Der Euro kriselt, der Steuerzahler murrt. Wäre es da nicht besser, das deutsche Volk endlich zu fragen, ob es den Euro überhaupt will? Jawohl, werden jetzt die Vertreter der Früher-war-alles-besser-Gemeinde sagen. Dann ist der blöde Euro endlich weg.
Mag sein. Könnte aber auch sein, dass das Fragexperiment ganz anders ausgeht, die Deutschen nach allem Abwägen gegen die Retrovariante stimmen - und die Währungsunion anschließend mit ganz neuer Legitimität ausgestattet wäre und stärker integriert werden könnte. Und gerade deshalb auch besser funktionieren würde als bisher. Dann schwände womöglich auch der Eindruck, dass die Deutschen zwar im Euro sind, aber irgendwie nicht dahinterstehen und die Konsequenzen nur in guten Zeiten tragen wollen. Dann wäre die Sache allemal einen Versuch wert.
Vielleicht rächt sich jetzt, dass Helmut Kohl in bester Nachkriegstradition davor zurückgeschreckt hat, die Deutschen zum Euro zu fragen. Je länger die Krise dauert, desto mehr scheinen im Land wieder kuriose Ideen zu kursieren - wie die, dass es für den Euro keine ökonomischen Gründe gab. Als sei das frühere Währungschaos nicht Grund genug.
Oder die, dass alles prima wäre, wenn jeder wieder seine Währung hätte, wie es Ökonomen in Mondmodellen vorgaukeln. Den Briten hat die Abwertung erschreckend wenig gebracht, die Wirtschaft ist weiter in der Rezession. Ähnliches gilt für die Ungarn, die trotz Abwertung und eigener Währung dauerkriseln.
Je länger es kriselt, desto stärker gären auch absurde Legenden. Etwa die, dass wir die Mark für die Einheit opfern mussten und der Monsieur Mitterrand dem Herrn Kohl den Euro auferpresst hat. Was nicht ganz plausibel ist: Der Drei-Stufen-Plan der Delors-Kommission - Blaupause des Maastricht-Vertrags - wurde im Juni 1989 beschlossen. Da dachten wir alle noch, die Mauer bliebe ewig. Als sie fiel, war der Euro längst auf dem Weg.
Fatal: In Deutschland setzt sich - zumindest bei den Meinungsmachern - in dieser Krise ein trotziges Die-Welt-ist-gegen-uns fest. Da kommt jedes Mal, wenn wir beim Krisenmanagen in der Minderheit sind, reflexartig Entrüstung auf. Und da schwingt schnell mit, dass der Euro-Deal doch ein anderer war: dass unsere Politiker uns zwar nicht gefragt, uns dafür aber versprochen haben, dass in dieser Währungsunion alles nach deutscher Vorstellung geht.
Auf Dauer geht das nicht. Und: In dieser Krise hat es das Zeug, Dauerblockaden mit sich zu bringen. Da wird im beleidigten Teil Deutschlands umso leichtfertiger mal davon geredet, dass dies und das mit der Mark besser war. Oder alles für ungut erklärt, was es (angeblich) bei der Bundesbank nicht gab. Dabei hätten sich auch die britischen und US-Notenbanker vor zehn Jahren nicht vorgestellt, mal vor so einer Systemkrise zu stehen und zu derart drastischen Mitteln zu greifen. Bei uns blockieren Gralshüter derart neues Eingreifen, weil es in den Bundesbank-Vorlagen zur Euro-Union nicht vorkam. Klar, da sah die Finanzglobalisierung ja auch noch nach Schönwetter aus.
Natürlich wäre es nicht gut, Politik an Blitzumfragen zu binden. Da käme eine Menge unausgegorener Quatsch raus, von Woche zu Woche auch mal was anderes. Nur geht es ja um Volksbefragung zu einer Frage, die Generationen bindet. So etwas wäre ein Großereignis, bei dem es vorher monatelang hin- und herginge, Befürworter wie Gegner in Sondersendungen Argumente darlegen, die Zeitungen mit Sonderbeilagen voll wären. So wie das in Frankreich war, als dort abgestimmt wurde - und am Ende eine knappe Mehrheit für den Euro war. Seitdem gibt es zwar auch Euro-Gegner, die poltern. Das Votum hat dem Euro aber eine viel tiefere Legitimität gegeben.
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In diesen Wahlmonaten könnten die Deutschen unter Hilfe ausgewiesener Experten beider Seiten* checken, wie wahrscheinlich es ist, dass man mit bis zu 17 Währungen besser dastünde. In so einer Kampagne könnte auch mal jemand nüchterner erklären, was der ESM im Kern soll: nicht Freischein für kriselnde Länder sein, wie es bei uns zur Standarderklärung geworden ist, sondern ein Mechanismus, den man braucht, um gegen gefährliche Finanzpaniken geschützt zu sein. So wie wir in Deutschland auch einen Einlagensicherungsfonds gegen Bankpaniken haben.
Deutschlands Euro-Partner könnten dringend etwas mehr Klarheit brauchen, was wir wollen. Und ob wir bereit sind, in einer Schicksalsgemeinschaft auch von Dogmen Abschied zu nehmen, wenn es gute Gründe dafür gibt, statt alte Zeiten zu verklären; oder auf eine Union zuzusteuern, in der Wirtschaftspolitik abgestimmt wird und es auch mal sein kann, dass wir überstimmt werden.
Ob die Deutschen bei so einem Euro-Referendum mehrheitlich Nein sagen würden, wie es Euro-Freunde fürchten, ist gar nicht klar. Im Gegenteil: Nimmt man solide Langfristumfragen, sind selbst nach zweieinhalb Jahren Kriseln und Rettungsschirmen und Griechen-Beschimpfen fast zwei Drittel der Deutschen schlicht für den Euro. Da schimpft mancher Demagoge am Volk vorbei.
Wer weiß, wie viele den Euro behalten wollen, wenn bei der Volksbefragungskampagne alle Argumente ausgetauscht sind - und die Wähler gedanklich auch mal vor die Alternative einer Rückkehr zu D-Mark, möglicher Kleinstaaterei bei globaler Konkurrenz gestellt wären. Es ist einfach, über böse Südeuropäer und den uneinsichtigen Rest der Welt zu schimpfen; oder allein Nein zu sagen wie Jens Weidmann. Es ist schon weit schwerer, die Verantwortung dafür auch übernehmen zu müssen, was als Alternative danach kommt.
Wenn bei der Volksbefragung die Mehrheit am Ende dagegenstimmt, ist es so. Dann werden wir sehen, wie gut es uns danach geht. Wir können dann ja später nochmal neu starten. Darin sind wir ja historisch geübt.
Weise wäre nur, das Ganze nicht sofort zu machen, wo an den Finanzmärkten jeder Hauch eines Zweifels zu neuer Panik führt. Da gilt, dass man entweder den Euro garantiert, wie es EZB-Chef Mario Draghi zurecht versucht - oder es ganz sein lässt. Alles dazwischen erhöht nur die Absturzgefahr. In so einem Moment ein Referendum in Deutschland anzukündigen würde die Krise sehr wahrscheinlich eskalieren lassen, bevor die Deutschen überhaupt Wahlbescheinigungen im Briefkasten haben. Und da wäre es ja schade, wenn am Ende rauskommt, dass wir den zwischenzeitlich implodierten Euro doch mehrheitlich gewollt hätten. Wählen wir lieber, wenn das Feuer aus ist. * siehe Kolumne "Euro-Kriseln mit den Söslerhofers" vom 10. August.
Thomas Fricke ist FTD-Chefökonom. Er schreibt freitags an dieser Stelle.
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