Dossier
Jahrelang hat Nokia den Handymarkt nach Belieben beherrscht - und dabei manchen Trend verschlafen. Blackberry und iPhone gefährden die Vormachtstellung. Verzweifelt suchen die Finnen nach Strategien für den Gegenschlag.
von Thomas WendelStuttgart
Zumindest die Corporate Arrogance ist noch da. Zur globalen Hausmesse hat Nokia dieses Jahr nach Stuttgart geladen. In den Glaspalästen des Messegeländes versammeln sich von Mittwoch an Tausende Manager, Geschäftspartner und Analysten zur "Nokia World 09". Dabei startet in Berlin zeitgleich die IFA, die größte Unterhaltungselektronikschau der Welt. Ohne Nokia. Was kümmert uns der Rest der Branche, lautet die stumme Botschaft des finnischen Handy-Weltmarktführers. Und der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom denkt offenbar ähnlich: René Obermann tritt als Gastredner bei der "Nokia World" auf.
Kein Zweifel: Wenn Nokia-Chef Olli-Pekka Kallasvuo und sein oberster Stratege Anssi Vanjoki in Stuttgart auf die Bühne treten, wird die Branche aufhorchen. Fast vier von zehn weltweit verkauften Mobiltelefonen stammen von Nokia, rund 50 Mrd. Euro setzte der finnische Riese 2008 um. Und doch werden Kallasvuo und Vanjoki am Mittwoch unangenehme Fragen beantworten müssen: wie sie den Siegeszug der Rivalen Apple und Research in Motion (RIM) beenden wollen, deren iPhones und Blackberrys populärer sind als Nokias Oberklassetelefone, die Smartphones. Oder warum ihr Konzern trotz Milliardeninvestitionen noch immer nicht Fuß fasst im Geschäft mit Internetdiensten. "Wir haben viel Arbeit vor uns", räumt Kallasvuo ein.
Kein Unternehmen weltweit, mit Ausnahme von Microsoft, beherrscht so klar eine Zukunftsindustrie wie Nokia. Aber keines ist auch derart gefährdet, die Spitzenposition zu verlieren. Der Gigant des Mobilfunks ist aus dem Tritt geraten - und sucht hektisch neuen Halt.
Die Finnen leiden unter der späten Phase der Regentschaft von Kallasvuos Vorgänger Jorma Ollila. Der hatte den Konzern Anfang der 90er-Jahre erfolgreich umgebaut: vom Gemischtwarenkonzern, der Kabel, Gummistiefel und Computermonitore herstellt, hin zum Handyproduzenten und Netzwerkausrüster. Der Siegeszug des Mobilfunks bescherte Nokia Milliardenumsatzsprünge und gigantische Gewinne; Mikroelektronik machte die Handys immer leistungsfähiger; der "Nokia Communicator" mit aufklappbarer Tastatur und integrierter Textbearbeitung wurde zur Ikone für Manager und machte manchen Laptop überflüssig.
Doch ihr Erfolg blendet die Finnen. Sie erkennen nicht die Gefahr, die ihnen aus Nordamerika droht. In der Heimat der Computerindustrie schicken sich zwei Firmen an, den Handymarkt der Zukunft zu prägen: RIM mit dem Blackberry und Apple mit dem iPhone.
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