Die Macher hinter den News: Porträts von Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft.
Als der Fotograf ihn bittet, fürs Motiv die Arme zu verschränken, zögert Tobias Eggendorfer kurz. "Das ist keine typische Geste für mich", sagt der 35-Jährige, und es klingt fast ein wenig entschuldigend. Arme verschränken, das steht in der Körpersprache meist für: Unsicherheit, Abwehr, Verschlossenheit. Eigenschaften, die auf den gebürtigen Münchner tatsächlich nicht zutreffen. Die Bewegung kann aber auch ein Ausdruck dafür sein, dass sich jemand ungerecht behandelt fühlt. Das wiederum scheint intuitiv zu passen. Eggendorfer verschränkt die Arme.
Es ist die Lufthansa , über die sich der Professor für angewandte Informatik und IT-Forensik so ärgert - und die er jetzt sogar verklagt. Am Freitag verhandelt das Landgericht Köln den ersten Gütetermin. Er, der den Senatorstatus innehat, wird in der Vielfliegergemeinde hierfür schon jetzt als Held gefeiert. Im Dezember 2010 hatte die Lufthansa die Regeln ihres "Miles & More"-Programms kurzfristig geändert. Seither verlangt sie für einen First-Class-Flug von Europa nach Asien 210.000 Meilen - 30.000 mehr als zuvor. Den Hinweis im Internet musste man jedoch suchen, das Kundenmagazin berichtete, kleingedruckt, erst im Januar, als die neuen Regeln schon galten. "Das gehört sich nicht", sagt Eggendorfer.
Juristen räumen seiner Klage Chancen ein - was für die Lufthansa teure Folgen haben könnte. Mehrere ebenfalls verärgerte Vielflieger wollen seinem Beispiel folgen und haben ihre Anwälte als Zuhörer zu dem Termin am Freitag geschickt. Das Image der Kranichlinie indes leidet schon jetzt: Seit der Fall im Herbst bekannt wurde, diskutieren Passagiere in Internetforen. Ein Vielflieger soll in einer Lounge gar eine Protestpetition zum Unterschreiben ausgelegt haben.
Den Gegenwert mehrerer Interkontinentalflüge in der ersten Klasse will Eggendorfer ersetzt haben. Er ist ein besonnener Typ: Zur Klage entschloss er sich erst, nachdem selbst Briefwechsel mit Lufthansa-Chef Christoph Franz erfolglos blieben. Seine Intelligenz und Akribie machen ihn jedoch zu einem lästigen Gegner.
Mit 35 Jahren ist er nicht nur einer der jüngsten Professoren in Deutschland. Er verfügt nach eigenen Angaben auch noch über sechs Uni-Abschlüsse: Eggendorfer, ledig, ist Diplom-Wirtschaftsingenieur, Diplomingenieur und Diplominformatiker. Er hat Kurse im Arbeits- und Wirtschaftsrecht und der Erwachsenenpädagogik belegt, im Fernstudium einen Master of Computer Science drangehängt. Heute arbeitet er als Berater, doziert an der Hochschule der Hamburger Polizei, ist Gastprofessor an einer Universität in Bangkok. Um sich dort verständigen zu können, lernt er Thai. Schwedisch paukt er, weil er das Land mit einem älteren Auto bereisen will - und liegen bleiben nicht so schlimm ist, wenn man die Sprache kennt.
Ähnlich leidenschaftlich sammelt er auch seine Argumente gegen die Lufthansa. Den Rummel, den er verursacht hat, begrüßt er. "Weil der Fall zu groß ist, um hinter verschlossenen Türen abgekaspert zu werden." Andererseits, sagt er, hätte er lieber seine Ruhe: Statusversessene Vielflieger, die alles für ein paar Meilen tun, seien ihm ein Graus. Ihm geht es ums Prinzip und das verlorene Vertrauen in die Lufthansa, "der ich als Kunde angeblich so wichtig bin". Seit einem Jahr bucht er nur noch bei Wettbewerbern.
Versöhnt, sagt Eggendorfer, wäre er erst, "wenn die endlich mal anfangen würden, mit mir zu kommunizieren". Auch für einen "vernünftigen" Vergleich zeigt er sich offen: Zusätzlich zu den Meilen fände er er zum Beispiel einen Simulatorflug gut, ließ er seinen Anwalt einmal mitteilen, oder einen lebenslangen Senatorstatus. Die Reaktion seiner Vielfliegerkollegen spielt bei seinem weiteren Vorgehen dabei keine Rolle: "Ich muss jetzt nicht der Märtyrer der Vielflieger werden." Er habe ja schließlich noch was anderes zu tun.