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Gesundheitsmarkt: Ideen für die Zukunft der Medizin
In ihrem jährlichen Wettbewerb kürt die Financial Times Deutschland die fortschrittlichsten Projekte der Gesundheitswirtschaft. Dies sind die zehn Sieger 2010.Bei hoch spezialisierten Operationen müssen Patienten oft weite Fahrten in Kauf nehmen. Und das nicht nur für den Eingriff selbst, sondern auch zur Vorbereitung und zur – oft lebenslangen – Nachsorge. Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) ist führend beim Einsatz von Hörimplantaten und bei Lungentransplantationen. Viele Patienten müssen mehrfach von weit weg, manche gar aus dem Ausland anreisen.
Deshalb offeriert die MHH gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse für beide Eingriffe die Vor- beziehungsweise Nachsorge per Telemedizin. Für die Betreuung werden eigens Ärzte geschult – Reisen und die damit verbundenen Kosten entfallen. „Die beiden Projekte verfolgen einen interessanten Ansatz, indem sie die Behandlung strukturieren und die Nachsorge miteinbeziehen“, lautet die Begründung der FTD-Jury, die beide Ideen mit einem gemeinsamen Preis auszeichnet.
Geld für Erfolg - klingt logisch, ist im deutschen Gesundheitssystem aber eine Seltenheit. Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) in Rheinland-Pfalz, die Techniker Krankenkasse und die Rehaklinik Vallendar haben deshalb eine Bezahlung nach Therapieerfolg getestet. Seit inzwischen vier Jahren bekommt die Klinik ihr Geld in Form von Pauschalen, die auf Qualitätsdaten basieren. Grundlage bilden die Daten einer vom MDK entwickelten Software mit dem Namen Eva-Reha. "Der Versuch, Qualität zu belohnen, ist ein unschätzbarer Fortschritt", findet die FTD-Jury. Gerade auf dem Reha-Markt schreibt das Gesetz kein Vergütungssystem vor, daher sind unterschiedliche pauschale Tagessätze verbreitet. Doch diese berücksichtigen weder den medizinischen Aufwand, noch fördern sie eine hochwertige Versorgung. Nach dem regionalen Erfolg soll das Projekt jetzt bundesweit weitergehen.
Informationstechnologie beherrscht fast alle menschlichen Lebensbereiche. Doch ausgerechnet der Gesundheitssektor liegt bei dieser Entwicklung um Jahre zurück. Dabei könnten mit effektiven IT-Systemen Millionen gespart und Patienten besser versorgt werden. Das klassische Problem: Medizinische Daten aus mehreren Krankenhäusern und Arztpraxen sollen zusammenfließen, aber jeder hat sein eigenes System, und keines passt zum anderen.
Das IT-Unternehmen iSoft und acht Kliniken in der Region Leipzig haben jetzt einen großen Schritt gemacht: Sie behandeln Brustkrebspatientinnen in gemeinsamen elektronischen Fallakten. Dabei werden die Daten nur für konkrete Behandlungsfälle gesammelt - und das ausschließlich nach Zustimmung der Patienten. Das Urteil der FTD-Jury: "Die sehr umfangreiche Vernetzung durch eine abgesicherte Informationstechnologie macht diesen Ansatz zu einem Projekt, das weiter denkt als viele andere und den Konflikt mit dem Datenschutz elegant vermeidet."
Wenn es um darum geht, den Übergang von der Kinder- und Jugend- zur Erwachsenenmedizin zu organisieren, steht Deutschland im internationalen Vergleich schlecht da. Die DRK Kliniken Berlin haben deshalb ein sogenanntes Transitionsprogramm für junge Diabetiker und Epileptiker entwickelt. "Das Projekt beseitigt einen weißen Fleck in der Versorgungslandschaft", stellt die FTD-Jury fest. Bei dem Übergangsprogramm koordiniert ein Fallmanager die Betreuung der chronisch kranken Jugendlichen. Denn oft schaffen sie es im Teenageralter noch nicht selbst, die Verantwortung für ihre Versorgung zu übernehmen. Unter anderem gibt es sogenannte Transitionsgespräche zwischen Patient und Spezialisten, anhand von Fragebögen und Checklisten wird der Übergang zur Erwachsenenmedizin geplant. Die jungen Erwachsenen lernen so den bewussten Umgang mit ihrer Krankheit.
