Inflation oder Deflation, Rezession oder Depression? Setzen staatliche Hilfspakete an der richtigen Stelle an, wie wirken sie sich auf Devisen und Börsen aus? Sollte man auf Gold, Renten oder Aktien setzen? Welche Sektoren und Firmen sind vielversprechend, welche Fusionen überflüssig? "Das Kapital", die führende Kolumne für Finanzmarktthemen, gibt pointierte Antworten.
Die Märkte sind auf die US-Daten fixiert. Doch wie die laufende Berichtssaison zeigt, erzielen die europäischen Firmen nun mal den größten Teil ihrer Umsätze in Europa. Dort ruhen viele Hoffnungen auf Deutschland, wo die Beschäftigung bis zuletzt gestiegen ist, die Reallöhne endlich anziehen, die realen Zinsen auf Staatsanleihen, Hypotheken oder Firmenanleihen vernachlässigbar sind, die vom niedrigen realen Wechselkurs profitierenden Unternehmen riesige Mittelüberschüsse erzielen, die Zuwanderung steigt, der staatliche Konsolidierungsbedarf gering ist, die stabilen Rahmenbedingungen Direktinvestitionen begünstigen, die privaten Schulden überschaubar sind und die zulegenden Hauspreise positive Vermögenseffekt zeitigen.
Tatsächlich jedoch sind die meisten monatlichen Indikatoren für die reale Binnennachfrage bis zuletzt schwach geblieben, ob es sich nun um die Bauaufträge, die Umsätze in Einzelhandel und Gastgewerbe, die Auto- und Lkw-Neuzulassungen oder die Inlandsbestellungen in der Industrie handelt. An den einleitend erwähnten Faktoren gemessen muss man sogar von einer herben Enttäuschung sprechen. Ein Grund dafür sind sicher die ungünstigen Terms of Trade, die Kaufkraft entziehen. Auch dürfte der Schlamassel in vielen Ländern Europas sowie die Unwägbarkeiten in Amerika, China oder Japan für Zurückhaltung bei Firmen und Verbrauchern sorgen, wobei die Investitionsbereitschaft der Unternehmen bei einer Exportquote von 51 Prozent des BIPs verständlicherweise beeinträchtigt ist.
Nur bleibt die Inlandsnachfrage selbst vor diesem Hintergrund enttäuschend. Denn bei einer Heerschar von prekär beschäftigten Menschen ist der Reallohnanstieg bisher kaum angekommen. Ähnliches gilt für Rentner. Wer auf Zinseinkommen angewiesen ist, guckt sogar mächtig in die Röhre. Im ersten Quartal lag das reale verfügbare Einkommen um 1,8 Prozent überm Vorjahr - bei einem Anstieg der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung von 2,5 Prozent. Von einem selbsttragenden Qualitätsaufschwung kann keine Rede sein.