Es war ein streng geheimes Gespräch, bei dem die Bombe platzte. Als die Obleute der Fraktionen im Neonazi-Untersuchungsausschuss am Montag kurzfristig von Innenminister Hans-Peter Friedrich ins Ministerium gebeten wurden, war klar, dass es außergewöhnliche Nachrichten gibt. Diese waren sogar so heikel, dass Friedrich und die Parlamentarier absolute Verschwiegenheit verabredeten. Wer am Dienstag nachfragte, erfuhr nur so viel: Die Öffentlichkeit werde wohl noch im Laufe dieser Woche erfahren, worum es bei dem Krisengespräch ging.
Am Ende ging es dann schneller. Am späten Dienstagabend teilte das Innenministerium von sich aus mit, warum es Alarm geschlagen hat. Man gehe Hinweisen nach, dass ein weiterer Beschuldigter im Verfahren rund um die Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) vor zehn Jahren als V-Mann für eine Sicherheitsbehörde tätig war und aus der rechtsextremen NPD berichtete.
Sollte sich der Verdacht bestätigen, wäre das für die Behörden ein GAU. Seit Kurzem ist bereits bekannt, dass ein früher Fluchthelfer des Neonazitrios zehn Jahre lang V-Mann des Berliner Landeskriminalamtes war - und dass er zwischen 2002 und 2005 mehrere Hinweise auf den möglichen Aufenthaltsort des Trios lieferte. Wenn nun ein weiterer NSU-Helfer als Spitzel enttarnt werden sollte, ließe sich kaum mehr erklären, dass die erfolglose Suche nach dem Terrortrio nur auf Pannen zurückzuführen ist - und nicht auf Kumpanei der Behörden.
Bei aller Aufregung bleibt vorerst aber unklar, wie belastbar der Hinweis ist, dem Friedrichs Ministerium nachgeht. Der Verdacht geht zurück auf die Erinnerung eines Bundesanwalts, der während des 2003 gescheiterten NPD-Verbotsverfahrens in der zuständigen Fachabteilung des Innenministeriums gearbeitet hatte. Laut "Spiegel Online" gab der Jurist nun nach Bekanntwerden des Berliner V-Mann-Skandals in einer Erklärung an, er erinnere sich, den Namen Ralf Wohlleben im Zusammenhang mit V-Leuten in der NPD gelesen oder gehört zu haben.
Mehr zu: Hans-Peter Friedrich, NPD, NSU, Spitzelaffäre
Wohlleben war nach Erkenntnissen der Ermittler einer der wichtigsten Unterstützer des Terrortrios, als dieses 1998 in den Untergrund abtauchte. Der zeitweilige Landesvize der Thüringer NPD soll sich auch um die Beschaffung jener Waffe gekümmert haben, mit der Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt neun ihrer zehn Opfer töteten. Er sitzt als einziger der zwölf mutmaßlichen NSU-Unterstützer, gegen die die Bundesanwaltschaft ermittelt, noch in Untersuchungshaft. Inzwischen wurden seine Haftbedingungen verschärft, weil bei ihm geschmuggelte Briefe entdeckt worden sein sollen.
Im Laufe des Mittwochs fanden sich aber keine Hinweise, die den Verdacht erhärten. Erst versicherte Wohllebens Anwältin, ihr Mandant habe nie mit den Behörden zusammengearbeitet. Dann dementierte das Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz, dass es den Neonazi als V-Mann geführt haben könnte. Auch Innenminister Friedrich betonte vor einer Sondersitzung mit den Obleuten im NSU-Ausschuss am Nachmittag, es gebe bislang auf die Abfrage seines Ministeriums bei den Behörden nur "negative Meldungen". Der Hinweis werde aber "mit Hochdruck" überprüft. Dazu solle auch der Bundesanwalt, der derzeit im Urlaub ist, befragt werden.
Doch auch wenn Wohlleben kein V-Mann gewesen sein sollte, stellt sich die Frage, warum der Thüringer Verfassungsschutz um die Jahrtausendwende bestens über das engste Unterstützernetzwerk des Terrortrios informiert war. Aus Unterlagen der Verfassungsschützer für die Bundesanwaltschaft geht hervor, dass mehrere "Hinweisgeber" mit guten Zugängen zu den heute als Helfer verdächtigten Neonazis aus Thüringen und Sachsen an sie berichteten. So erhielten die Beamten Informationen, wer den Kontakt zu den Flüchtigen halte und dass sich das Trio bewaffnen wolle. Auch wurde der Verfassungsschutz darüber informiert, dass sich die anfänglichen Geldprobleme der Untergetauchten ab einem bestimmten Zeitpunkt erledigt hatten, weil die Drei nun "jobben" - ein Hinweis auf die Banküberfälle, mit denen sie sich finanzierten.
Für die Aufklärung bleibt daher die Frage spannend, wer sich hinter den V-Leuten VM 2045/2050 und VM 2100 verbirgt, auf die sich das Thüringer Verfassungsschutz in seinen Berichten maßgeblich stützt. Dies gilt vor allem, weil in der ersten Zeit der Flucht der späteren Rechtsterroristen unter Behördenchef Helmut Roewer in Erfurt chaotische Zustände herrschten. Eine Erkenntnis der Aufregung um Wohlleben steht aber schon jetzt fest: Der Bundesinnenminister traut den Behörden inzwischen alles zu.