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Merken   Drucken   06.12.2012, 18:59 Schriftgröße: AAA

Public Relations: An der Leine der PR

PR wird in Deutschland immer autoritärer - und zerstört so das Vertrauen in Unternehmen und Organisationen. Eine Bilanz nach zwölf Jahren FTD.
© Bild: 2012 Getty Images/Peter Dazeley
PR wird in Deutschland immer autoritärer - und zerstört so das Vertrauen in Unternehmen und Organisationen. Eine Bilanz nach zwölf Jahren FTD.
von Curaçao

Kennenlerngespräch mit einem Manager des Finanzinvestors Permira. Anschließend Austausch der Geschäftskarten. Der ebenfalls anwesende PR-Mann grapscht dem Journalisten in die Hand hinein, entreißt ihm die gerade erhaltene Karte. Prüfend schaut er aufs Papier: "Keine Mobilnummer", konstatiert er, offenkundig zufrieden. Er wolle ja nicht, dass der Journalist den Manager direkt anrufe.

Der Grapscher war der - damals noch neue - PR-Mann von Permira. Besser kann man Vertrauen in ein Unternehmen nicht zerstören. Jahrelang hatte bis dahin der Dialog mit der Beteiligungsgesellschaft bestens geklappt: Für organisatorische Fragen stand ein hilfsbereiter und zurückgenommener Kommunikator einer Agentur bereit; aber für alle Fälle zeigten sich die Manager auch direkt ansprechbar. Nun nicht mehr.

Von Permira gibt es nur noch belanglose Floskeln. Und selbst wenn der PR-Mann etwas Gehaltvolles von sich gäbe, wäre die Information entwertet, denn wem traut man mehr: einem Manager im direkten Gespräch? Oder einem PR-Mann, der das Gespräch verhindert, stattdessen jegliche Aussage filtert und dann ein strategisch kalkuliertes Statement abgibt?

Das Grapschen des Permira-Manns ist besonders dreist, aber symptomatisch für das, was in den vergangenen zehn Jahren passiert ist in der Unternehmenswelt: Mitarbeiter von "Kommunikationsabteilungen" grätschen aggressiv in den Dialog zwischen Firmenakteuren und Presse hinein. Sie stellen Kommunikation nicht her, sondern zerstören sie. Das betrifft alle Ebenen der Unternehmen. Gespräche mit Führungskräften sind ohnehin kaum mehr möglich, ohne dass sich PR-Leute dazudrängen.

Das ist dann unproblematisch, wenn sich die Mithörer zurückhalten. Aber oft genug spielen sie den Kettenhund, sperren den Gesprächspartner ab. Wer aber nimmt einen Konzernmanager ernst, der einen Aufpasser braucht? Und wer traut einem Unternehmen, das die Aussagen seiner Führungskräfte überwacht? Ein Reuters-Reporter sprach in Berlin BASF-Manager Eggert Voscherau an. Sofort eilte eine BASF -Dame dazu und herrschte ihn an: Das sei nicht üblich, dass ein Journalist einen Manager ungefragt anspreche.

Unternehmen argumentieren, die Presse sei in den vergangenen Jahren aggressiver geworden auf der Suche nach exklusiven Geschichten. Das mag sein. Die Frage ist nur, ob die allumfassende Kontrolle der eigenen Leute die richtige Reaktion ist. Das Gegenteil ist der Fall: Wenn mit den Vorständen kein authentischer Dialog mehr möglich ist, werden die Journalisten ihre Geschichten erst recht anderswo suchen - mit Quellen außerhalb des Konzerns. Pressesprecher kritisieren zu Recht eine Tendenz der Medien zu skandalisieren. Aber sie stacheln die Presse dazu noch an, weil sie mit ihrem Kontrollwahn den eigenen Dialog wertlos machen. Das gilt natürlich nicht für alle Kommunikatoren, aber für viel zu viele.

BASF ist ein Beispiel dafür, wie ein einst transparentes und offenes Unternehmen binnen wenigen Jahren zum Hort des Misstrauens wurde. Wer als BASF-Mitarbeiter im Gespräch mit einem Journalisten beobachtet wird, bekommt einen Anruf von der "Kommunikation", es sei denn, die hätte das Gespräch zuvor erlaubt. "One Voice Policy" heißt der Euphemismus für diese Praxis, mit der das Unternehmen die Mitarbeiter auf Linie bringen will.

Viele folgen dem Beispiel, in DAX -Unternehmen scheint das Vorgehen inzwischen üblich zu sein. Was den Managern auferlegt wird, gilt erst recht für die normale Belegschaft. Bei Siemens und anderen Konzernen muss jeder Kontakt mit der Presse nach oben gemeldet werden. Natürlich kann ein Unternehmen von seinen Leuten Loyalität erwarten. Aber die Art, in der Beschäftigte gegängelt werden, ist schlicht autoritär. In der deutschen Wirtschaft geht es zu wie in Nordkorea.

Unternehmen rechtfertigen sich zuweilen mit den scharfen Börsenregeln, die einheitliche Informationen erforderten. Aber das ist scheinheilig. Denn wenn die Konzerne ein Interesse daran haben, finden sie immer einen Weg, etwas zu lancieren. Notfalls heuern sie eine der boomenden Spezialagenturen an, um ihre versteckte Agenda zu verbreiten. Nein, es geht hier nicht um Börsenregeln. Es geht darum, Mitarbeiter mundtot zu machen. Es geht um die Deutungshoheit über die Nachrichten.

Andere Organisationen haben diese Methoden übernommen - bis hin zu Gewerkschaften. Als in Frankfurt die Piloten streikten, lud die Vereinigung Cockpit (VC) die Presse zur Streikdemo. Man warb um Verständnis für den Ausstand, doch die Teilnehmer reagierten abweisend, wenn man sie ansprach. Wie denkunfähige Roboter verwiesen sie auf einen Sprecher. Der Grund stellte sich bei näherer Recherche heraus. In einem Mitgliederschreiben hatte die VC angewiesen: "Sollten Sie während der Streikmaßnahmen von Journalisten angesprochen werden, geben Sie bitte keine Statements ab und verweisen Sie stets auf die Pressestelle der VC."

Die VC unterschätzt vermutlich den negativen Effekt: Selbst der gewerkschaftsfreundlichste Kommentator wird einer Organisation misstrauen, die derart zentralisiertes Denken und Sprechen verordnet.

Das ist der Preis der diktatorischen Medienpolitik. Zwar haben es Organisationen und Großkonzerne in den vergangenen Jahren geschafft, ihre Mitarbeiter einzuschüchtern und viele zum Schweigen zu bringen. Aber die Konsequenz ist klar. Wenn es nur noch die kalkulierten Verlautbarungen der Unternehmen gibt, wenn kein Mensch aus Fleisch und Blut mehr eigenständig spricht, bleibt eines übrig: das totale Misstrauen gegen die Wirtschaft. In der Presse - und hoffentlich in der Öffentlichkeit.

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  • Aus der FTD vom 07.12.2012
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