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Merken   Drucken   15.04.2011, 13:42 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Thomas Fricke - Chinesischer Retter statt gelbe Gefahr

Über Jahrzehnte galt Chinas Konkurrenz für Europäer wie Amerikaner als Schrecken und Reformdruckmittel. Doch nun naht eine spektakuläre Zeitenwende. Und gewinnen könnte Europa.
© Bild: 2011 AFP
Über Jahrzehnte galt Chinas Konkurrenz für Europäer wie Amerikaner als Schrecken und Reformdruckmittel. Doch nun naht eine spektakuläre Zeitenwende. Und gewinnen könnte Europa. von Thomas Fricke 
Kaum ein Phänomen hat die Wirtschaftspolitik der westlichen Welt in den vergangenen 30 Jahren so geprägt wie Chinas gefühlter und tatsächlicher Siegeszug. Asiens Billigkonkurrenz ist für den Niedergang alter europäischer Stahlhersteller verantwortlich wie für das Verschwinden etlicher Textilbetriebe. Jahrelang musste die "gelbe Gefahr" als Schreckgespenst herhalten, um Belegschaften zu Lohnverzicht zu bringen, Sozialausgaben zu kürzen und eine Agenda 2010 zu preisen. Sie reichte sogar, um ganze Bücher aufgeregter Autoren mit mehr oder weniger wirren Thesen über unseren generellen Niedergang zu füllen.
Das ist nun vorbei. Was sich seit einiger Zeit andeutet, hat nach Ausbruch der Finanzkrise eine spektakulär neue Dimension erreicht. Der China-Absatz westlicher Firmen hat sich in kurzer Zeit derart beschleunigt, dass sich die Vorzeichen, bei gleichzeitig schwindenden asiatischen Kostenvorteilen, umkehren. Plötzlich ist das riesige China ein ganz neuer Wachstumsfaktor - aber für das Ausland. Und das leitet nach 30 Jahren Angst eine ganz neue Phase der Globalisierung ein - in der die am meisten profitieren, die unter der Billigkonkurrenz am meisten litten: etwa Europas aktuelle Krisenländer.
Doppelt soviel Mittelschicht
Deutschlands Verkaufszahlen nach China steigen zwar seit Jahren, nur seit Anfang 2009 haben sie sich um noch mal rund 75 Prozent erhöht. Atemberaubend. Und das ist nicht nur ein deutsches Phänomen. Einen ähnlichen Schub erleben Frankreichs Exporteure. Nimmt man die beiden asiatischen Märkte zusammen, kaufen Chinesen und Inder weltweit mittlerweile 60 bis 70 Prozent mehr ein als die reichen Deutschen. Anfang 2009 waren es gerade 20 Prozent mehr. Auch da hat es in kaum zwei Jahren eine mittelschwere Explosion gegeben. China hat mit der Zeit nacheinander Belgier, Schweizer und Polen in der Rangliste der wichtigsten deutschen Exportmärkte überholt.
Ein Teil des China-Booms dürfte sich dadurch erklären, dass die Pekinger Regierung in der Finanzkrise auf ein enormes Konjunkturprogramm setzte, mit dem die Binnennachfrage - und damit auch der Import - gestützt wurde. Der Exportübeschuss ist stark geschrumpft. Dahinter steckt aber ein tieferer Trend, schreibt Véronique Riches-Flores, Ökonomin bei der Société Générale (SG), in ihrer eindrucksvollen Studie "The New Chinese Landscape": der Wandel Chinas von der Export- zur Konsummaschine - und zwar dank steigender Einkommen und politischer Zielsetzung. Noch vor zehn Jahren sei Chinas Automarkt kleiner gewesen als der französische. Heute sei er neunmal so groß. Vergangenes Jahr dürften die Chinesen erstmals genauso viel zum globalen Konsumanstieg beigetragen haben wie die US-Amerikaner. Dabei sind die Pro-Kopf-Ausgaben der Asiaten immer noch bescheiden, schreibt Riches-Flores.
Das alles heißt: Das ist womöglich erst der Anfang. Nach Schätzungen gehören 2008 rund 40 Prozent der Chinesen aus städtischen Gebieten in die Kategorie Mittelschicht - das sind Leute, die viel mehr Geld für langlebigere Konsumgüter und Luxus ausgeben. Und bis 2015 dürfte sich die urbane Mittelschicht nach SG-Schätzung etwa verdoppeln - von rund 200 auf 400 Millionen Menschen. Zwar dürfte der Schub bei den Einkommen auch zu höheren Sparrücklagen führen. Wie Riches-Flores berechnet, ist selbst dann aber noch eine Verdopplung des realen Konsums der Stadtbevölkerung absehbar, bei Haushaltsgeräten sogar eine Verdreifachung.

Teil 2: Chinesen trinken, was Franzosen keltern

  • Aus der FTD vom 15.04.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 30.04.2011 11:01:25 Uhr   Chinese: Widerspruch

    Es ist bedauerlich, dass noch niemand verstanden hat, dass China nur Teil der globalen Finanzarchitektur ist. Brechen Europa und die USA zusammen, mutiert China zum Riesendubai. Das dortige Wirtschaftswachstum beruht einzig und allein auf dem Zufluss von ausländischem Kapital. China wird es nicht ewig gelingen, die in anderen Ländern erzeugt Inflation "aufzukaufen".

  • 18.04.2011 09:28:11 Uhr   Philosoph: Die chinesische (gelbe) Gefahr
  • 15.04.2011 19:54:28 Uhr   Thomas Reiter: Mehr WEIN (nicht nur) für die Chinesen
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