In Las Vegas sitzt er auf einem Tisch, den Laptop mit Redenotizen neben sich, und lässt die Beine baumeln. Zu seinen Füßen ein Saal des Hard Rock Hotel, der voll ist mit Leuten, die ihn sehen wollen, den Mann im Kapuzenpulli, den Mann hinter Seiten wie Youporn. Sie wollen wissen, wer ihre Branche nun schon seit Jahren vor sich hertreibt und ein Unternehmen aufgebaut hat, an dem niemand mehr vorbeikommt. Fabian Thylmann heißt er, kommt aus Deutschland und hat Manwin, das größte Erotikunternehmen der Welt, aus dem Boden gestampft. Die Rede beim Treffen der Pornoindustrie Anfang des Jahres ist bislang sein einziger Auftritt in der Öffentlichkeit - in seinem ersten Interview hat er nun der FTD detaillierte Einblicke in den Konzern und seine Pläne für die Zukunft gegeben.
"Unser Ziel ist letztlich banal: den Leuten so viel Angebote zum Geldausgeben zu machen wie möglich." Dafür ist Thylmann in den vergangenen Jahren auf Einkaufstour durch die Branche gegangen, inzwischen ist sein 2007 gegründetes Unternehmen Marktführer. Manwin gehören rund ein Dutzend sogenannte Tubesites - Websites, die ähnlich aufgebaut sind wie Youtube, aber Pornofilme anbieten. Drei davon sind in den globalen Top Ten, zu ihnen gehört auch Youporn, die hierzulande populärste Seite dieser Art. Seit Herbst vergangenen Jahres ist Manwin für den Onlineauftritt von Playboy zuständig und hat die TV-Kanäle des Medienhauses übernommen. Zum Konzern gehören auch etliche der populärsten Pornomarken der Welt, darunter etwa Brazzers, Mofos und Digital Playground.
"Manwin macht einen mittleren dreistelligen Millionenumsatz", sagte Thylmann. Die Marge vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen liege bei rund 30 Prozent. Die Erlöse kämen zu etwa gleichen Teilen aus Onlinewerbung von Drittanbietern und eigenen kostenpflichtigen Angeboten.
Der Aufstieg Manwins ist Folge eines radikalen Strukturwandels der Branche, die weltweit etwa 14 Mrd. Dollar im Jahr umsetzt. DVD-Verkäufe, die früheren Umsatzbringer, sind durch das enorme Angebot kostenloser Videos im Netz deutlich eingebrochen, die Gewinne sind weg von den Produktionsstudios und hin zu Websitebetreibern gewandert. Auch von ihnen sind viele wieder pleitegegangen oder wurden von Wettbewerbern geschluckt, weil es ihnen nicht gelang, mit werbefinanzierten Gratisangeboten kostendeckend zu wirtschaften.
Der Markt bleibt extrem zersplittert, aber wer mit Erotikinhalten online Geld verdienen will, muss groß genug sein, um aus der Masse von Pornokonsumenten genügend zahlungswillige herausfiltern zu können: Nur ein Bruchteil der User ist bereit, für höhere Auflösungen, längere Laufzeiten und neuere Inhalte auch Geld auszugeben.
"Auf unseren Seiten haben wir monatlich etwa 300 Millionen User", sagte Thylmann. Diese produzierten an die 16 Milliarden Seitenaufrufe. Zum Vergleich: Facebook kommt auf etwa 1000 Milliarden, Wikipedia auf sechs Milliarden. "Etwa jeder tausendste Besucher greift auf Bezahlinhalte zurück. Das ist nicht viel, aber es kommt was dabei rum. Die Leute geben noch Geld aus, man muss ihnen nur zeigen, was sie wirklich haben wollen."
Dafür braucht es eine Inhaltspalette, die sämtliche Nischen abdeckt. Thylmann sieht dieses Ziel beinahe erreicht: "Wir planen derzeit noch ein paar Deals, die sich über die nächsten acht bis zwölf Monate realisieren sollen", sagte er. "Aber das ist dann wahrscheinlich auch erst einmal alles. Viel mehr ist nicht nötig." Jüngster Trend ist sogenannter Glamcore - hochwertig produzierte Filme mit deutlich intimerer Atmosphäre, die auch Frauen ansprechen sollen. In diesem Bereich sieht er noch eine Lücke, die demnächst geschlossen werden soll.
Die Finanzkraft Manwins hat seit der Gründung für Gerüchte in der Branche gesorgt, das Unternehmen operiere mit Schwarzgeld und hinterziehe Steuern. "Diese Vorwürfe haben weder Hand noch Fuß", sagte Thylmann. Zwar sei Manwin steueroptimiert aufgebaut, "aber das als Steuerhinterziehung zu deuten ist einfach nicht korrekt".
Mitte September nahm die "Welt am Sonntag" die Vorwürfe auf und zitierte anonym eine Steuerkanzlei, der zufolge Manwin "ein Fall für die Steuerfahndung" sei. "Wir haben inzwischen eine einstweilige Verfügung gegen die Verbreitung dieser vielen Unwahrheiten erwirkt", sagte Thylmann. Die Zeitung hat dagegen Widerspruch eingelegt.
