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  Megacities FTD-Serie: Grenzen des Wachstums

Theoretisch könnten sie unendlich wuchern. Doch immer mehr Riesenstädte leiden unter ihrer Anziehungskraft. Sie stehen sich selbst im Weg - und ihren Bürgern. In einer sechsteiligen Serie werden die Wachstumsschmerzen der größten Städte der Erde beschrieben.

Merken   Drucken   24.04.2012, 14:00 Schriftgröße: AAA

Megacities: Lagos: Die Gangs regieren – mit Erlaubnis

Die nigerianische Metropole Lagos galt einst als schmutzigste Stadt der Welt. Ein charismatischer Gouverneur machte sie zum Vorbild, wie man Slumprobleme in den Griff bekommt.
von Johannes Dieterich, Lagos

Sie tauchen wie aus dem Nichts an deiner Seite auf, verlangen Bezahlung für Dienstleistungen, die sie niemals erbracht haben und um die sie niemand gebeten hat. Ist ihr Ansinnen erfolglos, folgt eine derbe Beschimpfung und ein Schlag aufs Autoblech, dann womöglich weitere, wuchtigere Schläge und schließlich eine zerborstene Windschutzscheibe - hätte der Taxifahrer Mister Balugu nicht gerade noch rechtzeitig eine Lücke im dichten Verkehr erspäht. "Crackers!", schimpft er hinter der nächsten Kreuzung. "Wann endlich wird auch der letzte dieser Idioten endlich verschwunden sein?"

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Die Rede ist von den "Area Boys": Lagos' bösen Buben, die die nigerianische Metropole einst zu Zigtausenden bevölkerten. Nicht zuletzt ihnen war es zuzuschreiben, dass die Hafenstadt mit ihren elf Millionen Einwohnern einen ziemlich schlechten Ruf hatte. Den Zustrom neuer Einwohner hat das nicht gestoppt. In Afrika wie in Asien strömen Millionen in der Hoffnung auf ein besseres Leben in Städte wie Lagos. Dort werden die schnell wachsenden Slums zur Belastung für ihre Bewohner. Anstatt soziale Aufsteiger hervorzubringen, drohen die neuen Siedlungen zu No-go-Areas zu werden, in denen der Staat wenig zu sagen hat und Kriminelle viel.

Doch das muss nicht sein: Lagos ist unter dem charismatischen Gouverneur Babatunde Fashola zum Vorbild geworden, wie man die Slumprobleme wieder in den Griff bekommt.

Die Metropole galt als Hexenkessel ohne Besserungschance. Autofahrer, Ladenbesitzer und Straßenverkäufer mussten den Wegelagerern ihren Obolus entrichten. Geschäftsleute und Politiker mieteten die Area Boys an, um sich Respekt zu verschaffen oder Stimmen zu erzwingen. Und frühmorgens kreuzten Polizeilastwagen durch Lagos' Straßen, um die Opfer der nächtlichen Revierkämpfe aufzulesen.

"Es war rau", sagt Godpower Mbong in singendem Pidgin-Englisch. Seit acht Jahren lebte der Area Boy unter einer Brücke im Stadtteil Apapa. Geld verdient habe er mit "Gelegenheitsarbeiten", fährt der 28-Jährige fort. Seit mehreren Monaten hat er einen richtigen Job: Er wurde als Hilfskraft von der städtischen Polizei angeheuert, die Ordnung in den Verkehr und unter die Heere von Straßenhändlern bringen soll. Der Job sei "gar nicht schlecht", murmelt er. "Jedenfalls besser als früher."

Mbong profitierte von dem "Kick against Indiscipline" (Schlag gegen die Disziplinlosigkeit) genannten Programm, mit dem Fashola, der seit fünf Jahren regierende Gouverneur des Bundesstaats Lagos, den Hexenkessel in den Griff zu bekommen sucht. Hunderte von Area Boys wurden zu Ordnungshütern umgeschult, andere zu Steuereintreibern ausgebildet, wieder andere zur Verschönerung der einst als "schmutzigste Stadt der Welt" geltenden Metropole herangezogen. "Viele von ihnen haben eine abgeschlossene Schulausbildung und sind deshalb leicht zu resozialisieren", sagt Mojo Bello, ein Manager der Kommunalverwaltung.

Der 48-jährige Jurist Fashola ist inzwischen auch international bekannt. Der Gouverneur wird überall dorthin eingeladen, wo es um die Rettung scheinbar hoffnungsloser Fälle geht: Schließlich wird ihm zugeschrieben, aus dem am schnellsten wachsenden Armenhaus der Welt ein Vorbild für andere Megacitys zu machen. Sein Geheimnis: "Als ich Gouverneur von Lagos wurde, sah ich überall Chancen", sagt Fashola: "Für mich bedeutet eine schlechte Straße, dass wir Ingenieure und Arbeiter brauchen, Architekten, Banken, Lieferanten sowie Geschäfte, in denen sie sich versorgen können." Fashola steckte Milliarden in den Bau neuer Straßen, Buslinien und sogar S-Bahnen und sorgte mit dem "Kick against Indiscipline"-Programm für Zigtausende neuer Jobs.

Um die Finanzierung seiner Programme musste sich der Gouverneur keine Sorgen machen. Denn mit dem größten Hafen Westafrikas und den Hauptsitzen der Erdölfirmen ist Lagos keine arme Stadt - nur dass mit den Einnahmen nichts für die Bevölkerung getan wurde. Fashola gelang es allerdings auch, die Steuereinnahmen seiner Stadt dramatisch zu steigern - auch dank der als Eintreiber angestellten Area Boys.

Bevölkerung und Geschäftsleute waren sogar einverstanden, für die neue Stadtverwaltung etwas tiefer in die Tasche zu greifen: Schließlich müssen sie jetzt keinen Obulus an die Area Boys mehr entrichten. Fashola bestand die große Herausforderung unterentwickelter Staaten, die riesigen Geldmengen, die trotz der Armut in den informellen Sektoren unter Millionen von Marktteilnehmern kursieren, in vom Staat kontrollierte Bahnen zu lenken.

Noch vor drei Jahren wurden 93,7 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung von 50 Mrd. Dollar in Lagos im informellen Sektor umgeschlagen. Mit den über 100.000 neu geschaffenen Jobs und den 250.000 Menschen, die Kleinkredite zur Gründung ihrer Geschäfte erhielten, geht der Trend jetzt in die andere Richtung.

Gleichzeitig ist die Zahl der Verbrechen stark rückläufig. "Wir können jetzt mit denen, die sich partout nicht integrieren lassen wollen, auch ganz anders umgehen", sagt Fashola. Und: "Wir haben unserer Bevölkerung gezeigt, dass man Dinge verändern kann - egal wie schlimm sie sind."

  • FTD.de, 24.04.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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