Wenn Barbara Pirch ihren Arbeitsplatz betritt, bleibt sie nicht selten gleich mehrere Tage auf der Lok
Ihre Lok. Rund 7000 Lokomotiven sind in Deutschland in Betrieb, Barbara Pirch gehören zwei davon. Seit 1994 ist das Schienennetz auch für private Unternehmen geöffnet, aber die Bahn bleibt der unangefochtene Platzhirsch. DB - das ist die Kennung, unter der das Netz verwaltet, der überwältigende Teil aller Züge durch Deutschland gefahren wird. Die anderen Anbieter: ein paar Nahverkehrsbetriebe, eine Handvoll Logistikunternehmen mit kleinen Waggonflottillen. Und dann, unten an der Spitze dieser kopfstehenden Pyramide, ist da noch Barbara Pirch. Allein. Die eine E-Lok hält sie zur Reserve in der Hinterhand, mit der anderen bringt sie für ihre Auftraggeber Güterzüge ans Ziel. Sie arbeitet auf der Lok, sie schläft in der Lok. Die Lok ist, das sagt sie selbst, ihr Zuhause. Pirch ist Deutschlands kleinstes Eisenbahnunternehmen.
"Was ich mache, würden wahrscheinlich nicht sehr viele machen", sagt sie. Ihr Leben ist eines auf Abruf, ohne Komfort und Planungssicherheit, aber mit langen, einsamen Tagen und harter körperlicher Arbeit. In Ingolstadt hat sie ihr Büro, dort stehen die Loks, wenn sie nicht unterwegs sind. Rail4U nennt sie ihr Unternehmen, denn Pirch kann man mieten. Ein Anruf, und sie ist unterwegs, um für andere Waggons von A nach B zu bringen. Autos, Öl, Holz, Container - völlig egal, Pirch steigt auf ihre Lok und fährt los. Andere Lokführer mögen streiken oder nicht, sie macht ihren eigenen Fahrplan. Selten weiß sie, was der Tag bringen, wo sie am Ende ihren Schlafsack ausrollen wird, um sich auf dem Boden des Führerhauses schlafen zu legen. Eine Nomadin der Schiene, die Einzige ihrer Art. "Ich mache das, weil ich es will", sagt sie.
Dieses Mal fährt sie Kesselwagen für eine Raffinerie im oberbayerischen Münchsmünster. Spät ist sie am Vorabend in Mannheim eingetroffen und hat dort den leeren Zug in Empfang genommen: 19 dreckstarrende Waggons, abgestellt auf einem einsamen Gleis inmitten der Schienenwüste eines der größten Güterbahnhöfe Europas. Im matten Sternenschimmer ist sie wieder und wieder die dunkle Kolonne abgegangen, rund 320 Meter pro Strecke, und hat die Bremsen überprüft, die Kupplungen gesichert und die Wagenreihung protokolliert.
Die Nacht auf der Isomatte im Führerhaus: kurz, wie so oft. Um 5 Uhr war sie wieder auf den Beinen. Dumpfgrau kam der Morgen, jetzt ist es sonnig, aber kühl, ein Wintertag, der bereits nach Frühling schmeckt. Raureif liegt auf der Welt und hebt sich hier und da in dicken Nebelfeldern. Die Lok fährt durch Weiß. Für Pirch sind es Momente wie dieser, in denen sie für die Härten ihrer Arbeit entlohnt wird: unwirklich, ein Stück weit entrückt, frei. Wenn da nur die Sache mit den Kratzern nicht wäre.