FTD.de » Politik » Europa » Goldman-Schatten fällt auf Draghis Bewerbung bei der EZB

Merken   Drucken   14.06.2011, 21:52 Schriftgröße: AAA

Trichet-Nachfolge: Goldman-Schatten fällt auf Draghis Bewerbung bei der EZB

Der designierte EZB-Chef hatte bei seiner Ernennungsanhörung im EU-Parlament an sich nichts zu befürchten. Wären da nicht die Fragen zu Mario Draghis Zeit bei Goldman Sachs gewesen. von Wolfgang Proissl  Brüssel
Am Ende hat sich Mario Draghi wieder gefangen. Artig stellt sich der designierte Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) vor das Logo des Europäischen Parlaments und lächelt in die Fernsehkameras. "Das war meine erste Erfahrung mit demokratischer Rechenschaft", sagt der Gouverneur der Banca d'Italia. "Das werde ich lebenslang hoch schätzen. Ich freue mich auf künftige Begegnungen."
Zu diesem Zeitpunkt liegen 150 Minuten Kreuzverhör im Wirtschafts- und Währungsausschuss hinter Draghi. Eigentlich konnte man einen freundlichen Dialog erwarten. Der Italiener gilt als bestens qualifiziert für den Posten, ist bekennender Stabilitätsanhänger, andere Kandidaten gibt es nicht. Doch bohrende Fragen zu Draghis Vergangenheit bei der US-Investmentbank Goldman Sachs  bringen den Notenbanker zeitweise so sehr in Bedrängnis, dass die beiden Frontmänner der Unionsabgeordneten, Werner Langen und Markus Ferber, noch während der Anhörung per E-Mail eine Unbedenklichkeitserklärung für Draghi umherschicken. "Er ist die beste Wahl, um in einer schwierigen Zeit einen stabilen Euro zu garantieren", so Langen und Ferber.
Um gute Stimmung bemüht: Mario Draghi vor dem 150-minütigen ...   Um gute Stimmung bemüht: Mario Draghi vor dem 150-minütigen Kreuzverhör im EU-Parlament
Dabei hatte der EZB-Chef in spe nicht viel zu befürchten. Die Abgeordneten müssen nur gehört werden, den Beschluss fällen die Regierungen bei ihrem Gipfel kommende Woche. Doch für den bald mächtigsten Mann der Euro-Zone ist ein gutes Verhältnis zum EU-Parlament wichtig. Als EZB-Chef und als Vorsitzender des Europäischen Systemrisikorats wird er mindestens sechsmal im Jahr vor dem Ausschuss auftreten. Im Ringen um strengere Euro-Regeln ist das Parlament der Schlüsselpartner der EZB.
Und so wirkt der 63-jährige Notenbank- und Politikprofi zuerst überrascht und dann gereizt, als insgesamt fünf Parlamentarier der Sozialisten, der Grünen und der Linken immer wieder fragen, wie das genau war, als er von 2002 bis 2005 für Goldman Sachs arbeitete. Besonders verwerflich ist aus Sicht der Parlamentarier, dass es der Krisenstaat Griechenland etwa zur gleichen Zeit mithilfe der Investmentbank schaffte, 5,3 Mrd. Euro an Schulden durch komplizierte Währungsgeschäfte zu verschleiern.
"Ich hatte nichts mit diesem Geschäft zu tun", versichert Draghi. Anders als von Goldman Sachs kommuniziert habe er nie mit Regierungen zu tun gehabt, sondern nur mit Unternehmen. Doch die Parlamentarier, für die der Name Goldman Sachs für alles Unmoralische am Kapitalismus steht, geben nicht nach. Er habe seine Integrität stets unter Beweis gestellt und sei als Aufseher der italienischen Banken stets hart mit den Geldhäusern gewesen, wirbt Draghi weiter für sich. Als ihm ein Abgeordneter entgegnet, er glaube ihm nicht, blafft Draghi zurück: "Warum fragen Sie, wenn Sie meinen Antworten nicht glauben?"
Spätestens da spürt der designierte EZB-Chef, dass ein feindseliges Klima zu entstehen droht. Und so bemüht er sich um Zurückhaltung und verspricht den Parlamentariern schnell, noch enger mit ihnen zusammenzuarbeiten als sein Vorgänger Jean-Claude Trichet .
  • Aus der FTD vom 15.06.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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