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  FTD-Serie: Was ist heute Konservativ?

Die Konservativen sind in einer Identitätskrise: Ob Wehrpflicht oder Hauptschule - vieles, was zu ihrem programmatischen Kern gehört, wurde über Bord geworfen. Wofür steht der Begriff "konservativ" heute? Die FTD will diese Debatte voranbringen - mit einer losen Folge von Gastbeiträgen.

Merken   Drucken   11.08.2011, 09:41 Schriftgröße: AAA

Was ist heute Konservativ? (04): Kein kurzschlüssiger Moralismus

Kommentar Konservative wissen, woher sie kommen. Und wohin sie gehen. Sie haben einen Kompass. Deshalb verlieren sie sich auch nicht in den Wanderdünen des Zeitgeists. von Peter Hahne
In Teufels Küche kam man einst, wenn man sich als Konservativer outete. Doch was vor Jahren noch als reaktionär und spießbürgerlich galt, ist heute Titelseiten und Talkshows wert. Mitten im zeitgeistigen Jugendwahn der Politmoderne finden sie Gehör, die Elder Statesmen von Helmut Schmidt bis Erwin Teufel. Ihre Mahnungen wirken wie Rettungsringe auf hoher See. Sie warnen vor dem Pakt mit dem Teufel namens Zeitgeist, denn: "Wer sich mit dem Zeitgeist vermählt, wird schnell zur Witwe" (Sören Kierkegaard). "Etwas Festes braucht der Mensch!" Dieses uralte Lebensmotto des Wandsbeker Boten Matthias Claudius (1740-1815) ist aktueller denn je.
Konservativ zu sein ist kein kalter Kaffee, keine Klamotte, kein Relikt aus grauer Vorzeit. Es hat auch nichts mit reaktionär oder gar "rechts" zu tun. Konservativ ist weder Partei noch Ideologie, konservativ ist eine Geisteshaltung. Der Konservative hängt nicht an dem, was gestern war. Er lebt aus dem, was immer gilt. Gute Ordnungen, ein bewährtes Koordinatensystem und ein zuverlässiger Kompass.
Konservativ ist nicht das Halten des Alten, es ist Haltung. Zu dieser Haltung gehören Verlässlichkeit, Glaubwürdigkeit und Berechenbarkeit. Doch welcher Bürger weiß heute noch, ob abends noch gilt, was Politiker morgens versprochen haben? Wenn Parteiprogramme auf dem Altar eines prinzipienlosen Pragmatismus geopfert werden, ohne zumindest die Mitglieder mitzunehmen, dann bleibt neben Frust nur noch die Flucht. Die sinkende Wahlbeteiligung und die steigende Zahl der Verweigerer sind der eigentliche Pegelnotstand für den Grundwasserspiegel unserer Demokratie. Alarmstufe eins!
Eine auf festen Werten geerdete Politik - nah am Menschen! - ist das Gegenteil einer Umfragedemokratie, die auf den wehenden Wanderdünen des Zeitgeists und mit dem kurzatmigen Flüsterbariton der Betroffenheit daherkommt. Konservative Haltung, die das Bewährte bewahrt, bewahrt vor dem Schlimmsten, was einer freien Gesellschaft passieren kann: zur Stimmungs- und Zuschauerdemokratie zu verkommen. Für einen echten Demokraten ist es der Super-GAU, wenn die Wahlverweigerung der Stammwähler die Volksparteien marginalisiert. Der verzweifelte Ruf nach Volksentscheiden gleicht einem Stich ins Herz einer parlamentarischen Demokratie.
"Wenn du nicht weißt, woher du kommst, kannst du auch nicht wissen, wohin es geht" (Johannes Rau). Dass Zukunft Herkunft ist, daran erinnert der Konservative. Er bewahrt nicht die Asche, er befeuert die Glut. Er weiß, wo er herkommt, er hat einen Kompass. Eine Politik ohne Geschichtsbewusstsein verliert sich im Beliebigen. Unsere globalisierte Welt lässt den Menschen weithin orientierungslos im Informationsdschungel. Ratlos fragt sich der Zeitgenosse: Was gilt, woran kann man sich halten, worauf ist Verlass? So erklärt sich die neue Sehnsucht nach alten Werten, nach Ritualen, Heimat und Traditionen gerade in der jungen Generation.
Damit wird moderner Konservatismus zur begehrten Markenware, wenn er mit Leben erfüllt wird. Wir brauchen keine Vorschriften, wir brauchen Vorbilder. Werte wollen nicht als Worte erfahren werden, sondern als Begegnung. Eine Welt, die ungerecht erscheint, eine Politik, die unverständlich ist, eine Führungselite ohne Ziele, all das führt in die Resignation. "Als sie das Ziel aus den Augen verloren, verdoppelten sie ihre Anstrengungen" (Mark Twain). Solche kurzatmige Hektik ist das Gegenteil von Gelassenheit, die sich aus Geschichte und Lebenserfahrung nährt.
Konservativ ist das Gegenteil von kurzschlüssigem Moralismus. "In Verantwortung vor Gott und den Menschen" - die Präambel unseres Grundgesetzes, geboren aus den leidvollen Erfahrungen der Nazibarbarei, ist eine Tradition, die trägt. "Der Mensch ohne metaphysische Bindungen ist seinem Größenwahn ausgesetzt und für jede Manipulation anfällig" (Marion Gräfin Dönhoff). Auch seelische Obdachlosigkeit ist der Preis für vorschnelle Stigmatisierung der Konservativen.
Konservativ heißt Heimat. Und Heimat ist, wo man verstanden wird und sich versteht. Doch wer begreift noch etwas, wenn sich unsere Welt als einziger Finanzmarkt präsentiert und Ethik zur Wegwerfware pervertiert? Das biblische Gebot "Ehre Vater und Mutter" wird zum Schlüssel, den wir nicht verlieren dürfen. In der Familie wird weitergegeben, was im Leben wirklich wichtig ist, sie ist der Ort von Geborgenheit und Fürsorge. Dieser Generationenvertrag wird angesichts der demografischen Katastrophe zur Überlebensfrage. Wenn unter Lebensschutz allerdings "Parkschützen" statt Familienschützen verstanden wird, na dann gute Nacht!
Nicht das Bestehende, sondern das Bewährte bewahren - damit ist konservativ keine Konserve, sondern eine Vitaminspritze für unsere Gesellschaft. Bewegung durch Bewahrung, darin besteht das Markenzeichen eines modernen Konservatismus.
  • Aus der FTD vom 11.08.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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