Für die Firmenstruktur zeichne eine der großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften verantwortlich. Die Töchter der Holding machten untereinander nur nach dem Fremdvergleichsgrundsatz Geschäfte, einer bei Konzernen üblichen Vorgehensweise. "Man erwartet solche Sachen in der Branche noch von früher her. Das ist schade, aber letztlich eine Sache, mit der man lernen muss umzugehen, und ich bin gerade dabei."
Das Geld für all die Zukäufe stammt aus einem 362 Mio. Dollar schweren Kredit. Den soll eine New Yorker Investmentgesellschaft begeben habe. Der Kredit sei mittlerweile an rund ein Dutzend weitere Fondshäuser verkauft. Namen nannte Thylmann mit Verweis auf Verschwiegenheitsklauseln nicht.
"Wir sind in einem Bereich tätig, der von Banken scheel angesehen wird, entsprechend ist unsere Zinsrate auch nicht prickelnd", sagte er. Mit wachsendem Vertrauen in das Geschäftsmodell rechne er aber mit besseren Konditionen. Operativ schreibe Manwin schwarze Zahlen.
Um Synergien zu heben, will sich der Konzern in Zukunft auch verstärkt um das TV-Geschäft kümmern. "Playboy war dafür extrem wichtig", sagte Thylmann. "Das ist eine Marke, mit der man an Leute herantreten kann, damit bekomme ich einen Fuß in die Tür und kann dann meine anderen Marken erklären."
Der Fernsehmarkt für Erotikinhalte ist vor allem in den USA hochprofitabel, "und so langsam verstehen die Betreiber, was wir bei Manwin machen und wie sie von uns profitieren können". Durch die Masse an Traffic hat der Konzern tiefe Kenntnis von den Vorlieben der Konsumenten - in der Branche ein noch wichtigerer Aspekt als in anderen. "Wir sehen sofort, welche Inhalte ziehen und welche nicht, weltweit. Das sind Statistiken, die die TV-Branche nie hatte. Und wenn wir ein Video haben, das online super läuft, läuft das auch im Fernsehen."
Einen weiteren Zukunftsmarkt sieht Thylmann in der Entwicklung von Spielen und Apps für Handhelds. Derzeit arbeite man an Entwicklungen, die "in zwei, drei Monaten auf den Markt kommen sollen". Die Inhalte sollen nicht ausschließlich erotischer Natur sein, sondern auch für den Massenmarkt konzipiert sein - "oder irgendwo dazwischenliegen".
Thylmann setzt damit auf das schon länger zu beobachtende Verschmelzen von Erotik- und Mainstreamunterhaltung: TV-Erfolgsserien wie "Spartacus" oder "Game of Thrones" locken Zuschauer mit ausgiebigen Sexszenen, Pornodarstellerinnen schreiben Bestsellerbiografien oder spielen in Hollywood-Produktionen mit. "Ich sehe keinen Grund, warum wir von diesem Trend nicht profitieren sollten." Langfristig soll diese Sparte bis zu 50 Prozent zum Konzernumsatz beitragen, hier seien auch weitere Zukäufe denkbar.
Gründer Fabian Thylmann ist in Deutschland geboren, lebt aber mittlerweile in Belgien. Der Mittdreißiger machte sich zuerst als Programmierer einen Namen in der Branche: Er schrieb das Programm NATS, eine Software, die sogenanntes Affiliate-Marketing koordiniert, bei dem Vertriebspartner Werbelinks und -banner austauschen. NATS entwickelte sich zum Standard der Pornoindustrie. 2006 verkaufte er seine Anteile an der Firma, die er um das Programm herum gegründet hatte, und erwarb seine erste Erotikwebsite Privatamateure.com. Weitere folgten, 2007 gründete er Manwin. Er ist alleiniger und geschäftsführender Gesellschafter.
Unternehmen Manwin hat seinen Sitz in Luxemburg, dort wurde es als haftungsbeschränkte Gesellschaft gegründet. Weitere Niederlassungen gibt es in Kanada, den USA, Großbritannien, Irland, Deutschland und Zypern. Das deutsche Büro ist in Hamburg, der Großteil der rund 1000 Manwin-Mitarbeiter arbeitet in Montreal. Die Stadt ist, neben Los Angeles, ein bedeutendes Zentrum der Pornoindustrie - seit den 60er-Jahren gilt die kanadische Provinz Quebec als liberales, der Branche gegenüber aufgeschlossenes Umfeld.
Markt Die Pornoindustrie erlöst jährlich weltweit an die 14 Mrd. Dollar. Dies sind Schätzungen des Branchendienstleisters Adult Video News (AVN), genaue Zahlen gibt es nicht. Noch immer sind viele Unternehmen nicht auf die Herausforderungen des Internets vorbereitet. Manche, klagt AVN-Chef Theo Sapoutzis, hätten noch nicht einmal eine Website. Der alte DVD-Markt bietet aber kaum noch Überlebenschancen: Die Umsätze sind dort in den vergangenen Jahren um rund 75 Prozent eingebrochen.