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FTD-Serie: Die Top-Ökonomen

Es gibt kaum eine heiße wirtschaftspolitische Debatte oder kluge ökonomische Analyse, in der ihr Name nicht fällt: Joseph Stiglitz, Kenneth Rogoff und Jagdish Bhagwati bilden mit einem guten Dutzend weiterer Top-Ökonomen einen einzigartigen Think Tank. So konträr ihre Ansichten auch sein mögen: Sie schreiben für eine exklusive Serie, die die FTD in Zusammenarbeit mit der internationalen Public-Benefit-Organisation 'Project Syndicate' veröffentlicht.
Merken   Drucken   03.12.2012, 10:31 Schriftgröße: AAA

Top-Ökonomen: Jeffrey Sachs - Sie lügen, bestechen, vertuschen

Ölkonzerne haben jahrelang gemeinsam mit den zumeist korrupten Regierungen die Bevölkerungen rohstoffreicher Staaten aushungern lassen. Mit Methoden des Kolonialismus' - nur besser getarnt. Es ist höchste Zeit für einen Richtungswechsel.
© Bild: 2010 AFP
Kommentar Ölkonzerne haben jahrelang gemeinsam mit den zumeist korrupten Regierungen die Bevölkerungen rohstoffreicher Staaten aushungern lassen. Mit Methoden des Kolonialismus' - nur besser getarnt. Es ist höchste Zeit für einen Richtungswechsel.
von Jeffrey Sachs

Jeffrey Sachs ist Professor für nachhaltige Entwicklung, Gesundheitspolitik und -management und Direktor des Earth Institute an der Columbia University. Er ist Sonderberater des Uno-Generalsekretärs Ban Ki-moon für die Millennium-Ziele


Als BP und seine Partner 2010 die Deepwater-Horizon-Ölkatastrophe im Golf von Mexiko verursachten, verlangte die US-Regierung, dass BP die Säuberungsmaßnahmen bezahlen, jene, die Schäden erlitten hatten, entschädigen und Strafen für die Gesetzesverstöße bezahlen müsse, die zu der Katastrophe geführt hatten. Inzwischen hat sich BP bereits zu einer Zahlung von mehr als 20 Mrd. Dollar verpflichtet. Auf Grundlage eines geschlossenen Vergleichs wird BP jetzt zusätzlich die höchste Geldstrafe in der Geschichte der USA bezahlen - 4,5 Mrd. Dollar.

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Dieselben Standards für Umweltsanierungen müssen für globale Konzerne gelten, die in den ärmeren Ländern agieren, wo ihre Macht gegenüber den dortigen Regierungen in der Regel so groß ist, dass viele ungestraft gegen die Gesetze verstoßen und verheerende Umweltschäden anrichten, für die sie kaum zur Rechenschaft gezogen werden. Mit Eintritt in eine neue Ära nachhaltiger Entwicklung muss sich Straflosigkeit in Verantwortung verwandeln. Die Verschmutzer müssen zahlen, in reichen oder armen Ländern.

Nigeria ist das Musterbeispiel dafür, wie Konzerne ungestraft die Umwelt schädigen. Seit Jahrzehnten produzieren große Ölgesellschaften wie Shell, Exxon Mobil und Chevron Öl im Nigerdelta, einem ökologisch fragilen Gebiet. Dieses fruchtbare Land ermöglicht eine bemerkenswerte biologische Vielfalt - oder tat es, bevor die Ölgesellschaften es entdeckten - und ernährt mehr als 30 Millionen Einwohner.

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Vor zwanzig Jahren stufte die International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (ICUN) das Nigerdelta als eine Region von hoher biologischer Vielfalt in der Meeres- und Küstenflora und -fauna ein; und daher als besonders schützenswert. Zugleich jedoch stellte die ICUN fest, dass der Artenreichtum der Region massiv bedroht war und über keinen nennenswerten Schutz verfügte. Die im Delta tätigen globalen Konzerne haben seit Jahrzehnten ohne Rücksicht Öl auslaufen lassen, Erdgas abgefackelt und die örtlichen Gemeinwesen in Armut gestürzt und vergiftet. Eine Schätzung setzt die Gesamtmenge des in den letzten 50 Jahren ausgetretenen Öls bei etwa zehn Millionen Barrel an - doppelt so viel wie BP.

