Der neue Chef des Pharmagroßhändlers Celesio stoppt den Strategiewechsel seines Vorgängers Fritz Oesterle. Er halte anders als Oesterle die Belieferung von Apotheken mit Medikamenten für ein stabiles Geschäftsmodell, das er wieder ausweiten wolle, sagte Markus Pinger der FTD.
"Bislang hieß es immer, unser Kerngeschäft sei dem Siechtum geweiht, wir müssen deswegen in andere Geschäftsfelder. Diese Annahme halte ich für nicht richtig." Sein Vorgänger Oesterle, der Celesio bis zu seinem Ausstieg Ende Juni zwölf Jahre geführt hatte, hatte dagegen zuletzt mit viel Geld nach neuen Gewinnbringern für den Konzern mit einem Umsatz von rund 21 Mrd. Euro gesucht.
Er hielt den Pharma- und Apothekenmarkt vor allem in Europa für zu strikt reguliert, um dauerhaft Wachstum und eine auskömmliche Rendite zu garantieren. Unter seiner Suche nach neuen Geschäftsmodellen hatte jedoch das Kerngeschäft gelitten: Pinger senkte am Mittwoch die Prognose für den operativen Gewinn (Ebitda) von 600 Mio. Euro auf 575 Mio. Euro.
Pingers Strategie ist einer der seltenen Fälle einer radikalen Rückbesinnung eines Unternehmens auf das traditionelle Kerngeschäft. Als populärstes Beispiel gilt Daimler, den Vorstandschef Edzard Reuter ab Mitte der achtziger Jahre zu einem Mischkonzern umbaute - bevor seine Nachfolger das wieder zurückdrehten.
Die Marschroute des seit dem 15. August amtierenden Celesio-Chefs ist zudem ein beruhigendes Signal für den Mischkonzern Haniel, der 54,6 Prozent an den Stuttgartern hält. Die Zukunft seiner wichtigsten Beteiligung, des Handelskonzerns Metro (Cash & Carry, Kaufhof, Media-Saturn, Real), ist ungewiss, nachdem dort Vorstandschef und Aufsichtsratschef ihren Abgang angekündigt haben.
Bei Celesio hatte Haniels Vorstandschef Jürgen Kluge den Austausch von Oesterle und die Verpflichtung des Beiersdorf-Vorstands Pinger stark vorangetrieben. Bei dem Nivea-Konzern war der 48-Jährige für die Lieferkette, die Logistik und die Markenpflege verantwortlich. Das alles will er jetzt auch bei Celesio verbessern. Er wolle Apothekern für Einkauf, Lagermanagement und die Vermarktung rezeptfreier Medikamente neue Dienstleistungen verkaufen, sagte Pinger.
Celesio werde den Apothekern künftig Shop-Konzepte anbieten, mit denen sie mehr Käufer locken können. Zudem geht Pinger auf Kuschelkurs zu seinen Kunden. Er will die Versandapotheke DocMorris, die auch rund 150 Verkaufsstellen betreibt, so umbauen, dass sie nicht mehr als Konkurrenz wahrgenommen wird. "Wir werden das Konzept so gestalten, dass der Konflikt befriedet wird - und unsere Kunden von DocMorris Versandhandel sogar profitieren", sagte er. Konkreter wolle er im nächsten Jahr werden.
Um rasch den Gewinnverfall zu stoppen, legt Pinger parallel ein Sparprogramm auf. Es wird 100 Mio. Euro kosten und soll ab 2012 jährlich 50 Mio. Euro sparen. Der neue Chef will Niederlassungen schließen und den eigenen Einkauf zentralisieren. Zudem wird die Sparte Manufacturer Solutions, die Dienstleistungen für die Pharmaindustrie anbietet, aufgelöst.
Der zuständige Vorstand Michael Lonsert verlässt Celesio zum Jahresende, bereits Ende November geht Finanzvorstand Christian Holzherr. Pinger sagte, er sei zuversichtlich, bis dahin einen Nachfolger gefunden zu haben.
Die Investoren waren von den Plänen unbeeindruckt. Die Aktie legte marginal zu. Analysten reagierten unterschiedlich. Thomas Mal von der DZ Bank bezeichnete den Sparplan als überfällig und die Strategie als nicht weltbewegend. Oliver Reinberg von CA Cheuvreux dagegen meinte, das Programm könnte "ein Wendepunkt" für Celesio sein.