Die extreme Ungleichheit, die der globalisierte Kapitalismus hervorbringt, ist nicht nur ein soziales Desaster. Sie behindert Produktivität, Innovation und wirtschaftliche Dynamik. Dass nur große Ungleichheit Menschen zu Spitzenleistungen motiviert, wird von seriösen Managementtheoretikern seit Langem infrage gestellt. Fredmund Malik etwa verweist auf den US-Tycoon John Morgan, der einst untersucht hatte, worin die Unterschiede zwischen seinen erfolgreichen Firmen und den weniger erfolgreichen lagen, und dabei auf genau einen Faktor gestoßen war: den Grad der Einkommensungleichheit. Während die Differenz von einer Einkommensstufe zur nächsten bei den erfolgreichen Firmen nie mehr als 30 Prozent betrug, lag sie in den erfolglosen weit darüber.
Die britischen Wissenschaftler Pickett und Wilkinson haben empirisch nachgewiesen, dass Alkohol- und Drogensucht, Fettleibigkeit und psychische Erkrankungen in sehr ungleichen Gesellschaften deutlich häufiger auftreten; auch sind die schulischen Leistungen im Schnitt schlechter, die Zahl der Gefängnisstrafen höher und die Lebenserwartung niedriger. Ungleichheit verursacht also hohe Kosten: Ungleiche Gesellschaften brauchen mehr Polizisten, Richter, Gefängnisse, Kliniken und Psychiater.
Zugleich können Märkte reale Bedarfsverhältnisse nur bei einigermaßen ausgeglichener Einkommensverteilung reflektieren. Denn was tatsächlich von Märkten registriert wird, ist nicht die Dringlichkeit, sondern die Zahlungsfähigkeit von Bedürfnissen. Nur wenn Menschen genügend Kaufkraft haben, um ihrem Bedarf Nachdruck zu verleihen, trägt der Marktmechanismus zu einer an den Bedürfnissen orientierten Produktion bei. Im gegenteiligen Extrem können Märkte gesättigt sein, während Menschen verhungern. Diese Situation gibt es heute in vielen sehr armen Ländern.
Hohe Ungleichheit bedeutet zudem eine Polarisierung der Nachfrage: Es wächst dadurch der Absatz der Luxusproduzenten und der Billigdiscounter. Aber Letzteres nicht, weil die Menschen qualitativ mangelhafte Billigware gediegenen Qualitätsprodukten vorziehen würden, sondern weil sich viele nicht mehr leisten können. Im Ergebnis werden dann auch weniger Qualitätswaren produziert, was vor allem kleinere Qualitätsanbieter schädigt. Kapazitäten, die ein höheres Wohlstandsniveau gewährleisten könnten, werden nicht mehr gebraucht und verschwinden vom Markt.
Insgesamt gilt: Wenn sich Einkommen immer stärker bei den reichsten zehn oder zwanzig Prozent der Bevölkerung konzentriert, während Löhne, Renten und Sozialleistungen stagnieren oder sinken, dann stagnieren auch Konsum, Investitionen und Wachstum. Zugleich fließt immer mehr Geld auf die Finanzmärkte. Das war vor Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 der Fall, und das ist heute so.
Der Konsumschwäche kann man dadurch begegnen, dass man auch ärmeren Haushalten erlaubt, wegbrechende Arbeitseinkommen durch immer höhere Verschuldung auszugleichen. Wohin das führt, erlebt die Welt seit Platzen der US-Hypothekenblase. Man kann natürlich auch die kreditfinanzierten Staatsausgaben hochtreiben oder angesichts eines desolaten Binnenmarkts nur noch auf Exportüberschüsse setzen. Die aktuellen Probleme im Euro-Raum zeigen, dass auch diese Strategien nicht nachhaltig sind. Am Ende gibt es nur eine Alternative: Entweder die Ungleichheit wird reduziert, oder volkswirtschaftliche Substanz geht unwiederbringlich verloren und die Gesellschaft als ganze wird ärmer.
Die wachsende Ungleichheit ist allerdings nicht nur Ergebnis falscher Politik, sondern vor allem Produkt der heutigen wirtschaftlichen Eigentums- und Machtverhältnisse. Der marktgläubige Wirtschaftsliberalismus sei deshalb fatal, hatte schon der Ökonom Walter Eucken gewarnt, weil er marktbeherrschende Oligopole entstehen lasse, deren enorme Macht fortan jede Politik verhindert, die sich gegen ihre Interessen richtet.
Heute stehen die Staaten unter der Aufsicht der Märkte beziehungsweise der sie dominierenden Konzerne. Das Ergebnis sind immer größere Verteilungskontraste. Der heutige Kapitalismus ist produktivitäts- und (real-)wirtschaftsfeindlich und zerstört die Grundfesten der Demokratie. Wer weniger Ungleichheit und mehr Wohlstand will, muss über eine neue Wirtschaftsordnung nachdenken.
Sahra Wagenknecht ist wirtschaftspolitische Sprecherin der Linke-Bundestagsfraktion.