Kopf des Tages:Julian Assange - Der Wikileaks-Überzeugungstäter
Unheimliche Begegnungen mit Geheimdiensten gehören für Julian Assange zum Job. Denn viele Länder würden den Chefredakteur von Wikileaks gern zum Schweigen bringen. von Felix Wadewitz
Wenn westliche Außenminister oder Regierungschefs jene Länder besuchen, in denen ihre Armeen Krieg führen, dann bleiben diese Stippvisiten so lange wie möglich geheim. Sicher ist sicher. Niemand will sich selbst zur Zielscheibe machen, etwa im Irak oder in Afghanistan.
Wikileaks-Chefredakteur Julian Assange
Julian Assange kennt den Trick. Nur besucht er nicht die genannten Staaten, sondern jene, die dort Krieg führen. Monatelang war der Chefredakteur der Enthüllungswebsite Wikileaks abgetaucht. Seit Mai sagte der Australier mehrere angekündigte Reisen in die USA kurzfristig ab - sicher ist sicher. Wikileaks hatte im Monat zuvor ein geheimes Video der US-Armee veröffentlicht, das zeigt, wie ein US-Kampfhubschrauber im Irak scheinbar willkürlich auf unbewaffnete Zivilisten schießt. In angloamerikanischen Geheimdienstkreisen ist Assange seitdem ein rotes Tuch.
Umso überraschender sein Auftritt vor gut einer Woche auf der Medienkonferenz Ted im britischen Oxford. "Ich bin ein kämpferischer Typ. Zu meinen Stärken gehört nicht unbedingt die Fürsorge. Man kann sich aber auch um die Opfer kümmern, indem man die Täter verfolgt", sagte der 39-Jährige dort kampfeslustig.
Nun sorgt Assange erneut für Furore. Mit seinen brisanten Dokumenten zum Afghanistankrieg bringt Wikileaks zudem die traditionellen Medien in Bedrängnis: Das Internetportal hat in Sachen Enthüllungsjournalismus längst die Nase vorn. Das hat für den Mann, der das Gesicht der Enthüllungsseite ist, seinen Preis. Er habe glaubwürdige Warnungen erhalten, dass eine Reise in die USA ungemütlich für ihn werden könne, teilte Assange mit. Dass sich hier nicht ein Wichtigtuer aufplustert, zeigt eine andere Episode aus Malaysia: Dort nahm der Geheimdienst Assange 2009 fest, nachdem er sich mit einem Oppositionsführer getroffen hatte. Selbst sein eigenes Heimatland Australien entzog Assange, der keinen festen Wohnsitz hat und ständig in Bewegung bleibt, im Frühjahr kurzzeitig den Reisepass.
Seine Hatz schlägt sich bislang nicht auf Assanges Gelassenheit nieder. Mit der Konzentration eines Zen-Mönchs referiert er über die Meinungsfreiheit und die Macht des Einzelnen.
"Manchmal kann ein einziges Video einen Krieg stoppen", sagt er. Mit der Veröffentlichung von als "geheim" eingestuften Dokumenten der US-Armee zum Afghanistankrieg gehen Assange und sein Team nun noch weiter. Assange hofft darauf, dass die Dokumente den Blick auf den Krieg verändern. Für Wikileaks ist es der Durchbruch: Assange, der wie alle Mitstreiter ehrenamtlich arbeitet, wird kaum noch Probleme haben, genug Spenden für einen weiteren Ausbau der Seite einzusammeln.
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