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Merken   Drucken   22.11.2010, 08:30 Schriftgröße: AAA

Agenda: Irlands Absturz

Monatelang haben die Iren gekämpft: Sie haben gespart, gekürzt und gelitten. Vergebens. Mit der Rettung durch die EU und den IWF verliert Irland seine Unabhängigkeit. Bericht aus einem verzweifelten Land.
© Bild: 2010 FTD/Kim Haughton
Monatelang haben die Iren gekämpft: Sie haben gespart, gekürzt und gelitten. Vergebens. Mit der Rettung durch die EU und den IWF verliert Irland seine Unabhängigkeit. Bericht aus einem verzweifelten Land. von Fidelius Schmid  Dublin/Roosky
Dass die Krise auch sie erwischen wird, begreift Claire Leonard irgendwann im Frühjahr. Ein Mieter nach dem anderen kann sich die Konzession für ihre Pizzarestaurants nicht mehr leisten, immer mehr geben auf und lassen sie ohne Einnahmen. Sie verkauft ihr Haus, ihren Stolz auf dem Hügel mit Fernblick, und zieht in eine Wohnung. Das Geld steckt sie aber weiter in die kleine Restaurantkette. Die Leute werden doch weiter Pizza essen, sie glaubt daran.
Vergangene Woche aber begreift Leonard, dass alles noch viel schlimmer ist. Der Staat könnte auch pleitegehen, nicht nur die Banken. Deswegen steht sie jetzt mit einem Plakat vor dem Finanzministerium und schreit sich die Seele aus dem Leib, immer wenn ein paar Anzugträger an ihr vorbeilaufen. "Was hier passiert, ist illegal", brüllt sie. "Es ist gegen die Verfassung, Irland muss unabhängig bleiben!"
Dublin, Irlands Hauptstadt im späten November 2010. Es ist der Tag, an dem Premierminister Brian Cowen nach tagelangen, immer unglaubwürdiger klingenden Dementis zugibt, dass sein Land allein nicht mehr weiterweiß. Dass es viel Geld braucht. Und dass es das nur bekommen kann, wenn es harte Auflagen erfüllt. Es ist der Tag, an dem Experten des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Europäischen Zentralbank und der EU-Kommission im irischen Finanzministerium einrücken, um zu prüfen, wie viele Milliarden nötig sein werden, um den Inselstaat vor dem Bankrott zu retten. Und welche Einschnitte der Bevölkerung noch zuzumuten sind.
Doch Dublin ist nicht Athen, und Irland ist nicht Griechenland. Es gibt keine Massendemonstrationen, keine Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizei, keine Backsteine fliegen in die Glasfassaden der Banken. Irlands Krise spielt sich wie in Zeitlupe ab. Das Land wirkt wie betäubt, ungläubig, dass es so weit kommen konnte.
Leonard protestiert allein. "Ich bin der Krawall", sagt die Pizzeriabesitzerin. Außer ihr hängen vor dem Finanzministerium noch ein paar Fotografen herum. Wenn ein Mensch im dunklen Anzug daherkommt, schreit sie auf und die Fotografen knipsen.

Teil 2: Verfall einer Nation

  • Aus der FTD vom 22.11.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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