Es ist ein Fall, der Justizgeschichte schreiben könnte: Nach sechs Jahren penibler Recherche und der Befragung von 100 Zeugen sind Professor James Liebman und ein Team seiner Studenten von der Columbia University in New York überzeugt, dass 1989 in Texas ein Unschuldiger mit der Giftspritze hingerichtet wurde. Nicht der damals 26-jährige Carlos DeLuna habe sechs Jahre zuvor Wanda Lopez, eine Verkäuferin an einer Tankstelle in der texanischen Stadt Corpus Christi, mit einem Messer erstochen. Für den Mord sei vielmehr Carlos Hernandez verantwortlich, ein Bekannter des Hingerichteten, der ihm verblüffend ähnlich sah. Auch DeLuna hatte stets beteuert, Hernandez sei der Täter, doch weder die Ermittler noch die Geschworenen schenkten ihm Glauben.
Die Geschichte dieses Justizirrtums wurde jetzt auf 436 Seiten in der Columbia Human Rights Law Review veröffentlicht. Die Vierteljahresschrift der renommierten Columbia Law School räumte dafür eine Doppelnummer frei. Gegner der Todesstrafe in den USA reagierten elektrisiert auf die Rechercheergebnisse Liebmans.
Richard Dieter, der Direktor des Death Penalty Information Center in Washington, sagte dem Onlinemagazin Huffington Post: "Wir hatten bisher keinen Fall, bei dem jeder zustimmen musste, dass ein Unschuldiger hingerichtet wurde. Aber diese Untersuchung hat ein solches Gewicht, dass wir nach meiner Ansicht sagen können, ein besserer Beweis lässt sich nicht erbringen." Dieter ist überzeugt, dass heute verfügbare Ermittlungsmethoden bei einem neuen Prozess zu einem Freispruch DeLunas führen würden.
Nach dem nächtlichen Überfall auf die Tankstelle war DeLuna in der Nähe von der Polizei aufgegriffen worden. Der junge Mann war mehrfach wegen Einbrüchen und Autodiebstählen mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Er war verängstigt und versteckte sich unter einem Fahrzeug. Er sei weggelaufen, da er nur auf Bewährung in Freiheit war, sagte er. Ein Augenzeuge der Bluttat bestätigte, dass der Mörder wie DeLuna ausgesehen habe. Das reichte der Staatsanwaltschaft, um ihn anzuklagen.
Dabei passte die Beschreibung gar nicht auf DeLuna. Er trug in jener Nacht ein weißes Hemd und keinen grauen Pullover, wie der Augenzeuge ausgesagt hatte. Noch gravierender waren schwere Ermittlungsfehler am Tatort: Die Blutspuren und Fingerabdrücke wurden nicht gesichert, ein blutiger Fußabdruck nicht vermessen. DeLunas Hosen und Schuhe waren frei von Blut, doch das machte die Ermittler nicht stutzig. Die Tatwaffe, ein blutiges Messer, wurde nicht näher untersucht. Liebman sagte der Huffington Post, die Ermittlungen seien "mit großer Gleichgültigkeit" geführt worden.
Im Prozess sagte DeLuna dann, er habe Hernandez in der Tankstelle mit dem Mordopfer ringen sehen. Doch der Richter glaubte ihm nicht: Dieser Hernandez sei ein Produkt seiner Fantasie. Eine absurde Aussage, wie ein von Liebman beauftragter Privatermittler nach nur einem Tag herausfand. Denn Hernandez war bekannt: Einer der Ankläger DeLunas hatte zuvor gegen ihn prozessiert. Es gab zudem eine dicke Strafakte, aus der hervorging, dass Hernandez immer wieder Frauen überfallen und geschlagen hatte - und dass er nie ohne sein großes Messer unterwegs war. Doch zum einen war er Polizeiinformant, zum anderen war er bei möglichen Zeugen wegen seiner Brutalität gefürchtet.
Hernandez starb 1999 in Haft an einer durch exzessiven Alkoholkonsum verursachten Leberzirrhose. Erst nach seinem Tod rückten Personen aus seinem Umfeld mit dem entscheidenden Puzzleteil heraus, das die Unschuld DeLunas belegt: Hernandez selbst sagte gegenüber mehreren Bekannten, er habe Wanda Lopez erstochen. So gegenüber Janie Adrian, seiner Nachbarin: "Er sagte, er habe Wanda erstochen, und Carlos DeLuna hätten sie dafür rangekriegt", berichtet sie in einem Video, das Liebman auf der Interseite zu diesem Fall veröffentlichte. "Sein ,Tocayo‘, sein Doppelgänger, habe die Schuld tragen müssen", habe Hernandez ihr gesagt.
Dies ist der Albtraum für alle Verteidiger der Todesstrafe, die sie bei brutalen Mordtaten als einzig gerechte Sühne bezeichnen. Doch die Zweifel wachsen. Falls nachgewiesen werde, dass jemand für eine Tat hingerichtet wurde, die er nicht begangen habe, müsse man dessen Namen "von allen Dächern herabrufen", sagte vor einigen Jahren der stramm konservative Supreme-Court-Richter Antonin Scalia. Nun ist es so weit.