Spanien gerät unter akuten Druck, unter den Euro-Rettungsschirm zu schlüpfen. Auslöser ist die Bonitätsherabstufung durch die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P). Sie bewertet das Land jetzt nur noch mit "BBB-" - gerade eine Stufe besser als "Ramsch". Damit folgt S&P dem Wettbewerber Moody's.
"Die Ratingentscheidung ist ein Weckruf", sagte Michael Leister, Analyst bei der Commerzbank. Viele Investoren würden sich jetzt auf Notenverkäufe am Anleihemarkt einstellen, weil sie fürchten, dass Spanien aus wichtigen Anleiheindizes herausfallen wird. Eine neue Verkaufswelle würde die Zinsen nach oben treiben und die künftige Schuldenaufnahme für die Regierung in Madrid erschweren. "Spanien dürfte nun bald ESM-Hilfen beantragen", sagte Leister.
Sollten die Zinsen kräftig steigen, dürften die Euro-Staaten ihren Druck auf Madrid erhöhen, den Hilfsantrag zu stellen. Er ist Voraussetzung dafür, dass die Europäische Zentralbank mit Anleihekäufen eingreift, um das Zinsniveau in Spanien zu senken. Die Ratingagenturen hatten bereits angedeutet, dass sich ein Antrag positiv auf die Kreditwürdigkeit auswirken werde, was die Notverkäufe noch abwenden könnte. Bisher sah es so aus, dass Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy bis nach den Regionalwahlen in Galicien am 21. Oktober abwarten will. Er hatte immerhin erst Ende September klargemacht, dass er "100-prozentig einen Antrag stellen" werde, wenn die Risikoaufschläge für spanische Anleihen lange auf hohem Niveau verharrten.
Bei Großanlegern bereiten sich die Fondsmanager allerdings schon auf Anleiheverkäufe vor. "Sollte Spanien von allen Ratingagenturen auf 'Ramsch' herabgestuft werden und damit aus allen Investmentgrade-Indizes fallen, dann müssten auch wir Teile unserer Bestände verkaufen. Wir gehen davon aus, dass in diesem Fall industrieweit spanische Anleihen im Wert von rund 60 Mrd. Euro verkauft werden würden", sagte Andrew Bosomworth, Leiter des deutschen Portfoliomanagements bei der Allianz-Tochter Pimco, dem größten privaten Anleiheinvestor der Welt.
Bosomworth spielt darauf an, dass ein Emittent nur dann in einem Anleiheindex wie dem iBoxx enthalten sein kann, wenn er mit "BBB-" und besser bewertet wird. Viele Anleger orientieren sich an solchen Indizes und müssten spanische Papiere verkaufen, wenn das Land herausfliegt. Die Durchschnittsbewertung der drei großen Ratingagenturen könnte schon bald auf "Ramsch" sinken, wenn etwa Moody's seine Bewertung noch um drei Stufen senken würde. Die Agentur will bis Ende des Monats die laufende Überprüfung abschließen.
Da viele Anleger mit einem Rettungsantrag rechnen, blieb nach der Herabstufung der befürchtete Renditeanstieg für die spanischen Anleihen aus. "Wenn ein Antrag kommt, stehen wir bereit", heißt es in der EU-Kommission. Lange Verhandlungen über die Bedingungen wären nicht nötig, da Spanien derzeit alle Auflagen der EU erfüllt. Für eine Kreditlinie oder die Unterstützung von Anleiheemissionen könnte Geld aus dem Programm für die Rekapitalisierung der spanischen Banken verwendet werden, da von den zugesagten 100 Mrd. Euro für die angeschlagenen Institute höchstens 60 Mrd. gebraucht werden. In jedem Fall müssten aber die Parlamente der Euro-Staaten zustimmen.