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Merken   Drucken   02.05.2012, 17:10 Schriftgröße: AAA

FTD-Zinsumfrage: Spaniens Krise hält EZB in Atem

Die EZB tagt in dieser Woche ausgerechnet in Barcelona. Eine Zinssenkung wird es nicht geben. Aber irgendwann werde Spanien Hilfe in Anspruch nehmen müssen, meint ein Teilnehmer der FTD-Zinsumfrage.
© Bild: 2011 AFP/DANIEL ROLAND
Die EZB tagt in dieser Woche ausgerechnet in Barcelona. Eine Zinssenkung wird es nicht geben. Aber irgendwann werde Spanien Hilfe in Anspruch nehmen müssen, meint ein Teilnehmer der FTD-Zinsumfrage.

Die Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag wird überschattet von der Krise in Spanien. Da die Sitzung in Barcelona stattfindet und Spaniens Notenbankchef Miguel Fernández Ordóñez mit EZB-Präsident Mario Draghi sowie dessen Vize Vítor Constâncio an der Pressekonferenz teilnimmt, rechnen die Chefvolkswirte führender Banken damit, dass Spanien im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen wird. "Wir erwarten, dass Spanien irgendwann Finanzhilfe der Euro-Rettungsfonds EFSF und ESM und des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Anspruch nehmen muss", sagte Jürgen Michels von der US-Bank Citi im Rahmen der monatlichen FTD-Zinsumfrage.

Alle sechs Monate treffen sich Draghi, die fünf Direktoriumsmitglieder sowie die 17 nationalen Euro-Notenbankchefs zu einer EZB-Ratssitzung außerhalb Frankfurts in einer Stadt eines Euro-Landes.

Die Konzentration auf Spanien erklärt sich auch dadurch, dass alle 38 befragten Bankenökonomen die EZB in einer Art Lauerstellung sehen und keiner der Notenbankbeobachter am Donnerstag mit einer Änderung des Leitzinses von 1,0 Prozent rechnet.

Die FTD-Zinsumfrage im Mai   Die FTD-Zinsumfrage im Mai

Selbst in der Dreimonats- sowie der Jahresfrist geht die überwältigende Mehrheit der Volkswirte davon aus, dass die Euro -Zentralbank den Leitzins unverändert auf dem historischen Tiefststand belässt. Schließlich rechnen sie mit einer Rezession in der Euro-Zone in diesem Jahr und schwachem Wachstum 2013. Bis Mai 2013 rechnen sechs Ökonomen sogar damit, dass die EZB den Zins auf 0,75 oder sogar 0,5 Prozent absenkt. Nur ein Volkswirt, Holger Schmieding von der Berenberg Bank, sagt bis dahin einen Anstieg auf 1,25 Prozent voraus.

Trotz der Krise in Spanien geht jedoch kaum ein Euro-Experte davon aus, dass die Europäische Zentralbank in Kürze ihr Staatsanleihekaufprogramm wieder aufleben lassen oder eine dritte Runde ihrer Drei-Jahres-Tender auflegen wird. Die Notenbank hatte von Mai 2010 bis Anfang des Jahres Staatsanleihen der Euro-Krisenstaaten Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und Italien im Wert von knapp 220 Mrd. Euro gekauft, um ihnen die Aufnahme neuer Schulden zu erleichtern. Doch seit Draghis Amtsantritt im November hat die EZB das vor allem in Deutschland scharf kritisierte Programm kaum genutzt. In den vergangenen Wochen ruhten die Anleihekäufe komplett, obwohl die Risikoaufschläge spanischer Staatspapiere zu deutschen Bundesanleihen stark zulegten.

Im Kampf gegen die Krise setzte Mario Draghi den Geschäftsbanken lieber zwei Liquiditätsspritzen: Er lieh ihnen für drei Jahre Geld zum Leitzins und lockerte die Anforderungen an die Sicherheiten, die sie als Pfand hinterlegen müssen. Ende Dezember sowie Ende Februar spülte die Europäische Zentralbank brutto mehr als 1000 Mrd. Euro in den Bankensektor und sorgte für Entspannung an den Märkten - bis es zur Eskalation in Spanien kam.

