Robert Skidelsky ist Mitglied des britischen Oberhauses und Professor emeritus für politische Ökonomie an der Warwick University.
US-Präsident Barack Obama hat gelobt, den Mord an dem ehemaligen Borschafter in Libyen, J. Christopher Stevens, zu rächen. Wie er das tun will, ist unklar. Ein Blick zurück in die Geschichte der Kriege bietet wenig Hilfe.
Im Jahre 1864 beispielsweise nahm der Kaiser von Abessinien in der damaligen Hauptstadt Magdala den britischen Konsul und einige Missionare als Geisel. Drei Jahre später setzten die Briten ein Expeditionskorps von 13.000 Soldaten, 26.000 Zivilisten und 44 Elefanten in Marsch, weil Kaiser Tewodros die Freilassung der Geiseln weiter verweigerte. Drei Monate marschierten die Briten durch die Berge, bis sie Magdala erreichten. Sie befreiten die Geiseln und brannten die Hauptstadt komplett nieder. Kaiser Tewodros nahm sich das Leben, und die Briten zogen wieder ab.
Die heutigen Großmächte setzen auch gegen winzige Gegner bisher auf ähnliche Methoden - mit gleichermaßen großen Worten, aber weniger überzeugenden Ergebnissen. Die USA entsandten in den 1960er Jahren 500.000 Soldaten nach Vietnam - zogen aber ab, bevor Nordvietnam den Süden 1975 überrannte. Die Russen begannen 1987 mit dem Abzug ihrer 100.000 Soldaten aus Afghanistan, nachdem sie es in dem neun Jahre dauernden Kampf nicht geschafft hatten, das Land zu unterwerfen.
Heute - 25 Jahre und 500 Mrd. Dollar später - stehen rund 100.000 NATO -Soldaten (überwiegend Amerikaner) vor dem Rückzug aus Afghanistan, obwohl es noch immer zu großen Teilen von den Taliban kontrolliert wird. Und auch aus dem Irak haben die USA zugleich 150.000 Soldaten abgezogen - nach ebenfalls neun frustrierenden Jahren.
Die Belege sind also eindeutig: Große Länder können vermeintlich kleine Kriege verlieren. Falls also der massive Einsatz von Gewalt scheitert, wie soll dann ein großes Land erfolgreich in die Angelegenheiten eines kleinen Landes eingreifen? Sollte es überhaupt eingreifen, auch wenn es überzeugt ist, dass seine Interessen oder moralischen Verpflichtungen es dazu zwingen?
Gillo Pontecorvos brillanter Film aus dem Jahre 1966, "Schlacht um Algier", machte das Dilemma deutlich. Der Aufstand der Nationalen Befreiungsfront (Front de Libération National, FLN) gegen die französische Kolonialherrschaft begann 1954 mit der Ermordung von Polizisten. Die Franzosen reagierten zunächst mit den üblichen Maßnahmen: mehr Polizei, Einführung von Sperrstunden, Kriegsrecht und anderem. Doch der Aufstand breitete sich aus, mit zunehmenden Gräueltaten auf beiden Seiten. 1957 schickten die Franzosen dann Fallschirmjäger ins Land. Ihr Kommandant im Film erläuterte die Logik der Situation aus französischer Perspektive: Man könne den Aufstand nicht dadurch niederschlagen, dass man sich die Bevölkerung durch "nutzlose" Unterdrückungsmaßnahmen zum Feind mache. Er empfahl im Gegenteil die Kommandostruktur der FLN auszuschalten. Gelänge dies, wäre die Masse führungslos. Dieser Weg erforderte den Einsatz von Folter, um die FLN-Führer zu identifizieren und aufzuspüren, gefolgt von ihrer Ergreifung oder Ermordung. Folter war zwar illegal, aber - wie der Oberst erläuterte: "Wenn du willst, dass Frankreich bleibt, musst du die Folgen akzeptieren."