Rauchen, wenig Bewegung, ungesunde Ernährung und Stress sind nur einige der Riskofaktoren, die das moderne Lebens mit sich bringt - und die bei den Kassen enorme Kosten verursachen. Dagegen soll der E-Coach der Techniker Krankenkasse vorbeugen: Die Internetseite bietet von Information und Beratung über Workshops bis hin zu Wissenstests und individuellen Gesundheitsakten alles, um die Versicherten spielerisch zu motivieren, gesünder zu leben und Krankheitskosten zu senken. "Obwohl ähnliche Initiativen international bereits gut eingeführt sind, ist das Projekt für Deutschland eine Innovation", so die FTD-Jury.
Künftig werden Kosten-Nutzen-Bewertungen von neuen Therapien und Medikamenten immer wichtiger. Doch zugleich wird die Glaubwürdigkeit solcher Studien zu recht wieder und wieder infrage gestellt: Wer analysiert was, wie und mit welchem Interesse dahinter? Das Gecko Institut für Gesundheitsökonomie und Medizinische Informatik der Hochschule Heilbronn hat dieses Problem erkannt und ein offen zugängliches Simulationsmodell für Wirtschaftlichkeitsanalysen von Therapien entwickelt.
Ihre besondere Glaubwürdigkeit leiten die Forscher nicht nur aus der sorgfältigen Arbeit mit Daten ab, sondern auch aus ihrer Offenheit: Sie arbeiten in einem Onlinesystem ähnlich einem "Wiki", also einer Website, deren Inhalte Benutzer nicht nur lesen, sondern auch online unmittelbar ändern können. Entsprechend transparent und nachprüfbar sind die Ergebnisse. "Gerade im Pharmasektor mangelt es an Transparenz, jahrelang hat die Industrie nur ausgewählte Studien veröffentlicht", heißt es in der FTD-Jury. "Eine Initiative, die bewusst auf Open Source setzt und sämtliche Daten der Öffentlichkeit - zur gesundheitsökonomischen Analyse - zur Verfügung stellt, verdient deshalb Anerkennung."
Schnell liegen Menschen mit Rückenschmerzen unter dem Messer - die Behandlungskosten verschlingen Milliarden, trotzdem ist vielen danach nicht geholfen. Die Techniker Krankenkasse und das auf Rückenschmerzen spezialisierte Unternehmen Integrated Managed Care (IMC) wollen vor den oftmals zu schnell angeordneten Operationen eine nichtinvasive Behandlung testen. In einem der bundesweit 33 Zentren von IMC entwickeln die Ärzte gemeinsam mit dem Patienten eine alternative Therapie. Die FTD-Jury: "Das Konzept fördert den Gedanken der Zweitmeinung, der bisher noch nicht hinreichend verbreitet ist."
Bevorzugte Termine beim Facharzt, Wartezeiten in den Praxen von höchstens 30 Minuten, besondere Sprechstunden abends und am Wochenende und für Patienten ab 60 Jahren eine spezielle Arzneimittelberatung - das ist kein ferner Wunschtraum, sondern gehört zu den garantierten Vorteilen, die die Techniker Krankenkasse gemeinsam mit dem Medizinischen Dienst Mecklenburg-Vorpommern rund 25.000 Patienten aus Rostock anbietet. Ob diese mit ihrer Behandlung dann auch zufrieden sind, wird jährlich bei den Versicherten abgefragt.
Und: Das Ganze soll nicht einmal etwas kosten. Die Krankenkasse will das Projekt allein aus nachgewiesenen Einsparungen durch die bessere Zusammenarbeit aller Partner finanzieren. Die Ärzte beispielsweise erhalten eine schnelle Rückmeldung über die Höhe der Kosten, die ihre Verordnungen bedeuten - angefangen bei Klinikeinweisungen und Arzneimitteln bis hin zu Arbeitsunfähigkeiten, Krankenfahrten oder Rehabilitation. "Das Projekt verfolgt einen guten, sektorübergreifenden Ansatz, weil es sich nicht nur an bestimmten Diagnosen orientiert", urteilt die FTD-Jury. "Sollte das System zusätzlich mit einem IT-System unterlegt werden, wäre dies ein weiterer innovativer Schritt."