Bruttoinlandsprodukt; Verbraucherpreise   Bruttoinlandsprodukt; Verbraucherpreise

"Die EZB hat klargemacht, dass der Ball nun im Feld der Regierungen liegt", sagte Anna Maria Grimaldi von der italienischen Bank Intesa Sanpaolo. "Ich denke nicht, dass die EZB ein weiteres Drei-Jahres-Geschäft ankündigen sollte, da die Hauptrisiken wie eine Liquiditätskrise und eine Kreditklemme verhindert wurden, wie die jüngste Umfrage zur Kreditvergabe gezeigt hat." Diese vierteljährliche Umfrage der EZB und der nationalen Notenbanken unter Geschäftsbanken hatte vergangene Woche gezeigt, dass die meisten Geldhäuser ihre Bedingungen der Kreditvergabe zwar weiter verschärft haben, aber die Geldspritzen der Notenbank einen Kreditkollaps in der Euro-Zone verhindert haben.

Äußerungen des französischen EZB-Direktoriumsmitglieds Benoît Cœuré hatten Mitte April bei einigen Marktteilnehmern die Erwartung geweckt, die Notenbank könnte als Reaktion auf die Lage in Spanien ihre Staatsanleihekäufe wieder in großem Umfang aufnehmen. Gegenteilige Äußerungen anderer EZB-Ratsmitglieder in der Folge zeigten jedoch, dass die Notenbank in der Frage gespalten zu sein scheint und zumindest zum derzeitigen Zeitpunkt noch nichts unternehmen will.

"Sollten die Spannungen weiter steigen und auf Länder wie Italien und Frankreich übergreifen, sollte die EZB erneut intervenieren", sagte Carsten Brzeski von der niederländischen Bank ING. "Doch eine Reaktivierung der Staatsanleihenkäufe dürfte die Märkte allenfalls für sehr kurze Zeit beruhigen."

Dafür, dass die EZB abwartet, spricht auch, dass die Euro-Zone vor politischen Veränderungen steht, deren Ausgang kaum vorhersehbar sind. Dazu gehören der wahrscheinliche Wahlsieg des sozialistischen Präsidentschaftskandidaten François Hollande am kommenden Sonntag in Frankreich, die Parlamentswahl in Griechenland am gleichen Tag und das irische Referendum über den Fiskalpakt am 31. Mai. Hinzu kommt der Kollaps der niederländischen Minderheitsregierung vor zehn Tagen.

Diese Unwägbarkeiten verunsichern die Anleger bei ihrer Sicht auf Spanien, obwohl die Schwäche des Landes nicht das System gefährdet. "Wegen der recht günstigen Ausgangslage mit relativ niedriger Staatsschuldenquote ist das Renditeniveau in Spanien noch keine grundlegende Gefahr für die Schuldentragfähigkeit", sagt Bianca Meyer von der Allianz. "Die Zinszahlungen in Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegen mit etwa 2,5 Prozent ungefähr so niedrig wie in Deutschland."

Für Unsicherheit sorgt außerdem, dass die Finanzausstattung der Euro-Rettungsfonds und des IWF trotz der jüngst zugesagten zusätzlichen Mittel in den Augen der Investoren weiter zu niedrig ist, um eine Kriseneskalation in großen Euro-Volkswirtschaften wie Spanien, Italien oder Frankreich wirksam zu kontern. "Deshalb ist ein plötzlicher Anstieg von Risikoaversion bei Anlegern weiter eine Bedrohung für alle Peripheriestaaten", sagte Stefan Schneider von der Deutschen Bank. "Wir sehen ein Risiko von 40 Prozent, dass die aktuelle Finanzkrisenwelle so groß wird, dass Spanien um Hilfe bitten muss", sagte Berenberg-Ökonom Schmieding.

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