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Merken   Drucken   02.08.2012, 12:33 Schriftgröße: AAA

Wall Street: Technikpanne verursacht Börsenchaos

Heftige Preisschwankungen und extrem hohe Umsätze haben die Händler an der New Yorker Börse in Aufruhr versetzt. Inzwischen ist der Schuldige für die neue Panne gefunden: Der Finanzdienstleister Knight Capital  räumte Probleme mit seinem Computersystem ein.
© Bild: 2012 Getty Images/Steve Lewis
Heftige Preisschwankungen und extrem hohe Umsätze haben die Händler an der New Yorker Börse in Aufruhr versetzt. Inzwischen ist der Schuldige für die neue Panne gefunden: Der Finanzdienstleister Knight Capital räumte Probleme mit seinem Computersystem ein.

Erneut haben technische Probleme an der New Yorker Aktienbörse die Anleger aufgeschreckt und Fragen zur Zuverlässigkeit der Systeme aufgeworfen. Über viele Minuten hinweg gab es am Mittwoch an der (New York Stock Exchange (NYSE)) extrem hohe Umsätze und heftige Preisschwankungen bei zahlreichen Aktien.

Der normale Handel war zeitweise gestört, eine Handvoll Papiere wurden ausgesetzt. Insgesamt könnten knapp 150 Titel betroffen sein. "Es war bizarr", sagte Stephen Massocca vom Handelshaus Wedbush Morgan. "Es ging drunter und drüber." Die Ursache war zunächst unklar, dann aber räumte der Finanzdienstleister Knight Capital Probleme bei seinen computergestützten Systemen ein. Knight-Aktien verloren daraufhin ein Viertel an Wert.

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Damit stehen inzwischen zum vierten Mal technische Probleme an den Börsen im Blickpunkt: Im Mai hatte es gravierende Pannen im Handelssystem der Nasdaq beim Börsengang von Facebook gegeben. Das hatte den beteiligten Firmen Millionenverluste eingebrockt. Die Nasdaq streitet derzeit mit ihnen über den Schadenersatz.

Der Börsengang der drittgrößten US-Börse BATS Global Markets Ende März endete mit einem kompletten Fiasko, als die Aktien auf dem Handelssystem der BATS binnen Minuten von 16 Dollar auf unter 1 Cent rauschten. Ursache war eine neue Software. BATS machte die irrtümlichen Handelsgeschäfte des Tages rückgängig - und seinen eigenen Börsengang gleich dazu.

Bereits seit 2010 häuft sich die Kritik an immer schneller werdenden Börsengeschäften über mit Algorithmen gefütterte Computersysteme. Die Hochfrequenzhandel (High Frequengy Trading; HTF) genannten Systeme gerieten im Mai 2010 in das Blickfeld internationaler Regulierungsbehörden. Damals war der Dow-Jones-Index in New York binnen Minuten um 1000 Punkte eingebrochen und wieder empor geschnellt. Ermittlungen der US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) ergaben, dass dieser "Flash Crash" von Hochfrequenzhändlern zumindest befeuert wurde.

"Loops" als Fehlerquelle

In den vergangenen Monaten rückte der Aspekt der Sicherheit der Algorithmen in den Vordergrund. Dazu trugen auch verschiedene Studien bei, unter anderem des Frankfurter Professors Peter Gomber, der sich seit vielen Jahren mit dem Thema beschäftigt. Seine jüngste Studie bescheinigt HFT die Eigenschaft, in Märkten mit einem geringeren durchschnittlichen Handelsvolumen durch Handelsaktivität für Liquidität zu sorgen. Allerdings weist Gomber auch darauf hin, dass die Testphasen für die Algorithmen außerhalb des Marktes mitunter zu kurz sind. Das würde auch erklären, wie es immer wieder zu Pannen wie der am Mittwoch kommen kann: Die Algorithmen, meist von hochbezahlten Programmierern entwickelt, funktionieren in der Theorie zwar gut. Wenn sie allerdings in der Praxis versagen, sind die Folgen gleich gravierend.

Als eine Fehlerquelle werden in vielen Studien sogenannte "Loops" erwähnt: Dabei wiederholt ein Programm einen bestimmten Handel mehrmals, etwa weil sich zwei unterschiedliche Algorithmen in die Quere kommen. Lautet etwa ein Algorithmus "Verkaufen, wenn der Preis unter zwei Euro fällt" und ein andere lautet "Kaufen, wenn der Preis unter zwei Euro fällt" sind die beiden Algorithmen in einer Kauf- und Verkaufsschleife gefangen. Ob und welche fehlerhaften Programme zu dem Chaos am Mittwoch geführt haben, ist bisher nicht bekannt.

Hochfrequenzhändler sind meist in illiquiden Märkten unterwegs und handeln Aktien von kleineren Unternehmen. Am Mittwoch waren Corelogic, China Cord Blood, Kronos Worlwide, Trinity Industries und Molycorp betroffen. Keines der Unternehmen hat eine Marktkapitalisierung über 2,4 Mrd. Dollar. Zum Vergleich: Der Stahlkonzern Alcoa  weist als Unternehmen mit der kleinsten Marktkapitalisierung im Dow Jones 9 Mrd. Dollar auf. Üblicherweise werden diese Aktien seltener und in kleinerer Stückzahl gehandelt als jene, die in großen Indizes gelistet sind. Am Mittwoch wechselten bei Molycorp  in den ersten 45 Handelsminuten jedoch mehr als 5,7 Millionen Aktien den Besitzer - üblich ist bei dem Wert ein Umsatz am gesamten Tag von 2,65 Millionen.

Der Börsianer Massocca sagte, der Vorfall bei der NYSE am Mittwoch habe den gesamten normalen Handel in Mitleidenschaft gezogen. Die aktuellen Konjunkturdaten gingen in dem Trubel beinahe unter. Die Börse selbst teilte mit, sie prüfe den Handel mit den Aktien von 148 gelisteten Firmen in den ersten 45 Handelsminuten. Auch Knight Capital teilte mit, etwa 150 Titel seien betroffen. Knight gehört zu den größten sogenannten Market Makern an der Wall Street. Diese stehen zum Kauf und Verkauf von Aktien zu den auf der Kurstafel genannten Preisen bereit und sichern damit die Liquidität des Marktes.

Die großen Indizes Dow Jones  und Nasdaq selbst waren davon wenig betroffen und schlossen beide 0,3 Prozent im Minus.

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  • Reuters, 02.08.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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