auch Schwellenländerexperte Conway bescheinigt den Exotenmärkten gute Perspektiven: "Für die nächsten zwei bis drei Jahre sollte das Wirtschaftswachstum bei rund sechs bis sieben Prozent pro Jahr liegen, was in etwa dem Wachstum der weltweiten Schwellenmärkte entspricht, aber deutlich höher als das globale Wachstum der Industrieländer ist."
Möglichkeiten zu investieren gibt es reichlich. Knapp 40 Länder stufen Indexanbieter wie MSCI oder S&P als Grenzmärkte ein - vor allem Staaten aus Afrika, Südamerika, Osteuropa und dem arabischen Raum. Die Wachstumstreiber sind unterschiedlich: Eine junge, wachsende Bevölkerung und eine zunehmend kaufkräftige Mittelschicht sorgen in Kenia, Nigeria oder Ghana für Impulse. In Vietnam und Bangladesch sind die Löhne so niedrig, dass hier inzwischen sogar viele chinesische Unternehmen produzieren lassen. Und Kolumbien, Kasachstan, die Mongolei und etliche afrikanische Länder punkten mit ihrem Rohstoffreichtum.
Besonders hoch im Kurs steht Afrika bei von Hardenberg: Für die Region erwartet er im Durchschnitt über die nächsten fünf Jahre ein jährliches Wachstum von zehn bis 15 Prozent - dank großer Rohstoffvorräte, wachsender Urbanisierung und steigenden Konsums. Im Templeton Frontier Markets Fund ist daher Nigeria vor Kasachstan und Katar ein wichtiger Investmentschwerpunkt. Sarasin-Experte Nardon setzt eher auf die Golfstaaten. "In einer Periode wie der aktuellen, geprägt von Problemen in Europa, großen Haushaltsdefiziten, hohen Steuern und sehr geringem Wachstum, halte ich die Golfregion für eine perfekte Absicherungsmöglichkeit."
Mut braucht es dennoch, um in Grenzmärkte zu investieren. Korruption, soziale Spannungen und fehlende Rechtsstaatlichkeit schrecken viele Anleger ab. Gefürchtet sind insbesondere politische Risiken. "Wir sind bei all jenen Ländern skeptisch, wo wir Anzeichen für Verstaatlichung sehen. Als zum Beispiel Hugo Chavez in Venezuela an die Macht kam, sind wir abgezogen. Das Risiko war uns zu hoch", berichtet von Hardenberg. Weiteres Negativbeispiel: Argentinien, das die argentinische Tochter YPF der spanischen Firma Repsol verstaatlichte.
Auch geringe Liquidität und niedrige Marktkapitalisierungen bergen Risiken. Aus diesem Grund meidet Nardon baltische Staaten. Man müsse aber relativieren, meint von Hardenberg. Nach seinen Berechnungen kommen die gut 6500 börsennotierten Unternehmen unter Berücksichtigung der an Auslandsbörsen notierten Wertpapiere auf einen Marktwert von rund 1800 Mrd. Dollar und ein tägliches Handelsvolumen von rund 1,9 Mrd. Dollar.
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Zahlreiche Börsengänge und ein neu aufkommender Käufermarkt durch die Gründung lokaler Pensions- und Versorgungskassen, die verstärkt an den heimischen Märkten investieren, dürften die Liquiditätssituation künftig weiter verbessern, erwartet der Fondsmanager.
Und dennoch gilt: Wer in Grenzmärkte investieren will, sollte sich gut auskennen oder die Aktienauswahl einem Experten überlassen, auch weil einige Länder ausländische Beteiligungen beschränken. Ohne Präsenz vor Ort, regelmäßige Firmenbesuche und aufwendiges Research geht es nicht, meint von Hardenberg: "Für Privatanleger, die Einzelwerte kaufen wollen, ist das kaum möglich."
Ohnehin sei eine breite Streuung essenziell, um die Risiken zu reduzieren - zu unterschiedlich entwickelten sich die einzelnen Länder. Abhilfe schaffen Fonds, die sich auf Grenzmärkte konzentrieren. Beim Templeton Frontier Markets Fund zahlt es sich aus, dass von Hardenberg und Mobius erfahrene Stockpicker sind: Mit ihrem Fonds liegen sie seit Auflage 2008 auf Euro-Basis satte 64 Prozent im Plus.
Das Portfolio des Sarasin Emerging Sar - New Frontiers hingegen beruht auf einem systematischen Anlageprozess und setzt auf gezielte Länderallokation. Die einzelnen Zielmärkte gewichtet Fondsmanager Nardon gleich. Etwa 30 Prozent entfallen auf den Nahen Osten, 26 Prozent auf europäische Staaten wie Bulgarien oder Rumänien. Eine Kombination beider Ansätze versucht der Schroder ISF Frontier Markets Equity. Die eine Hälfte des Portfolios setzt das Fondsmanagement per quantitativ basierter Ländergewichtung zusammen, die andere Hälfte über eine Auswahl einzelner Titel. Märkte des Nahen Ostens sowie Nigeria dominieren.
Für kostenbewusste Anleger stehen auch Indexfonds zur Wahl, sie hinken aber bislang aktiv verwalteten Fonds hinterher. Offenbar lohnt in den sich entwickelnden Märkten die gezielte Aktienauswahl. Die Performance des DB X-Trackers S&P Select Frontier ETF überzeugte bislang mit minus 52 Prozent seit der Auflage im Krisenjahr 2008 nicht. Der RBS Market Access MSCI Frontier Markets Index ETF konnte seit Auflage im September 2011 immerhin auf Euro-Basis um rund 5,5 Prozent zulegen.
Grenzmarktfonds kommen als Beimischung für risikofreudige Anleger infrage, die ihre Depots unabhängiger vom Geschehen an den Weltbörsen machen wollen. Gelingt es, das Potenzial der exotischen Märkte langfristig zu heben, wird Pioniergeist belohnt.
Mehr Informationen: Börse Online, Heft 33/2012 und www.boerse-online.de