Die Lufthansa stellt sich nach dem überraschend deutlichen Nein der Münchner beim Bürgerentscheid zum Ausbau des Flughafens auf Probleme an ihrem zweitgrößten Drehkreuz nach Frankfurt ein. Womöglich wird die Airline schon bald Verbindungen an andere deutsche Airports verlagern - oder sogar ins Ausland. Vor allem der gerade erweiterte Frankfurter Flughafen, vor München mit Abstand der größte in Deutschland, könnte davon profitieren. Die Kunden müssen sich nach Meinung des Unternehmens nun in der bayerischen Landeshauptstadt auf noch mehr Staus am Boden und zusätzliche Warteschleifen in der Luft einstellen - die Folge könnten mehr unpünktliche Maschinen sein.
"Mit nur zwei Start- und Landebahnen wird der Münchner Flughafen täglich an seine Grenzen stoßen", sagte Lufthansa-Passagevorstand Thomas Klühr am Montag. Pünktlichkeit und ein stabiler Betrieb seien auf lange Sicht nicht ohne dritte Bahn möglich. Zwar seien mit dem Ausbau des Terminals 2 genügend Abfertigungskapazitäten vorhanden, auf den Bahnen gebe es aber jetzt schon extreme Engpässe, ergänzte eine Lufthansa-Sprecherin. "Wir schließen nicht aus, dass wir unseren Verkehr auf andere Drehkreuze der Lufthansa wie Zürich, Wien oder Brüssel verlagern. Auch in Frankfurt gibt es seit der Eröffnung der neuen Landebahn wieder Kapazitäten", so die Sprecherin.
Für Air Berlin ist die Entscheidung weniger relevant. Für die deutsche Nummer zwei sind Berlin, Düsseldorf und Palma de Mallorca als Standorte besonders wichtig. Das Unternehmen war daher zuletzt stark von der Verschiebung beim neuen Berliner Großflughafen betroffen. In München hat Air Berlin in den ersten fünf Monaten 2012 acht Prozent weniger Verkehr registriert. Die jüngsten Passagierrekorde am Flughafen München gehen daher vor allem auf die Lufthansa zurück.
Gut 54 Prozent hatten am Sonntag gegen den 1,2 Milliarden Euro teuren Airport-Ausbau im nordöstlichen Umland der Stadt gestimmt. Sie argumentierten mit der hohen Lärm- und Abgasbelastung. Aus Sicht der Gegner besteht zudem kein Bedarf für eine dritte Startbahn, weil die Zahl der Flugbewegungen zuletzt gesunken ist. Das bestreiten die Befürworter, die auch mit Tausenden neuer Jobs und positiven Impulsen für den Tourismus geworben hatten.
Frustriert zeigte sich die Wirtschaft. Von einem schwarzen Tag für den Standort sprach der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, Bertram Brossardt. "Mit der Entscheidung erleidet der Wirtschaftsstandort Bayern kurzfristig einen Imageverlust, mittelfristig Wachstumsverluste und er ist langfristig erheblich gefährdet." Aufgrund der Globalisierung brauche der Freistaat eine gute Infrastruktur und dazu gehöre auch ein Airport mit Drehkreuzfunktion. "Seit Eröffnung des Flughafens 1992 haben sich die bayerischen Exporte verdreifacht." Der Luftverkehrsverband BDL argumentierte ähnlich: "Unser Wohlstand kommt nicht von selbst", sagte BDL-Präsident Klaus-Peter Siegloch. "Wenn wir unsere Infrastruktur nicht auf die Zukunft vorbereiten, dann sägen wir den Ast ab, der uns alle trägt." Das dürfe nicht das letzte Wort gewesen sein.
Bei dem Bürgerentscheid wurde nur über die Haltung der Stadt als kleinster Miteigentümer des Flughafens abgestimmt. An dem Airport sind aber auch das Land (51 Prozent) und der Bund (26 Prozent) beteiligt. Der Bund bedauerte das Votum der Münchner, die Landesregierung ging noch einen Schritt weiter. Ohne Wenn und Aber werde am Bau festgehalten, sagte Bayerns Verkehrsminister Martin Zeil (FDP). CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt betonte, es müssten die Gerichtsentscheide zu den anhängigen Klagen abgewartet werden, bevor mit dem Bau, den allein der Flughafen finanzieren will, begonnen werden könne.