Polen träumt von einem neuen Schatz: Schiefergas. Experten vermuten in tiefen Gesteinsschichten Vorkommen, die das Land 200 Jahre lang versorgen könnten. Seitdem wird wie wild gebohrt - alle großen ausländischen Konzerne sind mit von der Partie.
von Andrzej RybakLegowo
Ein Muster von Feldern und Wiesen, malerisch bis zum Horizont. Hier und da tauchen Weiler und Dörfer auf, die sich mit glänzenden Kirchspitzen ankündigen. Die Ernte ist längst eingefahren, Traktoren pflügen bereits die verbliebenen Weizenstoppeln um.
Die Welt zwischen dem Weichseldelta dem Kaschubenland ist ein Idyll.
Doch dann, gleich hinter dem Ortsschild von Legowo, ragt ein stählerndes Ungetüm in den Himmel. 41 Meter hoch. Das Röhren der Motoren hat längst die Vögel verscheucht. Hinter einem Erdwall herrscht seit einer Woche Hochbetrieb.
Mächtige Bohrer drehen sich in die Erde, rund um die Uhr, in zwei Schichten. Bis 3500 Meter dringen sie in die Tiefe, um auf einen Schatz zu stoßen: Schiefergas, gefangen in 400 Millionen Jahre alten Gesteinsschichten. Auftraggeber der Bohrungen ist Lane Energy, ein britischer Investor.
Schiefergasvorkommen in Polen
Auf diesem Schatz ruhen die Hoffnungen des ganzen Landes. Zwar sind in Polen erst zwei Testbohrungen durchgeführt worden, und die Ergebnisse werden frühestens zum Jahresende bekannt - doch geträumt wird schon längst. "Wir werden den Rückstand zu den Reichsten schnell aufholen", freut sich Hanna Brejwo, die Gemeinderatsvorsitzende. "Polen wird international an Gewicht gewinnen." Auch polnische Zeitungen jubeln über das "Gas-Eldorado" und das "Scheichtum an der Weichsel".
Grund für die Träumereien sind Schätzungen von US-Experten: Die Beraterfirma Wood Mackenzie, die auf Rohstoffe spezialisiert ist, beziffert die Vorkommen auf 1400 Milliarden Kubikmeter Schiefergas. Noch optimistischer ist Advanced Resources International - die Fachleute sprechen von 3000 Milliarden Kubikmetern. Das wären Reserven, wie sie in Europa nur das reiche Norwegen hat. Beim heutigen Verbrauch würde die Menge den Polen für 200 Jahre reichen. "Schiefergas ist die Chance, dass Polen - ich möchte nicht übertreiben - in zehn bis 15 Jahren zu einem zweiten Norwegen wird", schwärmt Radoslaw Sikorski, der Außenminister.
Kamlesh Parmar, Landeschef von Lane Energy, glaubt ebenfalls an eine goldene Zukunft: "Wir sind überzeugt, dass wir in Polen auf Schiefergasvorkommen stoßen werden." Das Tochterunternehmen von 3Legs Resources liefert sich derzeit ein Wettrennen mit anderen Bohrfirmen - und ist einer der Anführer: Bereits im Juli hat es die erste Bohrung in Lebien abgeschlossen. Insgesamt sicherten sich die Briten sechs Konzessionen in Nord- und drei in Südpolen mit einer Fläche von 640.000 Hektar.
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