Merken
Drucken
16.06.2011, 17:29
Schriftgröße: AAA
Revolte in Tunesien:
Wie Lügen zum Sturz des Diktators Ben Ali führten
© Bild:
2011 AFP
Der "arabische Frühling" begann mit kleinen Unwahrheiten. Sechs Monate nach der Selbstverbrennung eines tunesischen Straßenhändlers ist klar - vieles war nicht so, wie es schien. Ein Revoluzzer gibt zu: "Wir haben uns das alles ausgedacht."
von Ansgar Haase
Hätte es ohne Mohammed Bouazizi nie eine tunesische Revolution gegeben? Wäre vielleicht sogar in Ägypten noch alles beim Alten, und würden Gaddafi und Assad keine blutigen Kriege gegen ihre Völker in Libyen und Syrien führen? Auf diese Fragen wird es wohl nie eine endgültige Antwort geben. Mittlerweile ist allerdings klar, dass der Name des jungen Mannes auf alle Zeiten mit dem "arabischen Frühling" verbunden sein wird. An diesem Freitag ist es sechs Monate her, dass sich Bouazizi in der tristen tunesischen Kleinstadt Sidi Bouzid mit Benzin übergoss und anzündete.
Der 26-Jährige ahnte an jenem 17. Dezember 2010 nicht, dass seine Verzweiflungstat den Anstoß zu einem Jahrhundertereignis geben sollte, dass die Verbrennung sogar geschickt instrumentalisiert werden würde. Bouazizi wollte schlicht und einfach gegen die Behörden protestieren, die ihm nicht erlaubten, auf der Straße seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Die Politik war ihm fremd, berichteten wiederholt Freunde.
Nach Sturz in Tunesien
Flüchtlingsmassen auf Lampedusa
Die nachfolgende Revolution begann deswegen mit kleinen Lügen. Bouazizi war kein arbeitsloser Hochschulabsolvent, wie zunächst verbreitet wurde, sondern nur ein armer Straßenhändler. Und er wurde wahrscheinlich auch nicht von einer städtischen Ordnungshüterin gedemütigt und geschlagen. "In der Tat, wir haben uns das alles ausgedacht", sagte jüngst ein tunesischer Gewerkschaftsangehöriger der französischen Tageszeitung "Libération". Mit der Geschichte vom "diplomierten Opfer" sollte das tunesische Bildungsbürgertum zu Protesten gegen das Regime motiviert werden, mit der von einer schlagenden Beamtin die konservative Landbevölkerung.
"Seit den ersten Ausschreitungen in Gafsa (...) wussten wir, dass das Regime verwundbar ist", erläutert Lamine al-Bouazizi, der durch Zufall den gleichen Nachnamen wie das Verbrennungsopfer trägt. "Wir haben versucht, jede Demonstration in einen Protest gegen das Regime umzuwandeln." Aus Sicht des Gewerkschafters kam die Revolution keineswegs wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel.
Teil 2: Ben Ali soll Kokain genommen haben
-
dpa, 16.06.2011
© 2011 Financial Times Deutschland,
Bookmarken
Drucken
Senden
Leserbrief schreiben
Fehler melden