Ein erheblicher Anstieg der Risikoscheu hat bei den Anlegern am Donnerstag einen Run auf Staatsanleihen ausgelöst. Gefragt waren dabei nur die liquidesten Papiere wie Bundesanleihen, britische und französische sowie US-Titel. Zugleich verkauften die Investoren vor allem Aktien, aber auch Währungen aus Rohstoffländern wie den australischen Dollar oder die norwegische Krone. Sogar Gold konnte nicht von seinem Nimbus als sichere Anlage profitieren.
Strategen und Analysten machten mehrere Faktoren dafür verantwortlich: Zum einen nannten sie die Angst vor Regulierungsexzessen in der EU, nachdem Deutschland mit einem Verbot von Leerverkäufen vorgeprescht ist. So sagte EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia am Donnerstag, ein angemessenes regulatorisches Rahmenwerk für Leerverkäufe sollte auf europäischer Ebene und nicht von einzelnen Staaten beschlossen werden.
Zum anderen wächst erneut die Furcht, dass die Schuldenkrise der Euro-Zone weltweit das Wirtschaftswachstum abwürgt. Dazu trug der Anstieg der Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung in den USA in der vergangenen Woche um 25.000 auf saisonbereinigt 471.000 bei - das höchste Niveau seit der Woche zum 10. April.
"Wir erleben eine Massenflucht aus risikoreichen Anlagen", sagte Eugen Keller, Bond- und Devisenanalyst beim Bankhaus Metzler. "Da wird völlig undifferenziert verkauft." Die Investoren hätten das Gefühl, "da braut sich was zusammen". Rainer Sartorius von HSBC Trinkaus & Burkhardt sagte: "Die Unsicherheit geht von den Aktienmärkten aus. Es geht rein in den sicheren Hafen. Und der muss liquide sein. Da stehen Bundesanleihen an erster Stelle."
Entsprechend kletterte der Terminkontrakt auf zehnjährige Bundesanleihen, der Bund-Future, auf ein Rekordhoch bei 128,58 Punkten und lag zuletzt mit 128,25 Zählern noch 78 Stellen höher. Die zehnjährige Rendite, die sich gegenläufig zum Kurs entwickelt, sackte zeitweise auf ein Rekordtief von 2,66 Prozent ab. Die Rendite zehnjähriger französischer Titel fiel mit 2,94 Prozent auf den tiefsten Stand seit 1990. Zehnjährige US-Treasuries rentierte am frühen Abend 13 Basispunkte niedriger bei 3,24 Prozent. "Wir handeln hier ausschließlich auf das politische Risiko in Europa", sagte Donald Ellenberger, auf Staats- und Hypothekenanleihen spezialisierter Fondsmanager bei Federated Investors in Pittsburgh.
Der Euro hielt sich vergleichsweise gut und notierte am frühen Abend bei 1,2370 $. Es sei etwas mehr Vertrauen in den Euro zurückgewonnen worden, sagten Händler. Dagegen verkauften die Anleger auf breiter Front Währungen, die sich in der Finanzkrise gut behauptet hatten. "Auch solide Währungen wie die norwegische Krone kommen unter Druck, obwohl sie so lange ein sicherer Hafen war", sagte Metzler-Experte Keller. Die Krone verlor zum Euro diese Woche über 4 Prozent an Wert. Das sei angesichts der starken Wirtschaftsdaten überzogen, kommentierte Arne Lohmann Rasmussen, Chefdevisenstratege bei der Danske Bank in Kopenhagen.
Auch auf dem Alten Kontinent trennten sich die Investoren auf breiter Front von Aktien. "Die pessimistische Haltung Angela Merkels gegenüber dem Euro, schwächere US-Arbeitsmarktdaten und die angeknackste Charttechnik haben die Anleger vorsichtig gestimmt", sagte Fidel Helmer, Leiter des Aktienhandels bei Hauck & Aufhäuser. Der Dax schloss 2 Prozent tiefer bei 5868 Zählern, der Stoxx 50 gab 1,9 Prozent auf 2341 Punkte nach, und der CAC 40 in Paris 2,3 Prozent.
Besonders Finanzwerte standen im Mittelpunkt. "Marktteilnehmer blicken mit Argusaugen auf die politische Bühne", sagte Oliver Roth, Chefaktienhändler bei Close Brothers Seydler. Er verwies auf die anstehende Entscheidung über eine Finanztransaktionssteuer. "Hinter diesem Begriff kann sich ja viel verbergen, weswegen die Stimmung sehr gespannt ist. Eine Einführung könnte sich negativ auf das Marktvolumen auswirken, was natürlich Finanzinstitute treffen würde." ING verlor 3 Prozent. Papiere der Deutschen Börse fielen um 4,9 Prozent.
Die Rohstoffmärkte sind am Donnerstag auf breiter Front unter Abgabedruck geraten. Der Preis für ein Fass Rohöl der Sorte WTI sank zeitweise um über 4 Prozent auf bis zu 67,55 $ je Barrel, der tiefste Stand seit September 2009. Im Minus bewegte sich daneben der Goldpreis, der um bis zu 1,3 Prozent auf 1 176 $ je Feinunze fiel. Der Silberpreis gab noch deutlicher nach und verlor 3 Prozent und die Industriemetalle Aluminium und Kupfer zwischen 1 und 2 Prozent.
Auch dort ging es an den Börsen abwärts: Der MSCI Emerging Markets Index fiel um 3 Prozent auf den tiefsten Stand seit acht Monaten. Von seinem Hoch am 15. April hat das Börsenbarometer damit 15 Prozent eingebüßt. Der schwächere Ölpreis drückte die Notierungen an der Moskauer Börse um mehr als 4 Prozent.
Die enttäuschenden Daten vom Arbeitsmarkt lasteten zusammen mit den Sorgen um Europa auch auf den US-Börsen. Dort rutschte der Dow-Jones -Index bis 19 Uhr MESZ um 2,8 Prozent ab. Der S&P-500 -Index verlor 3,2 Prozent und fiel mit 1079 Zählern unter die Marke von 1100 Punkten. "Das hat viele automatische Verkäufe ausgelöst", sagte ein Händler. Von seinem Jahreshoch am 23. April hat der Index damit mehr als 10 Prozent eingebüßt. Der Nasdaq Composite gab um 3,6 Prozent nach. Der Abverkauf erfolgte auf breiter Front: Kein Titel aus dem Dow Jones-Index notierte im Plus.
Ölaktien zählten angesichts des kräftigen Preisrückgangs bei Rohöl zu den prominenten Verlierern. ConocoPhillips gab um 4,2 Prozent und Exxon Mobil um 2,6 Prozent nach. Bei den Standardwerten im Dow büßte der Aluminiumkonzern Alcoa 6,1 Prozent ein, Caterpillar fiel um 5 Prozent. mit reuters