Die meisten Schwindelkrankheiten sind einfach zu erkennen und rasch zu behandeln - trotzdem sind die Patienten oft jahrelang von Arzt zu Arzt unterwegs, erhalten immer wieder neue Therapien und Medikamente. "Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass bei der Versorgung dieser Menschen sehr viel im Argen liegt", hieß es in der FTD-Jury. Um Schwindel richtig zu erkennen und zu behandeln, ist übergreifendes Wissen aus verschiedenen Fachgebieten nötig. Die KKH-Allianz hat damit begonnen, spezielle Schwindelambulanzen aufzubauen. Dort gelingt es in 90 Prozent der Fälle, eine wirkungsvolle Therapie einzuleiten.
Das Thema Stürze alter Menschen steht bisher noch kaum im Fokus der Öffentlichkeit. Das muss sich ändern", hieß es in der FTD-Jury, als das Projekt ausgewählt wurde. Die Gefahr zu stürzen ist für einen alten Menschen deutlich höher als für einen jungen - schon weil die körperliche Leistungsfähigkeit, der Gleichgewichtssinn und die Sehkraft nachlassen. Das Klinikum Bremen-Nord und das DRG-Kompetenzzentrum Geriatrie in Berlin nutzen bei ihrem "Telematik-Pilotprojekt zu Stürzen und drohenden Stürzen im Alter" die Möglichkeiten der modernen Technik: Ein Sensor erkennt, wenn ein Mensch gestürzt ist, und ruft Hilfe.
Überdies registriert das System auffällige Bewegungen, die auf einen drohenden Sturz hinweisen. Den dazugehörigen Bewegungssensor Motionsens liefert das Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen. Die Übermittlung der Daten funktioniert via Internet oder Funk. Bislang handelt es sich noch um ein Pilotprojekt, dessen Umsetzbarkeit sich erst zeigen muss. Auch die informationelle Selbstbestimmung muss bei derartigen Formen der Überwachung künftig Diskussionsthema sein. Dennoch, so urteilte die FTD-Jury, kann dieses Präventionskonzept wegweisend sein.
| Zum inzwischen fünften Mal kürt die Financial Times Deutschland die besten Ideen und Projekte der Gesundheitswirtschaft. Im Herbst 2009 hatte die FTD ihre Leser gefragt: Wer entwickelt neue Geschäftsmodelle, die das Potenzial haben, das Gesundheitssystem zu verbessern? Gesucht wurden zukunftsweisende Kooperationen, innovative Ideen, die mehr Transparenz in den undurchsichtigen Gesundheitsmarkt bringen, sowie Möglichkeiten, Effizienz und Qualität der Patientenversorgung zu steigern. |
| Rund 50 Projekte wurden eingereicht: von Kliniken, Ärzten, Krankenkassen, Versicherungen, IT-Unternehmen und anderen Kreativen der Branche. Zehn von ihnen wählte die Jury aus. Auf der FTD-Konferenz Gesundheitswirtschaft in Berlin wurden sie nun ausgezeichnet. |
| Die Jury bestand wie in den Vorjahren aus sechs Mitgliedern: Heinz Lohmann (Berater in der Gesundheitswirtschaft), Sophia Schlette (Kaiser Permanente), Matthias Schrappe (Sachverständigenrat), Ulrich Wandschneider (Mediclin), Jürgen Wasem (Universität Duisburg-Essen) und Nikolaus Förster (G+J Wirtschaftsmedien). Bei ihren Entscheidungen, die jeweils einstimmig fallen mussten, orientierte sich die Jury an folgenden Kriterien: |
| Innovationsgrad: Gibt es vergleichbare Projekte im In- oder Ausland? |
| Relevanz: Wie groß ist der Veränderungsbedarf? |
| Qualität, Transparenz, Effizienz: Lassen sich durch das Projekt Qualität und Transparenz steigern sowie Kosten senken? |
| Durchsetzbarkeit: Lässt sich die Idee finanziell und politisch umsetzen? |
| Reichweite: Entfaltet das Projekt strukturelle Wirkung auf das Gesundheitssystem? |
| Hochkarätige Entscheidungsträger der Branche diskutieren heute in Berlin das Thema: "Wachsen in der Krise - wie sich der Gesundheitsmarkt in der Wirtschaftsflaute verändert". Was die geladenen Experten dazu sagen, lesen Sie am 15. April auf einer Sonderseite in der FTD. |
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16.04.2010
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