Die Datenlage ist allerdings unsicher: Es hat während dieses Zeitraums viele Tausende von Ölkatastrophen gegeben, die oft schlecht dokumentiert wurden und deren Größenordnung von den Unternehmen oder Regierungen vertuscht oder schlicht nicht gemessen wurde. Tatsächlich gab Exxon Mobil genau zu dem Zeitpunkt, als BP mit den neuen Geldstrafen belegt wurde, gerade wieder ein neues Pipelineleck im Nigerdelta bekannt.

Die Umweltzerstörung im Delta ist Teil einer größeren Saga: Korrupte Unternehmen arbeiten Hand in Hand mit korrupten Regierungsvertretern. Die Unternehmen bestechen die Regierungsvertreter routinemäßig, um Öllizenzen zu erhalten. Sie lügen über die Fördermenge, hinterziehen Steuern und entziehen sich der Verantwortung für die Umweltschäden. Viele nigerianische Regierungsvertreter haben es dank jahrzehntelanger Bestechung durch internationale Konzerne zu sagenhaftem Reichtum gebracht. Shell, der größte ausländische Betreiber im Nigerdelta, ist wiederholt für seine ungeheuerlichen Praktiken und seine mangelnde Verantwortungsbereitschaft kritisiert worden.

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Zugleich hat sich an der Armut der örtlichen Bevölkerung nichts geändert, wegen starker Luftverschmutzung und vergiftetem Trinkwasser leidet sie unter Krankheiten. Die Gesetzlosigkeit vor Ort hat zu Bandenkriegen und dem anhaltenden Anzapfen der Pipelines geführt, um Öl zu stehlen.

In der Kolonialzeit war es offizieller Zweck imperialer Macht, aus den verwalteten Kolonien Reichtum zu ziehen. In der postkolonialen Periode werden die Methoden einfach nur besser vertuscht. Das Fehlverhalten der Ölgesellschaften in Nigeria oder anderswo wird durch die Macht ihrer Heimatländer geschützt. Lasst die Unternehmen in Ruhe, heißt es aus den USA und Europa. Tatsächlich wurde eine der höchsten Bestechungszahlungen der jüngsten Zeit (angeblich 180 Mio. Dollar) in Nigeria von Halliburton gezahlt - einem Unternehmen, das eng mit der politischen Macht der USA verbandelt ist: Dick Cheney war Halliburtons CEO, bevor er zum US-Vizepräsidenten aufstieg.

Die Regierungen unserer Welt haben jüngst vereinbart, Schritte hin zu einem neuen Rahmen für nachhaltige Entwicklung zu unternehmen. Sie haben auf dem Rio+20-Gipfel im Juni ihre Absicht erklärt, nachhaltige Entwicklungsziele zu verabschieden. Diese Ziele stellen für die Welt eine wichtige Gelegenheit dar, klare, in sich schlüssige Standards für das Verhalten von Regierungen und Konzernen aufzustellen. Viele wichtige Unternehmen, auch in der Ölindustrie, haben ihre Bereitschaft zur Unterstützung der nachhaltigen Entwicklungsziele zum Ausdruck gebracht.

Die Sanierung des Nigerdeltas wäre das beste Beispiel für ein neues Zeitalter der Rechenschaftspflicht. Shell , Chevron , Exxon Mobil  und andere große Ölgesellschaften sollten vortreten. Sie sollten helfen, notwendige Sanierungsmaßnahmen zu finanzieren, und so eine neue Ära der Verantwortlichkeit einläuten. Es geht dabei auch um die Verantwortlichkeit der nigerianischen Regierung selbst.

Die Sanierung des Nigerdeltas bietet dem Land selbst, der Ölindustrie und der internationalen Gemeinschaft eine ideale Gelegenheit, überzeugend zu zeigen, dass ein neues Zeitalter angebrochen ist. Von nun an darf nachhaltige Entwicklung kein bloßes Schlagwort mehr sein, sondern muss vielmehr ein operativer Ansatz zur Global Governance und zum Wohl eines überstrapazierten, übervölkerten Planeten sein.

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  • FTD.de, 03.12.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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