Die Tötung Osama bin Ladens im vergangenen Jahr erforderte ein solches Tötungskommando, weil es den Erfolg der Mission bestätigen musste. Normalerweise kann man derartige Tötungen Drohnen überlassen - unbemannten Flugkörpern, die primär zur Aufklärung eingesetzt werden, oder mit computergelenkten Raketen bewaffnet werden können. Es überrascht nicht, dass die USA mit einem Bestand von 7500 Stück der führende Entwickler und Nutzer von Drohnen sind. Bisher wurden schätzungsweise 3000 Menschen durch Drohnen getötet, zumeist in Pakistan, aber auch im Jemen und in Somalia.
Die zweite Hälfte derStrategie zur Aufstandsbekämpfung besteht darin, die "Herzen und Köpfe" der Bevölkerungen zu gewinnen. Die Amerikaner haben das in Vietnam durch Konsumgüter und den Aufbau der Infrastruktur versucht, und versuchen heute dasselbe im Irak und in Afghanistan. Die zivile Seite des "Nationbuilding", so die Annahme, dürfte durch das Fehlen einer unterdrückenden ausländischen Militärpräsenz erleichtert werden.
Der Versuch, die Herzen und Köpfe der Menschen zu gewinnen, ist eindeutig eine Verbesserung gegenüber Bombardierungen oder Erschießen der örtlichen Bevölkerung. Doch wirft diese neue Methode "asymmetrischer Kriegsführung" unbequeme ethische und rechtliche Fragen auf. Das Übereinkommen der Vereinten Nationen gegen Folter verbietet ausdrücklich jede "grausame, unmenschliche oder entwürdigende Behandlung oder Bestrafung". Ihr Einsatz muss also in Abrede gestellt werden. Zudem führen Tötungen durch Drohnen unweigerlich zum Tod unschuldiger Zivilisten - genau das Verbrechen, das Terrorismus definiert.
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Selbst wenn man moralische und rechtliche Fragen beiseite lässt - was man nie tun sollte -, ist es fraglich, ob die Strategie der Folter und Tötungen ihren konfliktmildernden Zweck erreichen kann. Sie wiederholt den Fehler von 1957, als Massus davon ausging, es mit einer geschlossenen Organisation und einer einzigen Kommandostruktur zu tun zu haben. Für ein paar Jahre wurde es nach seiner Ankunft in Algier auch relativ ruhig. Dann brach der Aufstand aber erneut und mit doppelter Stärke los, bis die Franzosen das Land 1962 verlassen mussten.
Die internationale Gemeinschaft verkennt auch heute die Beschaffenheit des von ihr geführten "Krieges" in ähnlicher Weise. Es gibt nicht die eine weltweite Terrororganisation mit einem einzigen Kopf. Soweit Al Qaeda heute überhaupt noch existiert, ist es eine Hydra, der so schnell neue Köpfe wachsen, wie die alten abgeschlagen werden. Und der Versuch, "Herzen und Köpfe" mit westlichen Waren zu gewinnen, korrumpiert die eingesetzten Regierungen im Zielland und diskreditiert sie. So war es in den 1960er Jahren in Vietnam, und so ist es heute im Irak und in Afghanistan.
Wir werden langsam, aber unvermeidlich zu der Erkenntnis kommen, dass die von uns bekämpften Menschen die zerrütteten Länder erben, die wir hinterlassen haben und hinterlassen werden. Die Menschen kämpfen am Ende immer für das Recht ihrer Völker, ihre Angelegenheiten auf ihre Weise zu regeln, sei sie nach westlichen Maßstäben noch so unverständlich.
Danken sollten wir dafür der Französischen Revolution. Sie hat uns die Vorstellung hinterlassen, dass Selbstbestimmung immer besser ist als eine noch so gute Regierung durch andere.
Im englischen Original schrieb der Prof. nicht: "wir sollten der franz. Revolution danken", sondern dass ihr geistiges Erbe daran SCHULD sei, wenn "wir" Selbstbestimmung höher schätzen vis-a-vis "good government" ..